Partner von:

"So will ich nicht mehr arbeiten"

Frau, Schreibtisch, Computer, Erschöpfung, Trauer [Quelle: pexels.com, Andrea Piacquadio]

Quelle: pexels.com, Andrea Piacquadio

In den USA geben trotz Pandemie Millionen Menschen freiwillig ihren Job auf. Rollt die Kündigungswelle auch in Deutschland?

Amelie Kreft hat ihren Job gekündigt – und das mitten in der Corona-Krise. Seit zwei Jahren hatte sie in einem Hamburger Beratungsunternehmen gearbeitet, als die Pandemie ausbrach. Die Arbeitsbelastung sei schon vorher hoch gewesen, doch während der Krise sei es für sie unerträglich geworden. Von ihren Vorgesetzten fühlte sie sich alleingelassen, erzählt Kreft, deren Name hier geändert ist: "Irgendwann saß ich jeden Morgen vor meinem Laptop und habe geweint." Da sei ihr klar geworden: "So will ich nicht mehr arbeiten."

Nicht nur Kreft ergeht es so. Vor allem in den USA kündigen Millionen Menschen freiwillig ihren Job. Das Phänomen der "Great Resignation" – was so viel bedeutet wie große Ernüchterung – greift seit Oktober 2020 um sich. Zwischen Juli und November dieses Jahres gaben laut amerikanischem Arbeitsministerium 21,3 Millionen Beschäftigte freiwillig ihren Job auf. Allein im September waren es rund 4,4 Millionen und im November sogar 4,5 Millionen Menschen – das entspricht jeweils 3 Prozent aller Beschäftigten und ist die höchste Quote seit Einführung der Statistik im Jahr 2001.

Enorme Auswirkungen der Pandemie

Besonders hoch war die Kündigungsrate nach vorläufigen Zahlen zuletzt im Bereich Hotellerie und Gastgewerbe: Mehr als eine Million Menschen kündigten dort im November ihren Arbeitsplatz. Auch im Einzelhandel gaben überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer ihren Job auf. Das Phänomen beschränkt sich aber keineswegs auf kontaktintensive und traditionell schlechter bezahlte Sektoren: Im Bereich der Unternehmensberatung warfen 798.000 Angestellte das Handtuch.

Bei diesen Zahlen fällt es schwer zu glauben, dass zu Beginn der Pandemie im März und April 2020 zeitweise bis zu eine Million Amerikaner je Tag ihren Job verloren. Eigentlich würde man vermuten, dass sich all jene, die davon verschont blieben, an ihren Job klammern. Doch die Kündigungswelle könnte weiter steigen und andere Länder erfassen. Laut einer Umfrage des Softwarekonzerns Microsoft unter 30.000 Arbeitnehmern auf der ganzen Welt planen 41 Prozent der Befragten, ihre Stelle zu wechseln.

Auch in Deutschland seien die Kündigungsabsichten nach dem ersten Lockdown deutlich gestiegen, sagt Hannes Zacher, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Leipzig. Mit seinem Team hat er Arbeitnehmer seit Ende 2019 regelmäßig zu ihrer Arbeitszufriedenheit befragt. "Die pandemiebedingte Abweichung von gewohnten Arbeitsweisen hat dazu geführt, dass Arbeitnehmer mehr über ihre Arbeitsbedingungen nachgedacht haben und ob sie wie bisher weiterarbeiten wollen", erklärt er.

"Big Quit" noch nicht in Deutschland

In der Umfrage von Microsoft hatte rund ein Fünftel der Beschäftigten beklagt, dass sich ihr Arbeitgeber nicht für ihre Work-Life-Balance interessiere. 54 Prozent gaben an, sich überarbeitet zu fühlen. Entscheidender noch als die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sei für die Arbeitszufriedenheit jedoch die Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte – und vor allem Wertschätzung, sagt Zacher. "Das muss sich gar nicht unbedingt monetär ausdrücken, die bloße Anerkennung der geleisteten Arbeit reicht oft schon."

Durch die Pandemie hätten sich die bestehenden Probleme in vielen Bereichen verstärkt. Zum Beispiel in der Pflege, wo die Personaldecke schon vor der Pandemie dünn war, erwägten wegen der zusätzlichen Arbeitsbelastung immer mehr Arbeitnehmer zu kündigen. Aber auch im Gastgewerbe sei die Unzufriedenheit gewachsen, berichtet Zacher. Das könne daran liegen, dass viele Arbeitnehmer der Branche in Kurzarbeit waren oder es durch neue Arbeitsabläufe etwa aufgrund von Hygienekonzepten zu mehr Stress gekommen sei.

Den "Big Quit", also das große Kündigen, beobachten Arbeitsmarktforscher in Deutschland bisher nicht. "Die Fluktuation auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat durch die Pandemie nicht zugenommen", sagt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB). Im Gegenteil: Zu Beginn der Pandemie im März und April 2020 habe es zwar mehr Entlassungen gegeben, danach aber seien diese ebenso wie die freiwilligen Kündigungen von Arbeitnehmern unter das Vorkrisenniveau gesunken.

"Die Kündigung ist immer der letzte Schritt"

"Vielen Beschäftigten ist ein Stellenwechsel in wirtschaftlich unsicheren Zeiten zu riskant", erklärt Weber. Zugleich habe der umfassende Einsatz von Kurzarbeit eine Perspektive für den Erhalt der Jobs signalisiert, was die Kündigungen zusätzlich eingedämmt habe. Die verfügbaren Daten reichen nur bis Mai 2021, doch Weber geht nicht davon aus, dass sich in den vergangenen Monaten grundsätzlich etwas geändert hat. "Durch die wirtschaftliche Erholung im Sommer ist sicher wieder mehr Bewegung in den Arbeitsmarkt gekommen, aber die Krise ist noch nicht überstanden", betont er.

Tatsächlich setzen nur wenige Beschäftigte ihre Kündigungsabsichten am Ende auch in die Tat um. "Die Kündigung ist immer der letzte Schritt", sagt Zacher. Wer unglücklich mit seinem Job ist, dem rät der Arbeitspsychologe zu einem sogenannten "Job Crafting". Dabei geht es darum, den eigenen Job selbständig zu verändern und dadurch zu verbessern.

Mehr Geld nicht das einzige Argument

"In Absprache mit Vorgesetzten kann etwa der Aufgabenbereich neu gestaltet werden", erklärt Zacher. Eine Veränderung der Beziehung zu Kollegen sei ein weiterer wichtiger Baustein. Oft helfe es auch, darüber nachzudenken, welchen Beitrag die eigene Arbeit leistet. "Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die aufgezeigt bekommen, wie bedeutsam ihr Job im Großen und Ganzen ist, wieder zufriedener mit ihrer Arbeit sind", sagt Zacher.

Am Ende müssen aber auch die Arbeitgeber handeln, um ihre Beschäftigten zu halten. Der Arbeitspsychologe empfiehlt zum Beispiel Trainings für Führungskräfte. Wenn diese lernten, ihren Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegenzubringen oder besser mit ihnen zu kommunizieren, könne dies die Arbeitszufriedenheit maßgeblich verbessern. Neben einer flexibleren Gestaltung der Arbeitszeiten könne aber auch ein höheres Gehalt Arbeitnehmer zum Bleiben bewegen.

Mehr Geld verdient Amelie Kreft heute zwar nicht, zufriedener ist sie aber trotzdem. Sie arbeitet inzwischen bei einem großen Energieversorger, kommuniziert und koordiniert dort die Zusammenarbeit im Team. Was ihr besonders gut gefällt: "Hier macht nicht jeder einfach sein Ding, sondern es gibt einen richtigen Austausch." Auch die Arbeitsbelastung habe sich deutlich verbessert. Ein Wechsel zurück in die Beratung kommt für sie nicht infrage. "Es kann sein, dass es anderen Spaß macht, so zu arbeiten. Aber für mich ist das nichts."

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Jobletter

Alle 2 Wochen Jobs & Praktika in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Ansprechpartner
Ralf Maywald

Vertriebsdirektor
iregevro@r-sryybjf.arg
+49 151 548 093 86

Kunden-Newsletter

Aktuelles zu Recruiting und Hochschulmarketing -

alle zwei Monate in Ihr Postfach