Marshall Sahlins: Der Tod des Kapitän Cook

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Vorstellung von Marshall D. Sahlins: Der Tod des Kapitän Cook
Untertitel: Geschichte als Metapher und Mythos als Wirklichkeit in der Frühgeschichte des Königreiches Hawaii


Kurzzusammenfassung

Unter den Augen eines Kulturanthropologen betrachtet Marshall Sahlins die Geschehnisse auf den Hawaii- bzw. Sandwichinseln von deren Entdeckung durch den britischen Kapitän James Cook am 17.Januar 1779 bis hin zu den Anfängen des Königreiches Hawaii zu Beginn des 19.Jahrhunderts. Mit der Entdeckung Hawaiis setzt ein Reproduktions- bzw. später sogar Transformationsprozess der hawaiischen Kultur ein, der durch den Zusammenprall mit der völlig fremden Welt der Engländer den Stein des Anstoßes erhält und durch spätere Händler und andere Seefahrer weitergeführt wird. Dieses Aufeinandertreffen zweier völlig unterschiedlicher Kulturen dient dem Autor als vortreffliches Beispiel dafür, wie sich Strukturmodelle im historischen Prozess entwickeln und wandeln.

Außerdem zeigt Sahlins, wie im Falle der im Ritual der Hawaiier vorhergesehenen Tötung des Kapitäns Metaphern in der von Mythen geprägten Weltanschauung der Hawaiier Wirklichkeit wurden. Indem sie Cook ermordeten, „wurde [dessen] Schicksal also das historische Abbild einer mythischen Theorie (S. 35).“

Inhalt

Sahlins klärt in der Einleitung, dem ersten von vier Kapiteln, erst einmal über den Strukturalismus im Verhältnis zur Geschichte auf (in diesem Zusammenhang werden uns auch die Grundsätze der strukturalistischen Semiologie hingebreitet) und er behauptet, dass jener ungeeignet dazu sei, historischen Wandel zu untersuchen. Denn er beziehe nicht die individuell unterschiedlich mögliche Gestaltung von strukturtransformierenden Prozessen – hier kommt die Anthropologie ins Spiel – mit ein, auf die Sahlins sehr viel Wert legt, was er im Schlussabschnitt noch einmal genauer ausformt.

Daraufhin beginnt der Autor die tatsächliche Untersuchung von Cooks kurzem Leben vor dem Hintergrund der „longue durée“, mit der er die dem Leben auf den Inseln im Stillen Ozean zu Grunde liegenden Mythen-Strukturen klarstellt und den Leser in die Sagenwelt der Hawaiier entführt. Zum Vergleich werden andere polynesischen Kulturen (besonders die Maori) sehr detailreich herangezogen. Die hawaiische Kultur kann sich laut Autor als eine dem Mythos verbundene Geschichte selbst reproduzieren, also weiterentwickeln und auf Strukturveränderungen reagieren. Dementsprechend widerfährt Cook innerhalb dieser Grundstrukturen zunächst einmal ein Glücksfall, und zwar wird er von den Hawaiiern unmittelbar nach seiner Landung zum Fruchtbarkeitsgott Lono erhoben. Laut hawaiischer Geschichte kamen nämlich bereits in der Vergangenheit Götter auf „schwimmenden Inseln“ (=Schiffen) nach Hawaii und reformierten dort das System, indem sie den dort ansässigen Häuptling entthronten, Tempel errichteten und das Menschenopfer einführten. Nun wechseln sich die Götter Ku (der in Form des Häuptlings, zu dieser Zeit Kalaniopuu, repräsentiert wird) und Lono (zu dem die Hawaiier Cook erhoben) jedoch in Zyklen ab, und Cook erreichte eben genau an dem Tag die Bucht von Kealakekua, an dem Ku von Lono abgelöst werden sollte. Als Cooks bzw. Lonos Herrschaftsperiode wiederum abgelaufen war, forderte Häuptling-Gott Kalaniopuu gemäß dem Ritual Cooks Ermordung, die dann auch durchgeführt wurde. Die Hawaiier verbrannten „Lonos“ Oberkörper und verwahrten dessen heilige Gebeine im Tempel, die sie beim alljährlichen Wechsel zu Lonos Zyklus in Zeremonien feierlich um die Insel trugen.

Doch mit dem „cooked Cook“ fängt Sahlins’ Aussage und Untersuchung eigentlich erst an: Wie Cook sollten auch bald den anderen Göttern der Hawaiier ein Ende gemacht werden und deren gesamte Gesellschaftsstrukturen wie auch deren Weltanschauung transformiert werden. Als erstes werden die Hawaiier mit dem für Briten unabdingbaren „right of property“ vertraut gemacht. Weiterhin macht sich die Freizügigkeit der hawaiischen Frauen, die sich den göttlichen Briten schon fast penetrant zum Geschlechtsverkehr hingeben, später bezahlt, denn Cooks Schiffbesatzung beginnt, die Lustakte in Form von Waren zu bezahlen. Es setzt nun ein regelrechter Handelswahn der einfachen hawaiischen Bevölkerung ein. Deren Männer stellen gegen Warenaustausch nur zu gerne ihre Frauen für derartige Treffen zur Verfügung, oder sie versorgen die britischen Schiffe mit Speisen, wofür sie andere britische Güter erhalten. Damit untergraben sie ihre Häuptlinge, die sich durch zahlreiche Tabus ein Handelsvorrecht einräumen und ihre Häuser nicht voll genug von ertauschten britischen Gegenständen bekommen können. Diese Dinge – meist Kleidungsstücke oder Eisenwaren – haben nun eine Art von besonderer Macht inne, das „Mana“. Häuptlinge beginnen sogar, sich britische Namen zu geben und sich britisch zu kleiden. Das überkommene hawaiische System tritt in eine dialektische Beziehung zur gegenwärtigen Praxis, ein Wechselspiel also zwischen althergebrachten Kategorien und neuen, die automatisch, wenn auch nicht ohne Probleme, integriert werden, um sich als Kultur zu reproduzieren. Der Strukturwandel ist in Sahlins’ drittem Kapitel also in vollem Gange.

Durch zahlreiche Tabuüberschreitungen auch seitens der Häuptlinge und deren Konflikte mit dem einfachen Volk, welches große Freude daran findet, den Gewalttaten der Engländer zuzusehen und diesen alle möglichen Verschwörungspläne der Häuptlinge zu verpetzen, wird dann auch das Tabusystem schließlich abgeschafft. Der importierte christliche Glaube der Engländer führte zu einem enormen Streit der Häuptlinge untereinander über die Erhaltung bzw. Abschaffung des Tabus, den die christlichen Anti-Tabu-Häuptlinge dank besseren Kontakten zu auswärtigen Hilfsquellen schließlich kriegerisch für sich entscheiden. Im Zusammenhang mit dieser kompletten Umstülpung der hawaiischen Realitätsauffassung wird die „Struktur der Konjunktur“ beschrieben: „Indem Handeln noch nie da gewesene Beziehungen zwischen den handelnden Subjekten mit sich bringt, und zwar zwischen ihnen selbst wie in bezug auf die Handlungsgegenstände, mit denen sie es zu tun haben, hat es auch unerwartete Festlegungen von Kategorien zur Folge (S. 60).“

Im Schlusskapitel vervollständigt der Autor die Einleitung mit weiteren theoretischen Erörterungen zur Reproduktion bzw. Transformation von Strukturen in der Geschichte. Sahlins erklärt, wie die auf der Ebene praktischen Handelns neu entstandenen Werte als grundlegend neue Beziehungen zwischen den Kategorien des Systems in dieses zurückkehren. Man erwarte zwar von den Menschen innerhalb seiner Kultur bestimmte Handlungsweisen, diese Erwartungshaltung gegenüber „Fremden“ bestünde jedoch nicht. Durch neue, vom „Fremden“ durchgeführte Handlungen verändern sich je nach Handlungsart bestimmte Kategorien und mit ihnen das eigene System in unterschiedlichem Maße, es reproduziert sich, indem es seine bereits vorhandenen Kategoriebestimmungen erweitert. Im Extremfall, wie es auf Hawaii vorkam, endet diese Reproduktion als Transformation, einer Kulturrevolution sozusagen, da die alte Kultur sich erschöpft hat. Dieses Muster führt Sahlins dann weiter aus, ergänzt es durch Beispiele von Umwertungsprozessen verschiedener Kategorien, besonders derer von Zeichen durch die individuell verschieden mögliche Deutungsweisen dieser. Hallo !

Fazit

Marshall Sahlins’ Werk ist ein in jeder Hinsicht spannendes Buch, interessant geschrieben und auch für den Laien mit etwas Anstrengung durchaus verständlich formuliert. Er liefert ein farbenfrohes Bild der hawaiischen Kultur und stellt den Aufeinanderprall der britischen Welt und jener der Ureinwohner sehr geflissentlich dar. Was mir noch etwas unklar blieb, ist, wie die einfache hawaiische Bevölkerung ihre Götter sah, wo diese doch einerseits im Tempel verehrt wurden und andererseits von den Häuptlingen inkorporiert waren. Wenn, wie Sahlins behauptet, die einfachen Hawaiier allerdings nie besonders großes Interesse an Tempelbesuchen fanden und der Religion sowieso recht fremd waren, wieso wurde Lonos/Cooks göttliche Ankunft dann so gefeiert? Somit steht der Verfasser mit seiner Untersuchung nicht ohne Kritiker da, beispielsweise stellte Sahlins’ Lieblingsgegner Gananath Obeyesekere 1992 in „The Apotheosis of Captain Cook – European Mythmaking in the Pacific“ die komplette Geschichte Hawaiis auf den Kopf, indem er die Apotheose Cooks angeblich als Lüge und Erfindung der Europäer entlarvte. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch auch dank seines geringen Umfangs eine lohnende Leseanstrengung.