LL.M. in Reykjavik, Island

Adrian Loets, Referendar

Umweltrecht im Land der Vulkane, Gletscher und Geysire

Islands weite und unberührte Natur bietet nicht nur den richtigen landschaftlichen Rahmen für ein Studium des europäischen und internationalen Umweltrechts. Wenn es auch bisweilen unorthodox zugeht, bietet die kleine University of Iceland (Háskóli Íslands) zudem engen Kontakt zu den Dozenten sowie Gelegenheit, den eigenen Interessen nach Lust und Laune nachzugehen. Nicht zuletzt machen das einmalige Kultur- und Nachtleben Reykjavik zu einer lebenswerten Studienstadt.

Leben in Europas nördlichster Hauptstadt

Island liegt genau zwischen der nordamerikanischen und der eurasischen Erdplatte. Auch kulturell scheint die Insel zwischen einer liberalen skandinavischen Gesellschaft und einem American Way of Life zu changieren. Rund um Reykjavik befinden sich ausgedehnte Gewerbeparks, riesige Geländewagen donnern über vierspurige Stadtautobahnen, an jeder Ecke steht ein Drive-Through. Die Innenstadt von Reykjavik ("101 Reykjavik") hingegen ist ein kleines Dorf mit lustigen bunten Häuschen. Man trifft dauernd Kommilitonen und Professoren oder macht zufällige Bekanntschaften. Zwischen den wenigen Straßenzügen tobt mindestens genauso viel kulturelles Leben wie in Berlin-Kreuzberg und dem Hamburger Schanzenviertel zusammen. Jeden Abend gibt es Konzerte von völlig unbekannten, aber sehr talentierten isländischen Bands sowie Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen. Der wahre Schatz Reykjaviks ist jedoch die Umgebung: Nur eine halbe Autostunde vor der Stadt wird die Besiedlung dünner, und Europas letzte Wildnis wartet mit unzähligen Gletschern, Fjorden und moosbewachsenen Lavafeldern auf – den rauen Nordatlantik dabei stets in Sichtweite.

Warum ein LL.M. in Reykjavik?

Das Wichtigste vorweg: Reykjavik ist nicht Oxford. Für wen also das akademische Ansehen seiner Gastinstitution entscheidend ist, der sollte lieber ein anderes Programm wählen. Dennoch bietet der LL.M. in Reykjavik viele Vorteile. Das erste Plus ist, wie schon erwähnt, die geringe Größe der Uni. Da Island ebenfalls winzig ist, sind viele der Dozenten gleichzeitig auch hochrangige Mitarbeiter in Ministerien oder anderen Regierungsstellen. Seerecht wird zum Beispiel von Islands Vertreter in der internationalen Walfangkommission (IWC) mit enormem praktischen Wissen unterrichtet. In WTO-Recht tritt die Leiterin der Währungsabteilung der isländischen Zentralbank auf und gibt Einblicke hinter die Kulissen der isländischen Krise im Jahr 2008. In Europarecht wird nicht etwa wieder EU-Recht durchgekaut, sondern das Recht des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), einer "Mini-EU", besprochen, dessen Dogmatik in ständiger Spannung zwischen Völkerrecht und supranationalem Europarecht steht. Diese drei Beispiele verdeutlichen zweierlei: Erstens ist der LL.M. beileibe nicht nur Umweltrecht, sondern reicht vom WTO-Recht bis zu den Menschenrechten. Wer sich also für internationales Recht interessiert, sollte sich vom Etikett "Umweltrecht" nicht abschrecken lassen. Zweitens wird hier viel Außergewöhnliches unterrichtet, nicht selten auf unkonventionelle Weise. All das bedeutet drittens, dass mit entsprechender Motivation so ziemlich jedes Projekt verwirklicht werden kann. Wer ein entspanntes Erasmus-Jahr machen will, ist hier genauso richtig wie jemand, der gerne sein wissenschaftliches Anliegen verfolgen möchte.

Der praktische Rahmen

Das Programm umfasst 90 ECTS-Punkte. Davon entfallen 60 auf Coursework und 30 auf eine etwa 100 Seiten starke Arbeit zu einem selbstgewählten Thema. Wer will, kann sich auch auf 60 ECTS-Punkte beschränken, weniger Kurse wählen und auf diese Weise einem "Research-Master" nahekommen. Zeitlich lässt sich der LL.M. auf ein bis drei Jahre verteilen, beginnen kann man im Januar oder September. In meinem Jahrgang wurde das LL.M.- Programm von fünf Studenten aus allen Ecken Europas besucht. Die englischsprachigen Vorlesungen werden auch von Austauschstudenten und Isländern besucht, sodass man viele verschiedene Leute kennenlernt. Auch wenn Island in der Lebenshaltung vergleichsweise teuer ist – ich selbst habe monatlich ungefähr 1.000 Euro ausgegeben – sind die Studiengebühren mit 350 Euro pro Semester geradezu ein Schnäppchen. Wer möchte, kann außerdem ziemlich leicht Arbeit im Tourismus oder in der Gastronomie finden.

Fazit

Auch wenn viel bei meiner Entscheidung für Island Zufall war und ich im Vorfeld völlig andere Vorstellungen hatte, war es eine wunderbare Zeit dort. Island ist ein magischer Ort und gleichzeitig so abgelegen und entspannt, dass es für mich die perfekte Möglichkeit nach dem Ersten Staatsexamen war, um mich zu orientieren und einmal etwas anderes zu machen. Für alle Abenteurer mit einer gewissen Windresistenz uneingeschränkt empfehlenswert!


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