LL.M. an der University of Oxford 2010

Erfahrungsbericht von Johannes Seidl

MJur - Master of Laws an der University of Oxford; Doktorand an der Universität Leipzig

Ein Master of Laws nach dem Zweiten Staatsexamen?

LL.M.-Erfahrungsberichte

Welcher LL.M. ist der richtige für mich? In der Rubrik "LL.M.-Erfahrungsberichte" berichten LL.M.-Absolventen von Australien bis Südafrika von ihrer Erfahrung.

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Meine Befürchtung, unter den Studienkollegen zum „alten Eisen“ zu gehören, erwies sich als unbegründet. Das Altersspektrum der LL.M.-Studierenden reicht von ca. 20 Jahren bis Mitte 30. Zudem ist es meines Erachtens nicht entscheidend, ob man mit dem Master bis nach dem Zweiten Examen wartet. Eine Auszeit vor dem Referendariat – in Form eines Masters und vielleicht zusätzlich einer Promotion (Alternativ zum LL.M. bietet sich während der Promotion eventuell die Gelegenheit, einen Forschungsaufenthalt als Visiting Fellow an der Wunschuniversität im Ausland einzulegen, ohne in ein festes Programm eingebunden zu sein. In Oxford ist es grundsätzlich möglich, eine Abschlussklausur durch eine Masterarbeit zu ersetzen, sodass diese gegebenenfalls für die Promotion nutzbar gemacht werden kann) – bringt keine Nachteile im Zweiten Examen mit sich, da dieses erheblich weniger wissensorientiert ist als das Erste Examen. Außerdem lernt man im Laufe des Referendariats das materielle Recht durch Urteilsentwürfe und Übungsklausuren automatisch mit. Nach dem Zweiten Examen ist man jedoch flexibler, etwa wenn man gerne im Aufenthaltsland arbeiten möchte. Dies ist in London in größeren Kanzleien durchaus möglich. Ich habe es darüber hinaus als angenehm empfunden, die deutsche Ausbildung bereits abgeschlossen zu haben.


Oxford dank Erasmus

Ich hatte das Glück, über das Regensburger Erasmusprogramm von den College- und Studiengebühren befreit zu sein. Leider wurde dieses Programm nunmehr eingestellt (Über die Austauschprogramme einiger deutscher Unis besteht noch die Möglichkeit, ein Diploma of Legal Studies zu erwerben. Dabei handelt es sich aber nicht um einen vollwertigen Abschluss. Bewerbungen sind bis Anfang Dezember des jeweiligen Vorjahres beim akademischen Auslandsamt möglich). Wer sich als Deutscher für den MJur frei bewirbt, zahlt die gleichen, reduzierten Studiengebühren wie ein Engländer (ca. 10.000 Pfund für das Studienjahr). Finanziell gesehen ist ein Master in Oxford daher deutlich günstiger als an einer vergleichbaren amerikanischen Universität.


Ein erheblicher Teil des Budgets sollte für die Zimmermiete eingeplant werden, etwa 350 bis 550 Pfund pro Monat. Ansonsten bleiben die Lebenshaltungskosten im Rahmen, wenn man die vielfältigen College-Angebote (Essen, Sport, Feiern ...) wahrnimmt. Ein Stipendium der Uni zu erhalten, ist für Deutsche sehr schwierig. Es empfiehlt sich daher, sich bei Organisationen wie dem DAAD zu bewerben. In der Regel bietet sich eine Unterbringung im College an. Eine Alternative stellt die freie Zimmersuche dar, allerdings muss hier oftmals ein Jahresvertrag abgeschlossen werden. Da im Herbst die meisten privaten Zimmer schon belegt sind, würde ich empfehlen, ein College-Zimmer zu nehmen.


Der Mythos Oxford: Schall und Rauch?

In Oxford herrscht großer Leistungsdruck. Wer allerdings das Staatsexamen gemeistert hat, wird damit gut zurechtkommen. Als Deutscher hat man zudem den Vorteil, dass der Master nur eine Zusatzqualifikation ist und es auf die Note letztlich nicht ankommt. Die Arbeitsatmosphäre sowie die interessanten, frei wählbaren Kurse schaffen beste Voraussetzungen, hier tatsächlich Spaß am Lernen zu haben. Meine Kurswahl fiel auf International Dispute Settlement, International Economic Law, International Public Law und EU as an Actor in International Law. Was die Qualität des Unterrichts anbelangt, so variiert diese von Kursleiter zu Kursleiter – das fachliche Niveau ist generell hoch. Eine Distinction, also ein Prädikat, schaffen nur wenige. Hiervon sollte man sich aber nicht beeindrucken lassen.Ich habe sowohl Arbeitspensum als auch Abschlussprüfungen als anspruchsvoll, aber gut machbar empfunden. Auf den Zeitdruck in den Abschlussklausuren ist man durch das Staatsexamen bestens vorbereitet. Wer sich für einen Master in Oxford entscheidet, hat zwar einiges zu tun – trotzdem bleibt Zeit für Ausflüge nach London oder in die wunderschöne Umgebung von Oxford.

„Sahnehäubchen“ des Oxford-Studiums sind die wöchentlichen Tutorials. Zu zweit sitzt man in einem der meist gemütlichen Büros dem Professor gegenüber. Ziel ist es, das Gelernte auch wirklich zu hinterfragen. Auch wenn es sich stressig anhört, die Tutorials sind nicht unangenehm und gehören definitiv zu den Vorzügen Oxfords.

Über die Universität und die Colleges werden zudem unzählige Veranstaltungen und Möglichkeiten geboten, sich einzubringen. Vor allem Sport spielt eine große Rolle, und das nicht nur beim alljährlich anstehenden Boat Race zwischen Oxford und Cambridge. Ich habe in einem Orchester gespielt. Jede Woche gibt es Konzerte in den Kirchen der Colleges oder im Sheldonian Theatre. Ein besonderes Erlebnis ist der Besuch eines Evening Song, eines Abendgebetes mit Chorbegleitung, in einem der größeren Colleges wie New College oder Christ Church.

Fazit

Ein Studienjahr in Oxford ist eine Bereicherung. Tradition wird dort ungezwungen gelebt. Dem Charme einer Formal Hall, eines gemeinsamen Abendessens bei Kerzenschein mit lateinischem Tischgebet in einer der altehrwürdigen Dining Halls kann man sich kaum entziehen. Im College kommt man mit Studenten unterschiedlichster Herkunft und ganz anderem fachlichen Hintergrund zusammen. Das erfordert Offenheit und Neugier. Wer sich darauf einlässt, wird viele schöne Momente erleben.