LL.M. an der University of Melbourne

Erfahrungsbericht von Uta Neumann

Überblick

LL.M.-Erfahrungsberichte

Welcher LL.M. ist der richtige für mich? In der Rubrik "LL.M.-Erfahrungsberichte" berichten LL.M.-Absolventen von Australien bis Südafrika von ihrer Erfahrung.

  • Infos zu Vorbereitung, Auswahl und Finanzierung eines LL.M.-Studiums sowie weitere Infos zum Master of Laws bietet das Buch "Der LL.M.".

Meinen LL.M. absolvierte ich direkt im Anschluss an mein erstes Staatsexamen von Februar bis Dezember 2003 an der University of Melbourne. Die Entscheidung für Australien als Studienland basierte zu einem großen Teil auf der Faszination, die dieses exotische Land am anderen Ende der Welt schon in meiner Kindheit ausgelöst hatte. Eine Tante war in den 50er-Jahren dorthin ausgewandert, aber für mich als „DDR-Kind“ war dieses Land damals unerreichbar. Jetzt konnte ich mir meinen Kindheitstraum erfüllen, kombiniert mit der Möglichkeit, ein Jahr im englischsprachigen Ausland zu studieren und dabei einen anerkannten Abschluss im Common Law zu erwerben. Die ebenfalls in Erwägung gezogenen Alternativen, Großbritannien und die USA, schieden schnell aus. Großbritannien war mir als europäisches Land nicht „abenteuerlich“ genug und würde zu wenig Neues bieten, da ich schon mehrere Male dort war, und gegen die USA sprachen die Studiengebühren, die fast doppelt so hoch sind wie an australischen Universitäten. Auch die Lebenshaltungskosten sind in Australien vergleichbar mit deutschen Großstädten und somit geringer als in den USA. Bei der Wahl der Universität kam es für mich vor allem auf das Kursangebot und den Ruf der Universität an, der bekanntlich im angelsächsischen Raum wesentlich mehr Bedeutung hat als in Deutschland. Die University of Melbourne erfüllte als älteste Law School Australiens mit einem Kursangebot von über 110 Fächern beide Kriterien. Da ich mich im Studium auf „Handels- und Gesellschaftsrecht“ spezialisiert hatte, wollte ich diese Richtung gern beibehalten und fand mit Kursen im asiatischen Wirtschaftsrecht, internationalen Handelsrecht, amerikanischen Aktienrecht usw. ein breitgefächertes Angebot. Ferner bot Melbourne, das konstant vordere Plätze bei Rankings zu den „most livable cities in the world“ einnimmt, auch ein sehr attraktives Studienumfeld. Überzeugt von meiner Wahl bewarb ich mich im März 2002 erst einmal nur dort und erhielt im Mai bereits die Zusage, so dass weitere Bewerbungen nicht nötig waren. Sofort nach meiner Ankunft in Melbourne stand ein nicht zum LL.M.-Programm gehörender Einführungskurs zum Common Law für ausländische Studenten an, dessen Lehrinhalt mit der an deutschen Universitäten angebotenen fachbezogenen Fremdsprachenausbildung „Unicert III“ vergleichbar ist und somit eine gute Wiederholung der Grundzüge des angelsächsischen Rechts darstellte. Die für den Erwerb des LL.M. erforderlichen acht Kurse wurden ab März größtenteils in Blockveranstaltungen unterrichtet, d.h. ich hatte pro Kurs jeweils eine Woche von Montag bis Freitag jeden Tag von 9 Uhr bis 17 Uhr Unterricht. Damit wird den australischen Studenten, die größtenteils erst nach mehrjähriger Berufserfahrung einen LL.M. anstreben, die Möglichkeit eröffnet, dies neben ihrer Vollzeittätigkeit zu erreichen.

Zur Vorbereitung auf die Kurse erhielt man einige Wochen vorher einen 500–1.000 Seiten umfassenden Ordner mit Fällen, Aufsätzen und Lehrbuchauszügen, so dass eine Anschaffung von Lehrbüchern nicht notwendig war, jedoch wurde natürlich erwartet, dass diese Materialien vor Kursbeginn durchgearbeitet wurden. Die Leistungsnachweise werden als Hausarbeit, Take-home-exam oder Klausur abgelegt, wobei teilweise zwei dieser Möglichkeiten oder eine Kombination zur Wahl stehen. Die Hausarbeiten sollen meist 10.000 Wörter umfassen und sind vergleichbar mit einer deutschen Seminararbeit, wobei teilweise Themen vorgegeben werden, meist aber ein eigenes Thema erwartet wird. Bei einem Take-home-exam werden am Freitag die Aufgaben ausgegeben, man kann über das Wochenende in allen verfügbaren Medien recherchieren und muss am Montag Abend sein Werk abgeben, wobei ca. 5.000 Wörter zu schreiben sind. Bei den Aufgaben handelt es sich um eine Mischung aus dem Lösen von Fällen und dem Schreiben von Essays zu bestimmten Fragestellungen. Die Klausuren finden als Open-Book-Klausur statt, jedoch hat man in den 3,5 Stunden kaum Zeit, etwas nachzuschlagen. Mir hat am besten die Variante des Take-home-exams gefallen, da damit dem juristischen Arbeiten in der Realität am besten entsprochen wird, es einen überschaubaren Zeitrahmen gibt und trotzdem die nervliche Anspannung einer Klausur vermieden wird. Die Qualität der Kurse war (bis auf eine Ausnahme) von sehr hohem Niveau und die Kursstärke von 10–30 Studenten ist auch ausgesprochen positiv hervorzuheben. Neben vorlesungsähnlichen Stunden stand vor allem die Klassendiskussion der entsprechenden vorher in den Materialien gelesenen Fälle im Vordergrund. Die Anzahl der internationalen Studenten lag generell bei etwa 20%, in manchen Kursen waren es jedoch bedeutend mehr. Ca. 80% waren Asiaten, der Rest kam aus Europa und Kanada. Während der Kontakt zu den asiatischen Studenten leider über ein gemeinsames Mittagessen selten hinausging, da die meisten wirklich nur zum Studieren ins Ausland gehen, haben wir Europäer und Kanadier schon bald viel zusammen unternommen und meine damals geknüpften Kontakte und Freundschaften bestehen heute noch. Generell kann ich sagen, dass man sich nach überstandenem juristischen Staatsexamen vor den Herausforderungen eines LL.M. nicht zu scheuen braucht. Zwar hat mich mein erster Kurs im australischen Wettbewerbsrecht fast zur Verzweiflung gebracht, da ich als einzige Ausländerin in einer Klasse von gestandenen Wettbewerbsrechtlern saß und ständig im Wörterbuch nachschlagen musste, jedoch hatte ich dafür nach dem erfolgreichen Ende des achten Kurses das gute Gefühl, mich in jedes unbekannte Rechtsgebiet bzw. Rechtssystem einarbeiten zu können. Meiner Meinung nach ist neben dem Erwerb fachspezifischer Fremdsprachenkenntnisse der entscheidende Vorteil eines LL.M. genau diese Tatsache. Man hat vor sich selbst und potenziellen Arbeitgebern bewiesen, in der Lage zu sein, sich schnell und erfolgreich in fremden Rechtssystemen zurechtzufinden. Neben der fachlichen Qualifikation sollte natürlich auch auf keinen Fall der persönliche Gewinn eines LL.M.-Jahres zu kurz kommen. Melbourne bietet vielfältige Freizeitmöglichkeiten, die mit den neuen internationalen Freunden von mir ausgiebig genutzt wurden. Außerdem gibt es an der Universität über 100 „Clubs and Societies“ für alle erdenklichen Interessen und Neigungen, wo man gegen einen geringen Mitgliedsbeitrag schnell bei diversen Unternehmungen Anschluss findet. Weiterhin bieten sich natürlich sowohl kurze Ausflüge als auch längere Reisen auf dem fünften Kontinent an, wobei jedoch die Entfernungen nicht zu unterschätzen sind. Ich hatte ferner das Glück, von meinem australischen Mitbewohner, mit dem ich mich schnell anfreundete, in seinen Freundeskreis integriert zu werden. Zusätzlich zu meinem LL.M. brachte ich so auch seinen besten Freund mit nach Deutschland, der inzwischen mein Ehemann ist… also ein in jeder Hinsicht gelungenes Jahr!