LL.M. an der University of Essex

Erfahrungsbericht von Ha Le Phan, Freie Gutachterin für Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung

Menschenrechte an der University of Essex studieren

Nach meinem LL.B.-Studium in Dresden/Paris entschloss ich mich dazu, meine juristischen Kenntnisse für den internationalen Menschenrechtsschutz einzusetzen. Zunächst entschied ich mich jedoch für ein Gap Year, das ich am Deutschen Institut für Menschenrechte und einem niederländischen Forschungsinstitut für Völkerrecht verbrachte. 2012 nahm ich ein LL.M.-Studium in International Human Rights Law an der University of Essex auf. Dieses Rechtsgebiet hat mich seit jeher begeistert und erfüllt, weil es den Kern des menschlichen Daseins berührt – und weil ein Leben in Würde mit grundlegenden Rechten kein Privileg, sondern Realität für alle sein sollte. Zudem sind Menschenrechte eines der jüngsten und dynamischsten Völkerrechtsgebiete und die Entwicklungen daher auch aus akademischer Sicht spannend.

Wahl des Zeitpunkts für das LL.M.-Studium

Bei der Wahl des Zeitpunkts kommt es darauf an, welches Ziel man verfolgt und was man sich von dieser Qualifikation erhofft. In unserem LL.M.-Jahrgang brachten die Teilnehmer sehr unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen an das Studium mit. Manche kamen frisch von der Uni und hatten ihren Bachelor gerade erst abgeschlossen, andere hingegen konnten bereits langjährige Erfahrungen in der Menschenrechtsarbeit vorweisen; sei es im zivilgesellschaftlichen Bereich, in nationalen Menschenrechtsinstitutionen, der UN oder anderen internationalen Organisationen. Demnach war für einen Teil der Studenten die Beschäftigung mit dem Rechtsgebiet relativ neu und als Einstieg gedacht, während andere damit ihr Wissen auffrischten, ausweiteten oder vertieften. Durch die sehr breit gefächerte Modulauswahl konnten aber alle das Studium ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen anpassen. Zudem förderte die interaktive Lehrmethode – Vorlesungen im Seminarstil mit maximal 20 Studenten – den Wissens- und Ideenaustausch mit den Kommilitonen. Besonders in diesem Punkt stellten sich die heterogene Studentenschaft und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Erfahrungsschätze als eine große Bereicherung heraus. Mein Eindruck war, dass sich sowohl frische Absolventen als auch alte Hasen inspiriert fühlten. Ich hatte mich bereits im Bachelor-Studium auf das Völkerrecht spezialisiert und nebenbei ehrenamtlich für verschiedene Organisationen wie Amnesty International, ELSA und den Sächsischen Flüchtlingsrat im Bereich Menschenrechte gearbeitet. Danach habe ich in Vollzeit ein Jahr lang weiter praktische Erfahrungen gesammelt und mich mit den Umsetzungsmechanismen vertraut gemacht, was sehr hilfreich für das Studium war, vor allem bei Rollenspielen und Diskussionsgruppen. Erste Praxiserfahrungen sind also durchaus von Vorteil, aber nicht zwingend notwendig. Obwohl ein LL.M.-Studium generell in jedem Ausbildungs- und Lebensabschnitt sinnvoll sein kann (solange man natürlich alle Zulassungsvoraussetzungen erfüllt), kann man meines Erachtens nur das Beste daraus machen, wenn man großen Wissensdurst und Leistungswillen mitbringt. Trotz unterschiedlichster Hintergründe hatten wahrscheinlich alle Studenten bei uns eins gemeinsam: die Leidenschaft für Menschenrechte, die uns zu Höchstleistungen antrieb. Wie in Großbritannien üblich, dauerte mein LL.M. nur ein Jahr, er stellte aber die bisher arbeitsintensivste Phase in meinem Studentenleben dar. Durch die sehr umfangreiche Pflichtlektüre und anderweitige Vorbereitungen auf die jeweiligen Module war der Arbeitsaufwand deutlich höher als in Deutschland (LL.B. und Begleitstudium) und Frankreich (Licence en Droit). Und das, obwohl ich bereits mit der Materie vertraut war und eine gute Auffassungsgabe besitze. Als „Auszeit“ nach dem Ersten Staatsexamen würde ich diesen LL.M. daher nicht empfehlen. Auch in den Trimesterferien wurden Hausarbeiten geschrieben; daher sind es zusammen mit der Master-Arbeit zwölf Monate harte Arbeit am Stück, auf die man sich mental einstellen sollte.

Mehrwert eines LL.M. im internationalen Menschenrechtsschutz

Da ich genau wusste, in welchem Fachgebiet ich später arbeiten möchte, bewarb ich mich gezielt auf LL.M.-Programme mit menschenrechtlicher Vertiefung. Nach monatelanger Bedenkzeit entschied ich mich gegen die O er der LSE und University of Nottingham und für die University of Essex. Ausschlaggebend waren die lange Geschichte und internationale Anerkennung des Studienprogramms. Bis heute bereue ich diesen Schritt nicht, denn der ganzheitlich konzipierte Essex-LL.M. war für mich die optimale Fortbildung zur Menschenrechtsjuristin. Die Professoren sind nicht nur renommierte Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet, sondern bringen in der Regel auch langjährige praktische Erfahrung mit unterschiedlichen Menschenrechtsgremien und -gerichten in die Lehre ein. Das Studium war damit nicht nur akademisch anspruchsvoll, sondern bereitete auch auf praktische Herausforderungen des Menschenrechtsschutzes vor, zum Beispiel durch Verhandlungssimulationen oder über eine Mitarbeit an Projekten der Essex Human Rights Centre Clinic. Mit einem fünfköpfigen Team nahm ich zudem an der ersten ELSA European Human Rights Moot Court Competition in Straßburg teil. Der von uns belegte zweite Platz von insgesamt 120 europäischen Teams spricht dabei für Essex’ akademische Exzellenz im Menschenrechtsbereich. Nicht zuletzt trug die Zusammenstellung von Studierenden aus aller Welt mit verschiedenen Hintergründen und Erfahrungen dazu bei, dass es ein unvergessliches Studienjahr wurde. Das Netzwerk der Essex-Alumni spannt sich über viele Jahrgänge und Weltregionen. Als ich im Herbst 2013 mein Carlo-Schmid-Praktikum beim UN-Hochkommissariat für Menschenrechte in Genf antrat, wurde ich daher nicht ohne Grund des Öftern auf die „Essex-Mafia“ angesprochen.


Auf unserer Webseite findest du einen Überblick über verschiedene LL.M.-Programme. Informier dich auch beim LL.M. Day und in unserem LL.M.-Ratgeber. Für e-fellows gibt es außerdem exklusive LL.M.-Stipendien.