LL.M. an der University of Chicago (2009)

Erfahrungsbericht von Dr. Daniel Seebach

LL.M.-Erfahrungsberichte

Welcher LL.M. ist der richtige für mich? In der Rubrik "LL.M.-Erfahrungsberichte" berichten LL.M.-Absolventen von Australien bis Südafrika von ihrer Erfahrung.

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Allgemeines

Die University of Chicago ist eine Campusuniversität im Süden von Chicago im US-Bundesstaat Illinois. Sie hat 15.000 Studierende, zwei Drittel von ihnen besuchen eine von sechs weiterführenden Schulen (Professional Schools). Auf die Law School entfallen 600 Studenten. Das akademische Jahr gliedert sich in drei Vorlesungsblöcke – Quarter genannt – mit kurzen Ferien im Dezember und März. Wegen dieses Trimestersystems erstrecken sich die Veranstaltungen auf einen vergleichsweise kurzen Zeitraum. Vertiefungen werden aber oft im nachfolgenden Trimester angeboten. Das zehnmonatige LL.M.-Programm bietet Platz für 50 Teilnehmer. Es handelt sich um ein kursbasiertes Studium, anrechnungsfähig sind aber auch individuelle Forschungsvorhaben. Spezialisierungen werden nicht angeboten.

Entscheidungsgründe und Erfahrungen vor Ort

Gastland/Rechtsordnung

Die USA sind ein faszinierendes Land. Wer sich vorurteilsfrei auf seine Kultur und die Mentalität der Menschen einlässt, kann erstaunliche Facetten entdecken. Gleiches gilt für das Rechtssystem. Es bietet eine eigentümliche Mischung aus Richter- und Gesetzesrecht, aus bundes- und einzelstaatlicher Kompetenzebene. Seine weltweite Bedeutung beruht auf dem ökonomischen und politischen Gewicht der USA. An den Law Schools bildeten sich Denkschulen, deren Grundanliegen auch in Europa rezipiert wurden. Aus diesen Gründen setzen viele juristische Berufe selbst im Inland ein Mindestmaß an Kenntnis der US-amerikanischen Rechtssprache und -tradition voraus. Darum entschied ich mich für die USA als Gastland.

Law School als Professional School

Die Jurafakultäten in den USA sind im Unterschied zu ihren deutschen Pendants als berufsvorbereitende Schulen konzipiert. Das bewirkt eine erfrischende Praxisnähe der Forschungs- und Unterrichtsgegenstände. Das Case Law tut ein Übriges. Ein weiterer Unterschied besteht in der Lehrmethodik. Statt der bei uns gebräuchlichen Vorlesung folgt sie im Grundsatz der Socratic Method; der Dozent übernimmt dabei die Rolle eines nachhakenden Moderators und vermittelt letztlich Problemlösungskompetenzen (Participatory Learning). All diese Determinanten der Juristenausbildung in den USA konnte ich an der Law School näher kennen und schätzen lernen.

Studienort

Chicago ist eine pulsierende Metropole und bot mir fachliche Anknüpfungspunkte über das LL.M.-Studium hinaus. Die Warenterminbörse Chicago Mercantile Exchange (CME) war der weltweit erste Finanzplatz, an dem sog. Wetterderivate börsenförmig gehandelt wurden. Da ich mich damals mit solchen Finanzinnovationen im Rahmen meiner Dissertation beschäftigte, konnte ich vor Ort hilfreiche Einblicke in dieses Marktsegment erhalten.

Zeitpunkt

Die Verbindung zum heimischen Forschungsvorhaben war der Grund, weshalb ich das LL.M.-Programm vor dem zweiten Staatsexamen absolvierte. Zwingend war das sicher nicht. Wer etwa nach dem LL.M. noch ein Jahr für eine US-Kanzlei arbeiten möchte, hat als fertiger deutscher Anwalt die besseren Chancen. Steuerliche Gründe können ebenfalls für den späteren Zeitpunkt sprechen.

Alternativen

Der LL.M. kann eine echte Alternative zur Promotion sein. Da diese beiden Zusatzqualifikationen verschiedene Anforderungen stellen, leuchtete mir aber nicht ein, warum ich nur das eine oder das andere tun sollte. Der Auslandsaufenthalt war vielmehr Bestandteil des Promotionsvorhabens. Ein zweijähriger MBA erschien mir dagegen nicht sinnvoll. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse, etwa zur Corporate Finance, konnte ich mir in dem für Juristen erforderlichen Maß auch während des LL.M.-Programms aneignen. Die Law School bot dazu vorzügliche Einführungsveranstaltungen an.

Studienangebot/Profil

Die Law School ist bekannt für Law and Economics. Ihr wissenschaftliches Renommee beruht aber auch auf der Anwendung sonstiger sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse auf das Recht. Wer hier interessiert ist, kann tief einsteigen und wichtige Vordenker im Hörsaal oder Seminarraum erleben. Das sprach aus meiner Sicht sehr für die Law School. Sie bot natürlich auch alle üblichen Kurse an, etwa zum Gesellschaftsrecht. Das Trimestersystem erlaubte jedem ein breit gefächertes Curriculum gemäß den eigenen Interessen. Formale Beschränkungen bei der Kurswahl gab es nicht. Zuschnitt des LL.M.-Programms: Die Law School und mit ihr das LL.M.-Programm sind verhältnismäßig klein. Auch hierin lag ein großer Pluspunkt. Lehrveranstaltungen nur für LL.M.s gab es beispielsweise nicht. Vielmehr lernten und „lebten“ wir mit den US-Kommilitonen (J.D.s) vom ersten Tag an eng zusammen. So wurde die Idee einer Intellectual Community auch für die internationalen Studenten erfahrbar. Das ist ein Erlebnis für jeden, der wie ich von einer Massenuniversität an die Law School wechselt. Die Zusammensetzung der LL.M.-Klasse folgte regionalen Schwerpunkten. Brasilianer, Chinesen, Deutsche, Japaner und Schweizer bildeten die größten nationalen Gruppen. Hier wurde deutlich, dass die Law School ihre Zulassungen auch danach ausrichtet, wie attraktiv die jeweiligen Heimatmärkte für US-Unternehmen bzw. -Kanzleien sind.

Studienbedingungen

Die Studienbedingungen waren – wie erwartet – exzellent. Renommee/Rankings: Die Law School zählt zu den besten des Landes. Qualitative Unterschiede sollten aber aus LL.M.-Sicht nicht überbewertet werden. Die gängigen Rankings, insbesondere von U.S. News & World Report, sind hier nur beschränkt aussagekräftig, da sie allein die J.D.-Programme vergleichen. Dabei fließen Kriterien ein, die für LL.M.s nebensächlich erscheinen. Die Rankings eigenen sich daher nur zur ersten Orientierung. Entscheidender als der konkrete Rang einer Law School sollten ihr Studienangebot und das Forschungsprofil sein.

Relevanz in Deutschland

Das LL.M.-Studium an der Law School macht sich gut im Lebenslauf. Das zeigte sich bereits vor Ort. So luden einige namhafte deutsche Kanzleien zu Informationsabenden in feine Restaurants. Ende Januar fand in New York die jährliche, exklusive LL.M. Job Fair der Columbia University statt, die in Sachen Kontaktpflege ihresgleichen sucht. Solche Annehmlichkeiten sollten aber bei der Auswahl der Gastuniversität nicht im Vordergrund stehen. Wichtiger ist, dass die Inhalte zu den eigenen Vorstellungen passen.

Bar Exam

Das New York Bar Exam, also die Rechtsanwaltsprüfung des US-Bundesstaates New York, scheint für viele Deutsche zum LL.M.-Studium in den USA zu gehören. Aus meiner Sicht hätte eine Anwaltszulassung aber kaum zusätzlichen Nutzen gebracht und wäre zudem in keinem Verhältnis zu Kosten und Aufwand gestanden. Erforderlich sind in jedem Fall eine disziplinierte Vorbereitung und der Besuch eines kommerziellen Repetitoriums während der Sommermonate.

Kosten

Die Studiengebühren bewegten sich auf dem für die USA üblichen – hohen – Niveau. Die Law School vergab Teilstipendien nur an nachweislich Bedürftige. Man musste sich deshalb frühzeitig um die eigene Finanzierung kümmern.

Fazit

Das LL.M.-Programm an der University of Chicago Law School und das damit verbundene Auslandsjahr in den USA kann ich uneingeschränkt empfehlen. Ich würde es wieder so machen.