LL.M. an der University of Cambridge 2017

Erfahrungsbericht von Dirk Wiegandt, Wissenschaftlicher Assistent und Doktorand am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, 2017

Cambridge: Is there honey still for tea?

„Kein Ort der Welt kann schöner sein“, schwärmte einst Virginia Woolf. Und tatsächlich – sei es beim Flanieren durch die klosterähnlichen mittelalterlichen Höfe und Gänge der meist viele Jahrhunderte alten Colleges, beim „formal dinner“ im Talar, wo das Tischgebet noch auf Latein gesprochen wird oder beim frühmorgendlichen Rudern auf der Cam, wenn die ersten Sonnenstrahlen die über dem Fluss liegenden Nebelfelder durchbrechen: Es fällt schwer, dem Zauber dieses Ortes nicht zu erliegen. Oder wie es P.D. James beschrieb: „How indeed … could the heart be indifferent to such a city where stone and stained glass, water and green lawns, trees and flowers were arranged in such ordered beauty for the service of learning.“

Der Weg nach Cambridge

An eben einem solchen Ort studieren und meine fachlichen Interessen vertiefen zu können war ein wesentlicher Grund für meine Entscheidung, den LL.M. in Cambridge zu absolvieren. Dass man dort, wenn man den Rankings Glauben schenken darf, an der derzeit besten juristischen Fakultät des Vereinigten Königreichs studiert und diese gerade im internationalen Recht weltweit großes Renommee genießt, tat sein Übriges. Gegenüber dem Master- Studium in Oxford – „the other place“, wie man in Cambridge sagt – schätzte ich den in Cambridge größeren Freiraum. Wer allerdings auf eine enge Betreuung wert legt, könnte in Oxford glücklicher werden: Dort werden wöchentliche Tutorien oder „supervisions“, wie man sie in Cambridge nennt – Fachgespräche im kleinsten Kreis – auch für Postgraduierte angeboten, während sie in Cambridge nur Teil des Undergraduate-Studiums sind.

Die ersten Vorbereitungen für eine Bewerbung in Cambridge müssen relativ früh getroffen werden, ist die Bewerbung doch bereits im November des Vorjahres einzureichen. Bis dahin gilt es, Empfehlungsschreiben mit hinreichend Vorlauf anzufragen, den IELTS- oder TOEFL-Test mit der erforderlichen Mindestpunktzahl zu absolvieren und – erste Besonderheit einer Bewerbung in Oxbridge – sich über die eigenen College-Präferenzen klar zu werden. Jeder Student in Cambridge ist einem College zugeteilt. Zwei der insgesamt 31 Colleges können bei der Bewerbung als Präferenz angegeben werden. Mag die Wahl der Colleges zunächst als nebensächlich erscheinen, ist sie es vor Ort tatsächlich nicht mehr. Schließlich bildet das College den sozialen Lebensmittelpunkt: Hier ist man im Middle Combination Room (MCR) organisiert, der Gruppe aller Postgraduierten eines Colleges, schließt – so meine persönliche Erfahrung – viele seiner Freundschaften und treibt Sport, wie insbesondere das in Cambridge bedeutende Rudern. Die Collegewahl entscheidet auch über Unterkunft, Verpflegung und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten. Jedem sei daher angeraten, sich vorab über die Colleges zu informieren und möglichst mit Ehemaligen zu sprechen.

Der LL.M. in Cambridge ist zwar deutlich günstiger als entsprechende Programme in den USA, aber keineswegs billig: Die Studiengebühren belaufen sich derzeit auf rund 14.300 Britische Pfund, dazu kommen Lebenshaltungskosten von rund 10.000 Britischen Pfund. Durch ein Stipendium des DAAD und ein Kanzleistipendium konnte ich allerdings einen großen Teil der Kosten abdecken. Das eigene College hält zudem mitunter ebenfalls Stipendien bereit.

Aufbau des Programms

Als LL.M.-Student wählt man aus einem Angebot von 30 bis 40 Kursen vier Fächer aus. Wählt man Kurse, die in keiner engeren inhaltlichen Beziehung zueinander stehen, erwirbt man einen generellen LL.M. Es besteht aber auch die Möglichkeit, sich in Fachrichtungen zu spezialisieren, indem man mindestens drei der vier Kurse aus einem der folgenden übergeordneten Bereiche wählt: International, Commercial, European und Intellectual Property Law. Ich selbst habe die Kurse International Commercial Litigation, Competition Law, Corporate Governance und International Investment Law gewählt und damit einen LL.M. mit der Spezialisierung im Bereich Commercial Law erworben, da die ersten drei der genannten Kurse diesem Bereich zugeordnet sind. Einer der Kurse kann zudem durch eine „thesis“ ersetzt werden. Zahlreiche Veranstaltungen an der Fakultät ergänzen das Programm, wie etwa die wöchentlichen Vorträge am Lauterpacht Centre for International Law, um nur ein Beispiel zu nennen.

Fazit und Ausblick

Wer sich dem Charme einer über 800 Jahre alten kleinen Gelehrtenrepublik öffnet, dem bietet Cambridge eine akademisch wie menschlich unvergessliche Zeit. Das Leben in der Collegegemeinschaft ermöglicht ein fächerübergreifendes Miteinander, wie man es wohl nirgendwo sonst auf der Welt erlebt.

Der Leser, der nach dem passenden LL.M.-Programm sucht, wird sich fragen, wie sich das Brexit-Votum auf den LL.M. auswirken mag: Langfristig kann man das nicht prophezeien. Zumindest kurzfristig ändert sich aber nichts, gilt doch das unionsrechtliche Diskriminierungsverbot bis zum Ablauf der zweijährigen Verhandlungsfrist über den Austritt und den Vereinbarungen darüber fort. Die Fakultät hat angekündigt, dass das Curriculum keinen Veränderungen unterliegt, die europarechtlichen Kurse werden weiter angeboten. Zumindest bis auf Weiteres wird der Nachmittagstee als EU-Bürger also nicht etwa bitterer getrunken, sondern lässt sich nach wie vor mit etwas Honig versüßen.


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