LL.M. an der University of Birmingham

Erfahrungsbericht von Sebastian Woschech

LL.M. (University of Birmingham); Student an der Universität Bayreuth sowie an der University of Birmingham; LL.M. International Commercial Law an der University of Birmingham (UK)

Wahl des Zeitpunktes

LL.M.-Erfahrungsberichte

Welcher LL.M. ist der richtige für mich? In der Rubrik "LL.M.-Erfahrungsberichte" berichten LL.M.-Absolventen von Australien bis Südafrika von ihrer Erfahrung.

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Auch wenn die Möglichkeit eines LL.M. vor dem Ersten Staatsexamen nicht von vielen Studenten wahrgenommen wird, habe ich mich genau für diese Option entschieden. Für mich stand schon zeitig fest, dass zwischen Scheinfreiheit und Examensvorbereitung ein Auslandsaufenthalt stehen würde. Warum? Zum einen, um Kraft für die dann folgende Examensvorbereitung zu sammeln, zum anderen aber auch, um einmal dem deutschen Rechtshorizont zu entfliehen, etwas anderes kennenzulernen und eine Sprache zu perfektionieren. Die einschlägigen Möglichkeiten für einen solchen „Tapetenwechsel“ sind mit Sprachkursen, Erasmus und Summer Schools hinreichend bekannt. Deren Nachteile jedoch auch: Sprachkurse sind kurz und intensiv, aber nur bedingt nachhaltig. Erasmus liefert vielfältige kulturelle Einblicke, aber nicht unbedingt akademischer Art, und Summer Schools sind in finanzieller Hinsicht beinahe mit einem Masterstudium zu vergleichen. Lohn der Mühe: Es gibt ein Zertifikat, aber keinen international anerkannten Abschluss. Ich machte mich also auf die Suche nach „der besten aller Welten“, einer Möglichkeit, die die Vorteile der obigen Optionen vereint, ohne unter deren Nachteilen zu leiden. Die Idee: LL.M. nach der Scheinfreiheit und damit vor dem Ersten Staatsexamen. Aber geht das überhaupt?

Es geht! Immer mehr Law Schools in Großbritannien bieten diese Möglichkeit an. Ob dies der Fall ist, hängt zum einen von der grundlegenden Bereitschaft der Universität ab, zum anderen aber vor allem von der eigenen Fähigkeit, die Universität zu überzeugen, dass die Scheinfreiheit nach drei Jahren Jurastudium in Deutschland durchaus mit einem Bachelor aus Bologna-konformen Ländern zu vergleichen ist. Offen für diese Überzeugungsarbeit sind nach persönlicher Erfahrung die renommierten Law Schools Birmingham, Aberdeen, Edinburgh und Nottingham. Doch wie die Erfahrung zeigt, kann auch bei anderen ein Nachforschen häufig zum Erfolg führen.

Wahl der Universität und des Kurses

Neben der Frage des Zeitpunktes stellte sich natürlich die Frage des Ortes. Da ich schon während meiner deutschen juristischen Ausbildung in Bayreuth eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung absolviert hatte, wollte ich diese Kenntnisse weiter vertiefen. Dabei fiel meine Wahl auf die University of Birmingham und den dort angebotenen LL.M. im International Commercial Law. Eine weitere Stärke der Universität ist das Europarecht, sodass es mir aufgrund der Schnittmengen dieser Fachbereiche möglich war, Kurse zu belegen, die international ausgelegt waren, aber die europäische Perspektive nicht aus den Augen verloren.

Nach drei Jahren Massenvorlesungen in Deutschland war vor allem das Betreuungsverhältnis erfrischend. In Seminargruppen von vier bis maximal zehn Personen eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten für Präsentationen und Case Studies. Auch der Kontakt zum Lehrpersonal war unbürokratisch und individuell. So wurden wir beispielsweise von einem Praktiker aus Singapur individuell vorbereitet, um im Anschluss (auf Kosten der Universität) in Wien am weltgrößten Moot Court zum Thema International Commercial Arbitration teilzunehmen. Diese Erfahrungen haben mir geholfen, das Jurastudium auch einmal aus einem praxisorientierteren Blickwinkel zu betrachten. Dies motiviert ungemein während der nun anstehenden und eher theorielastigen Examensvorbereitung.

Bei der Wahl der Universität sollte man auch die Größe und das Renommee der Universität nicht außer Acht lassen. Da Birmingham eine der größten und angesehensten Law Schools Großbritanniens ist, gingen dort bekannte Law Firms ein und aus. So hatte man sich bald an die beinahe wöchentlichen Präsentationen in schönen Hotels samt Büffet gewöhnt und auch die eine oder andere Einladung nach London in das Mutterhaus der Kanzleien waren eine gute Abwechslung zu dem nicht zu unterschätzenden Arbeitsaufwand, den ein LL.M. mit sich bringt. Besonders überrascht hat mich, dass sogar deutsche Kanzleien ihre Partner auf England-Tournee schicken, um dort gezielt mit deutschen LL.M.-Studenten in Kontakt zu treten (dahingehende Nachlässigkeiten im Datenschutz sieht man der Universität gerne nach). Darüber hinaus bietet eine große Stadt wie Birmingham, die gerade dabei ist, ihre industrielle Vergangenheit abzuschütteln und in kosmopolitische Attraktivität zu wandeln, vielfältige kulturelle und sportliche Möglichkeiten. Die zentrale Lage der Stadt ist optimal, um auch den „Erasmus-Faktor“ zu erleben und Land und Leute kennenzulernen.

Wirklich die „beste aller Welten“?

Rückblickend hat der LL.M. vor dem Staatsexamen meine Erwartungen voll und ganz erfüllt. Der erfrischend andere Blickwinkel hat die Akkus für die nun anstehende Examensvorbereitung wieder neu aufgeladen. Auch die englische (Rechts-)Sprache wird jeder, der einmal 70 Seiten Dissertation und unzählige Essays geschrieben hat, nachhaltig beherrschen. Diese Erfahrungen akademischer, aber auch kultureller Art nimmt einem niemand mehr. Fazit: Ein unvergessliches und sinnvoll genutztes Jahr im Ausland!

Einziger Wermutstropfen: In Deutschland hängt der LL.M. bis zum Abschluss des Ersten Examens gewissermaßen in der Luft. Das durch das Jahr aufgebaute Potenzial muss also durch ein gutes Examen gewissermaßen erst einmal „auf die Straße gebracht werden“. Mit diesem Druck muss man leben können. Für alle, die sich dies zutrauen, ist der LL.M. eine ernstzunehmende Option!