LL.M. an der University of Aberdeen

Erfahrungsbericht von Julia Fischer, Richterin, 2014

Aberdeen: Silver City und Ölhauptstadt Europas

Nach der entbehrungsreichen Vorbereitungszeit für das Erste Examen suchte ich buchstäblich nach etwas Abstand zu meiner juristischen Ausbildung in Deutschland. Ich wollte meinen Kopf mit einem bunten Strauß an neuen Eindrücken füllen. Und das ausgerechnet in der grausten Stadt Europas – Aberdeen, liebevoll die „Silver City“ genannt.

Warum ausgerechnet ein LL.M. in Aberdeen?

Begonnen hatte ich mit der Planung meines Auslandsaufenthalts rund acht Monate vor Beginn des Studiums. Ausschlaggebend für die Entscheidung, mich in Aberdeen zu bewerben, waren letztendlich folgende Punkte: Die Sprache im Gastland (Englisch), die überschaubare Höhe der Studiengebühren (im Studienjahr 2013/2014: 3.400 Britische Pfund), sowie die Reputation und der überzeugende Internetauftritt der Uni.

Was mich darüber hinaus in Aberdeen erwarteten würde, war mir zum Zeitpunkt meiner Bewerbung allerdings nicht klar: Aberdeen, das ist die Hauptstadt der europäischen Ölindustrie; eine internationale Kleinstadt mit rauem Charme. Das sind die grauen Granithäuser, die man bei Regen kaum vom Horizont unterscheiden kann, die bei Sonnenschein aber vor dem schottischen Himmel silbern funkeln. Das sind Seelöwen, riesige Möwen, und – wenn man Glück hat – sogar Wale und Delfine. Das ist die schottische Kultur mit traditionellen Volkstänzen (Ceilidhs), Golf, gemütlichen Pub-Abenden und Whisky-Degustationen. Und natürlich das unberechenbare Wetter. Wenn man sich aber einmal auf die Stadt und das Land eingelassen hat und gut ausgerüstet ist – Regenjacke und Gummistiefel, die sogenannten Wellies, sind unverzichtbare Accessoires – kann man hier wahrlich sein Herz verlieren!

Der Uni-Alltag

Die University of Aberdeen ist eine Campus-Uni etwas außerhalb des Zentrums. Die Uni verfügt über eine gute Ausstattung. Highlight ist die topmoderne Queen Mother Library, die 2011 eröffnet wurde. Seine Freizeit kann man im ebenfalls modernen Sports Village verbringen, oder man tritt einem der zahlreichen Uni-Clubs bei. Unschlagbar fand ich auch, dass allen Studenten rund um die Uhr kostenlos Klaviere und andere Instrumente zur Verfügung standen.

Die rechtswissenschaftliche Fakultät genießt international hohes Ansehen und bietet eine sehr gute Ausbildung. Bemerkenswert fand ich, wie hilfsbereit und zugänglich die Dozenten auch außerhalb der Vorlesungen waren. Da es bei einem LL.M.-Studium vor allem um wissenschaftliches Arbeiten geht, verbringt man die meiste Zeit mit Eigenstudium, insbesondere der Vor- und Nachbereitung der Kurse und Seminare. Die Kursgrößen variierten deutlich; während Kurse zum „Oil and Gas Law“ sehr gut besucht waren, war die Belegung der Kurse in meinem Modul „International and European Law“ moderat. In einem Kurs war ich sogar die einzige Hörerin. Leistungsnachweise wurden in Form von Essays, Vorträgen, Abschlussklausuren sowie einer Abschlussarbeit erbracht.

Wohnungssuche

Nach anfänglicher Enttäuschung bin ich rückblickend erleichtert, keinen Platz im Studentenwohnheim der Universität („Hillhead“) bekommen zu haben. Denn neben der suboptimalen Lage des Wohnheims fernab des Zentrums war der Zustand der Zimmer und Gemeinschaftsanlagen etwas gewöhnungsbedürftig. Besser, aber in der Regel teurer, sind die privaten Wohnheime, um die man sich zeitig bemühen muss. Ich habe schließlich auf gumtree.com eine Anzeige geschaltet, und so wenige Wochen vor Abreise ein kleines Zimmer mit Bad bei einer schottischen Familie im Westend für 300 Pfund gefunden. Allerdings muss man bei den Angeboten im Internet vorsichtig sein; hier treiben auch einige Betrüger ihr Unwesen. Später zog ich mit einer Kommilitonin in eine geräumige Wohnung. Die Miete lag bei rund 310 Pfund, und das Apartment war ideal gelegen zwischen Uni und Zentrum.

Fazit

Ich habe in Aberdeen eine unbeschreiblich schöne Zeit verbracht, die mich sehr geprägt hat. Am Ende bin ich mit einer Menge Erinnerungen, guten Freundschaften und neuer Motivation für das Referendariat nach Hause geflogen. Aus den zum Teil verzwickten Situationen habe ich viel gelernt – über fremde Kulturen, die eigene Kultur sowie über die technischen und mentalen Grenzen der EU. Meiner Ansicht nach ist ein LL.M.-Studium im Ausland eine oft unterschätzte Gelegenheit, vertieft über die eigene Methodik des Schreibens juristischer Texte zu reflektieren und diese zu verbessern. Somit kann ein LL.M.-Kurs auch eine gute Grundlage für das Referendariat, die Dissertation und die juristische Praxis im Allgemeinen sein.


Auf unserer Webseite findest du einen Überblick über verschiedene LL.M.-Programme. Informier dich auch beim LL.M. Day und in unserem LL.M.-Ratgeber. Für e-fellows gibt es außerdem exklusive LL.M.-Stipendien.