LL.M. an der London School of Economics

Erfahrungsbericht von Nantje Johnston

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LL.M.-Erfahrungsberichte

Welcher LL.M. ist der richtige für mich? In der Rubrik "LL.M.-Erfahrungsberichte" berichten LL.M.-Absolventen von Australien bis Südafrika von ihrer Erfahrung.

  • Infos zu Vorbereitung, Auswahl und Finanzierung eines LL.M.-Studiums sowie weitere Infos zum Master of Laws bietet das Buch "Der LL.M.".

Meine Entscheidung für ein LL.M.-Studium fiel – mehr zufällig – auf die Zeit nach dem Ersten Staatsexamen und der Promotion. Im Nachhinein kann ich diese Wahl nur empfehlen. Ich denke, ich konnte die Vorteile des LL.M.-Studiums, insbesondere die Möglichkeit zur Spezialisierung und zur Diskussion in kleinen Gruppen, erst dadurch voll nutzen, dass ich bereits relativ solide Kenntnisse zumindest des deutschen Rechts hatte. Außerdem nimmt die Bewerbung für ein LL.M.-Studium sowie für Stipendien viel Zeit in Anspruch, die in der Examensvorbereitung anders besser eingesetzt ist. Die LSE nennt keine Deadline für Bewerbungen, sodass sich eine frühe Befassung mit dem Thema LL.M. lohnt. Ich habe meine Bewerbung knapp ein Jahr vor dem Programmstart abgeschickt (November/Dezember des Vorjahres). Ähnliches gilt sicher für Stipendien, wobei die Fristen dort etwas später liegen dürften (aus meiner Erfahrung im Frühjahr des Jahres bei Programmstart im Herbst). Ich habe ohne großen Aufwand von der LSE einen Teilerlass der Studiengebühren erhalten. Für die Bewerbung waren nur relativ knappe schriftliche Angaben gefordert. Im Vergleich ist der Bewerbungsprozess bei deutschen Stipendiengebern sehr zeit- und nervenaufreibend.

Universität und Fächerwahl

Meine Wahl fiel aus einer ganzen Reihe von Gründen auf die LSE. Eine wichtige Rolle spielten hierbei die Attraktivität des Standorts, der gute Ruf der Universität, der liberale Geist an einer relativ modernen (wenn auch alten) Uni und die sehr internationale Studentenschaft. Das Kursangebot an der LSE lässt – wie wohl die aller Londoner Universitäten – keine Wünsche offen, sodass die wahre Schwierigkeit in der Auswahl liegt. Die LSE bietet über 80 Kurse allein der juristischen Fakultät an. Daneben werden für den LL.M. auch etliche Kurse anderer Fakultäten sowie alle Kurse der juristischen Fakultäten der anderen Londoner Universitäten anerkannt. Daher empfiehlt es sich, sich vorher Gedanken über die Wunschkurse zu machen und dennoch die erste Woche damit zu verbringen, möglichst viele Kursen probeweise zu besuchen, um sich am Ende ein Stück weit vom Bauchgefühl leiten zu lassen. Meine Erfahrung ist, dass sich der Wert eines Kurses häufig mehr durch den Dozenten und die Teilnehmergruppe bestimmt als durch seinen Namen und die konkret behandelten Inhalte.

Ein gewichtiger Grund, einen LL.M. in England und nicht den USA zu absolvieren, war für mich das große Angebot an Kursen im Europarecht. Insbesondere hier gilt, dass Erfahrungen in der juristischen Arbeitsweise von Case-Law-Juristen ebenso wie die Kenntnis zumindest der Leading Cases in einem Rechtsgebiet auch in der Praxis in Deutschland von unschätzbarem Wert sind.

Das Studium

Ein LL.M. Studium bietet aus meiner Erfahrung eine gute Möglichkeit, sich ohne den gewohnten Lernstress fachlich weiterzuentwickeln, gleichzeitig aber auch andere Interessen zu verfolgen oder neu zu entdecken (bei mir war es Rugby). An der LSE gibt es eine gelebte Praxis unzähliger sogenannter Societies, von Sport-Teams über Ländergruppen bis hin zu politischen Debattierclubs, die eine gute Möglichkeit bieten, auch englische Studenten und solche anderer Fachrichtungen zu treffen und ein weltweites Netzwerk an Bekanntschaften zu knüpfen, das hoffentlich weit über die Zeit des Studiums hinaus fortbesteht.

An der LSE hat jeder LL.M. Student am Ende des Jahres eine Thesis zu einem selbstgewählten Thema zu schreiben. Dies bietet eine interessante Möglichkeit, eine wissenschaftliche Arbeit (unter guter Betreuung) anzufertigen, ohne zusätzliche Zeit in eine Promotion zu stecken. Ich kann nur raten, diese Möglichkeit zu nutzen und sich früh Gedanken über ein Thema zu machen. Sowohl für die Thesis als auch für das gesamte Studium gilt ganz klar, dass dieses als Angebot und nicht als Pflicht verstanden werden sollte. Der Wert des LL.M.-Studiums liegt weder in der Anwesenheit in den Kursen, noch in der Intensität des Studiums, sondern in der Möglichkeit, nach den eigenen Interessen zu studieren.

Etwas, was die LSE meines Wissens gegenüber anderen Universitäten auszeichnet, ist die große Zahl hochkarätiger Gastredner in sogenannten Public Lectures, die für alle Studenten offen sind. Diese finden im Schnitt mehrfach die Woche statt und sind häufig eine tolle Erfahrung. Im Laufe meines Aufenthalts waren Redner wie Alan Greenspan, Antonin Scalia, Sir Richard Dearlove (Former Head of MI6) und Josef Ackermann zu hören, ebenso die Ministerpräsidenten und/oder Außenminister fast aller europäischen Mitgliedsstaaten. Vielfach spürt man in diesen Vorträgen und den anschließenden Diskussionen einen Hauch des Besonderen, was eine internationale Studentenschaft wie die der LSE kennzeichnet und sich dennoch schwer fassen lässt: eine Mischung aus Interesse, Weltoffenheit und Toleranz, aber auch Redekunst, Bildung und Erfahrung.