LL.M. an der Columbia Law School New York City 2017

Erfahrungsbericht von Christopher Diel, Rechtsanwalt bei Davis Polk & Wardwell, 2017

Deutsche Staatsexamen – und trotzdem Expat

Irgendwann gegen Ende meiner Wahlstation im Ausland wurde mir klar, dass ich nicht dauerhaft als Anwalt in Deutschland würde arbeiten wollen, sondern irgendwann gerne als sogenannter „Expat“ im Ausland. Bei deutschen Juristen, oder jedenfalls Anwälten,sind Beschäftigungen im Ausland bekanntlich eher selten. Soweit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass ihr mit zielgerichteter Planung die Weichen so stellen könnt, dass sich eure Chancen auf einen späteren Job als Anwalt im Ausland deutlich erhöhen. Das dank der kulturellen Erfahrung und internationaler Freundschaften für viele „beste Jahr des Lebens“ wird hierunter nicht leiden.

Die Vorfragen: „Wann?“ und „Wohin?“

Wenn man den LL.M. auch als Chance für ein späteres Dasein als Expat sieht, überwiegen aus meiner Sicht die Vorteile eines LL.M.-Studiums nach dem Zweiten Examen. Der deutsche Arbeitsmarkt wird auch bei bester Planung des LL.M. stets mehr Stellen bereithalten, sodass das Zweite Examen als „Absicherung“ auf jeden Fall wichtig ist. Da wäre es ärgerlich, ein Jobangebot im Ausland ablehnen zu müssen, weil zunächst noch das Referendariat ansteht. Darüber hinaus können erste Berufserfahrungen nicht nur für die Entscheidung wichtig sein, welchen Beruf man überhaupt anstrebt (ich entschied mich beispielsweise erst im Referendariat für den Anwaltsberuf), sondern sie helfen auch bei der späteren Schwerpunktsetzung und Kurswahl für den LL.M.

Mein Erfahrungsschatz beschränkt sich auf den anglo-amerikanischen Raum; zu den besten Chancen für andere Regionen kann ich daher eher wenig sagen. Allerdings können sich durch einen LL.M. in den USA auch Jobmöglichkeiten in anderen Ländern eröffnen. Im U.S.-Recht beratende Anwälte sind nicht nur im Inland tätig, sondern auch in Finanzzentren wie London, Singapur oder Hongkong. Zudem haben die USA als Studienort den wichtigen Vorteil, dass hier bereits ein knapp einjähriges LL.M.-Studium ausreicht, um in einigen Bundesstaaten das Bar Exam schreiben zu dürfen, dessen Bestehen die Tür zur Anwaltschaft öffnet (mehr dazu später).

Die Universität solltet ihr in jedem Fall auch mit Blick auf die späteren Berufschancen wählen. Mir gab ein deutscher Jurist und Partner einer Kanzlei in den USA damals den Tipp, möglichst „in Harvard oder an der Columbia“ zu studieren; nach meiner eigenen Erfahrung rekrutieren Kanzleien in den USA aber definitiv auch LL.M.-Absolventen anderer Universitäten. Dennoch kann ich aufgrund der hohen Bedeutung von Uni-Rankings in den USA nur dringend empfehlen, diese zu berücksichtigen und euer Glück (auch) bei Universitäten in den oberen Rängen zu suchen. Zusätzlich solltet ihr euch über den Ruf der Universitäten hinsichtlich bestimmter Fachrichtungen erkundigen (die Empfehlung der Columbia etwa hatte den Hintergrund, dass hier statistisch die meisten Absolventen später in großen Wirtschaftskanzleien anheuern und die Universität auch einen guten Ruf im Wirtschaftsrecht hat).

Was vor Ort wichtig ist: Bar Exam, Noten, Visum

LL.M.-Programme enden in den USA üblicherweise im Mai. Die Verlockung ist groß, danach den Sommer zu genießen. Mit Blick auf die Berufschancen im Ausland ist das Bar Exam aber zwingend. Zwar könntet ihr es theoretisch auch später noch absolvieren; es dürfte aber deutlich praktikabler sein, diese Hürde noch im gewohnten Umfeld direkt nach dem LL.M. zu nehmen. Ich fand das Bar Exam intellektuell zwar nicht anspruchsvoller, wohl aber unangenehmer als unsere Staatsexamen. Die zweimonatige Vorbereitungsphase dient fast ausschließlich dem Auswendiglernen, und die zweitägige Prüfung ist eine reine Wissensabfrage. Zudem fallen neben der Lebenshaltung weitere Kosten an (ca. 5.000 USDollar), etwa für Repetitor, Visumsverlängerung und Teilnahmegebühr.

Auch wenn ihr in einem anderen Bundesstaat studiert, drängt sich wegen der wirtschaftlichen Bedeutung das New Yorker Bar Exam auf. Informiert euch aber auf jeden Fall noch vor dem LL.M., welche Voraussetzungen hierfür zu erfüllen sind, da diese in letzter Zeit stetig strenger wurden. Zum Beispiel werdet ihr knapp die Hälfte aller LL.M.-Kurse aus einem vorgegebenen Katalog von Grundlagenkursen wählen müssen. Auch im Übrigen solltet ihr bei der Kurswahl den Arbeitsmarkt im Hinterkopf behalten. Ein, zwei „exotische“ Kurse können natürlich dabei sein, aber der wirtschaftliche Schwerpunkt sollte erkennbar bleiben. Und ganz wichtig: U.S.-Kanzleien schauen tatsächlich auf die Noten während des LL.M. – vermutlich deshalb, weil es im Bar Exam keine Noten gibt und die deutschen Staatsexamen sich nur schwer mit U.S.-Abschlüssen vergleichen lassen. Das Ziel sollten also möglichst gute Noten sein („A–“ oder besser), insbesondere im ersten Semester. Aber keine Sorge: Der soziale Aspekt des LL.M. wird dennoch nicht zu kurz kommen.

Ich habe leider den Fehler gemacht, die im Januar universitätsübergreifend stattfindende Job-Messe zu ignorieren und mich nicht vor Ort um Jobs zu bewerben, da ich zunächst vorübergehend zurück nach Deutschland wollte. Zwar ist es auch dann noch möglich, einen Job im Ausland zu finden (wie in meinem Fall etwa im Londoner Büro einer U.S.- Kanzlei). Die Rückkehr in die USA wird aber aus einwanderungsrechtlichen Gründen deutlich schwieriger. Wer direkt vor Ort bleibt, kann in der Regel das OPT-Visum bekommen, damit bereits ein Jahr lang arbeiten und sich währenddessen um ein dauerhaftes Arbeitsvisum bemühen. Wer von Deutschland aus einen Job in den USA sucht, wird aber oft mangels Visum keinen Job und mangels Job kein Visum bekommen.

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