LL.M. am College of Europe

Erfahrungsbericht von Dr. Bettina Stepanek, Rechtsreferendarin, 2014

Brügge sehen... und Europa erleben!

Kinofans wird das belgische Städtchen Brügge, das rund 100 Kilometer nordwestlich von Brüssel liegt, vielleicht aus einem Film mit Colin Farrell bekannt sein. Allerdings hat die Weltkulturerbe-Stadt Brügge außer einer idyllischen Kulisse mit Kanälen und mittelalterlichen Gebäuden noch mehr zu bieten: Die Stadt beherbergt das College of Europe, das nicht nur als die älteste Einrichtung für Europäische Studien gilt, sondern auch heute noch zu den renommiertesten Instituten zählt.

Für Juristen wird dort ein zehnmonatiges Programm namens Master of European Law angeboten. Bei besonderem wirtschaftlichen Interesse und Vorkenntnissen besteht zudem die Möglichkeit, sich für European Law and Economic Analysis zu bewerben; durch ergänzende Kurse erfolgt hier eine zusätzliche interdisziplinäre Ausbildung.

Wieso eigentlich nach Belgien?

Um gleich vorab mit einem potenziellen Missverständnis aufzuräumen: Auch wenn Brügge im flämischen Teil Belgiens liegt, ist die Unterrichtssprache am College nicht Niederländisch; vielmehr werden die Kurse in Englisch und Französisch abgehalten. Den Anteil englischer und französischer Kurse kann man teilweise selbst beeinflussen, es müssen aber mindestens 40 Prozent der Kurse in der schwächeren Sprache absolviert werden. Das Schöne daran ist, dass man durch den erfolgreichen LL.M.-Abschluss einen Nachweis erhält, dass man beide Sprachen auf einem professionellen Niveau beherrscht. Dies ist vor allem dann von besonderer Bedeutung, wenn man sich eine Tätigkeit in den europäischen Einrichtungen vorstellen kann.

Das leitet über zu der wahrscheinlich entscheidenden Besonderheit des College: seiner räumlichen und inhaltlichen Nähe zu Brüssel. Viele der Dozenten am College besetzen führende Positionen in EU-Institutionen oder sind Partner in anerkannten internationalen Kanzleien, vor allem im Bereich des Wettbewerbsrechts. Insbesondere im zweiten Semester ermöglicht der Unterricht in kleinen Seminargruppen von höchstens 20 Studenten einen sehr intensiven Austausch und eine Spezialisierung im eigenen Interessengebiet, wie z. B. dem Recht am geistigen Eigentum, der WTO oder dem Wettbewerbsrecht. Viele der Studenten zieht es im Anschluss an das Studium dann auch nach Brüssel – insbesondere zur Kommission –, sodass das College nicht umsonst als Kaderschmiede der EU bezeichnet wird.

Ein wichtiger Teil des Konzepts des Colleges ist es, Europa nicht nur zu studieren, sondern auch zu erleben. Konkret bedeutet das, dass Studierende aus über 50 Nationen – auch über die Grenzen Europas hinaus – zusammen in acht Residenzen wohnen. Sie teilen dabei ihren Alltag vom Frühstück über Mittag- und Abendessen teilweise bis hin zum Abend in der eigenen Studentenbar. Dies führt zu einem besonderen Wir-Gefühl, das keinesfalls nach dem Auslandsjahr endet oder sich auf den konkreten Jahrgang beschränkt. Die sehr aktive Alumni-Organisation trägt viel zum Austausch unter den „Anciens“ auf persönlicher, aber vor allem auch auf beruflicher Ebene bei.

Der Weg nach Brügge

Das Auswahlverfahren für die deutschen Studenten wird vom Netzwerk Europäische Bewegung e.V. durchgeführt und besteht aus einer schriftlichen Bewerbung sowie einem anschließenden Auswahlgespräch in Berlin. Dort wird eine Vorauswahl der Bewerber von einem Komitee von rund 15 Personen – darunter Professoren, Vertreter von Ministerien und sonstigen Einrichtungen – auf Deutsch, Englisch und Französisch zu europarechtlichen und allgemeinpolitischen Themen befragt. Diese sind oft dem persönlichen Lebenslauf angepasst. Wer sich im Französischen nicht allzu sicher fühlt, sollte sich aber nicht abschrecken lassen, da auch die Aufnahme unter der Auflage erfolgt kann, die Sprachkenntnisse zu verbessern. Mit der schriftlichen Bewerbung kann gleichzeitig ein Stipendium beantragt werden, was bei Studiengebühren von rund 15.000 Euro ratsam ist. Die Lebenshaltungskosten von etwa 7.000 Euro werden nicht von einem Stipendium abgedeckt.

Der besondere „Mehrwert“ des College

Meine Bilanz nach zehn Monaten Brügge lautet: Das Studium am College of Europe hat mir viel mehr gebracht als einen LL.M.-Titel. Fachlich interessant war für mich die vertiefte Beschäftigung mit wirtschaftsrelevanten Rechtsgebieten, die mir teilweise vorher noch unbekannt waren oder die ich nun von einer praktischeren Seite kennengelernt habe. Der Arbeitsaufwand ist hoch, und die Bilingualität sowie die Notwendigkeit, sich an unterschiedliche Unterrichtsmethoden anzupassen, erfordern und schulen gleichzeitig gedankliche Flexibilität, Zeitmanagement und die Fähigkeit, Aufgaben zu priorisieren. Präsentationen und Gruppenarbeit haben eine viel stärkere Bedeutung als in der klassischen deutschen Juristenausbildung und finden insbesondere auch im Rahmen der fächerübergreifenden Vorlesungen statt, von denen pro Semester eine gewählt werden muss.

Unvergesslich war die Zeit aber vor allem auch in persönlicher Hinsicht, denn das soziale Leben am College ist sehr intensiv. Nur ein Beispiel sind die National Weeks, in denen die jeweiligen Delegationen mit viel Engagement versuchen, den anderen Studenten ihr Heimatland in kultureller Hinsicht nahe zu bringen. Nicht selten finden Veranstaltungen statt, die mit dem Besuch hochrangiger Politiker verbunden sind.

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