Hochschulen in Polen

Artikel über die Hochschullandschaft in Polen

Hochschulen in Polen

Seit der politischen Wende 1989 haben sich die Hochschulen in Polen rasant entwickelt. So gibt es heute knapp 1,9 Millionen Studierende, die an 377 Hochschulen eingeschrieben sind. Im akademischen Jahr 1989/1990 zählte man lediglich 378.000 Studierende an 112 Hochschulen. Polen hat auf dem Gebiet des Hochschulwesens die historisch bedingten Rückstände im Vergleich zu Westeuropa weitgehend aufgeholt. Im Studienjahr 2003/2004 haben vorläufigen Angaben zufolge insgesamt 450.000 ein Studium begonnen, davon rund 72 Prozent an staatlichen und etwa 28 Prozent an privaten Hochschulen.

Überwachte Qualitätsstandards
Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der akademischen Lehrer konnte mit diesem Wachstum der Studierendenzahlen bislang nicht Schritt halten: Während 1990/1991 auf einen Professor im Schnitt noch 36 Studierende kamen, waren es 2001/2002 bereits 92. Vor allem die immer zahlreicher werdenden privaten Hochschulen verfügen häufig nicht über eigene Hochschullehrer. Stattdessen bieten sie Professoren staatlicher Institutionen an, bei ihnen auf einer zweiten oder sogar dritten Stelle zu arbeiten. Diese weit verbreitete "Tätigkeit auf vielen Stellen" und der daraus resultierende Qualitätsverfall in Lehre und Forschung an polnischen Hochschulen werden zunehmend als Problem wahrgenommen. Die 1998 von der Konferenz der Universitätsrektoren gegründete "Universitäts-Akkreditierungskommission" (UKA) hat mittlerweile Standards für zahlreiche Studiengänge entwickelt und erteilt darauf basierend Akkreditierungen. 2002 hat zusätzlich die "Staatliche Akkreditierungskommission" ihre Tätigkeit aufgenommen, die über umfangreichere Rechte als die UKA verfügt und alle polnischen Hochschulen sehr genau überprüft. Weisen Studiengänge schwere Mängel auf, so werden sie unter Umständen ganz eingestellt. Zertifikate dieser Kommissionen stellen damit eine Auszeichnung für höchste Qualität in der Ausbildung dar und bieten ein hohes Maß an Sicherheit bei der Studien- und Universitätswahl.

Beliebte Studienfächer
Besonders beliebte Studiengänge in Polen sind die Fächer Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Pädagogik, Politologie, Jura, Psychologie und Soziologie. Das Interesse an wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen und Rechtswissenschaften ist rückläufig, da es für diese beiden in den letzten Jahren sehr beliebten Fachrichtungen auf dem Arbeitsmarkt inzwischen deutliche Sättigungsanzeichen gibt. Besorgnis erregend gering ist das aktuelle Interesse an Natur- und Ingenieurswissenschaften. Seit den neunziger Jahren ist der Anteil ausländischer Studierender an polnischen Hochschulen stetig gestiegen und betrug im Studienjahr 1999/2000 über 6.000. Die meisten kommen aus der Ukraine, gefolgt von Weißrussland und Litauen.

Studium im Klassenverband
Polen bietet in vielen Fachbereichen ein hohes wissenschaftliches Niveau und eine Reihe sehr guter Studien- und Forschungsmöglichkeiten. Zahlreiche Hochschulen haben ihre Lehrpläne aktualisiert. Die Einführung des europäischen Leistungspunktesystems ECTS ermöglicht je nach Heimatuniversität eine unkomplizierte Anrechnung der Studienleistungen. Häufig ist das Betreuungsverhältnis an polnischen Hochschulen besser als an deutschen Massenuniversitäten. Üblicherweise findet das Studium im "Klassenverband" statt – es ist dementsprechend häufig durch einen starken sozialen Zusammenhalt geprägt. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Kooperationen zwischen deutschen und polnischen Hochschulen entwickelt.

Zunehmendes Gewicht im Wirtschaftsleben
Darüber hinaus gibt es viele Polen, die einen Studien- oder Forschungsaufenthalt in Deutschland absolviert haben und heute in der polnischen Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung oder Politik tätig sind. So kann man leicht Ansprechpartner finden, die bei der Vorbereitung des Aufenthaltes und auch währenddessen behilflich sein können. Gerade nach dem EU-Beitritt verfügt Polen über ein rasch zunehmendes Gewicht im internationalen Wirtschaftsleben. Ein Studienaufenthalt dort kann, gemeinsam mit zusätzlich erworbenen Fach-, Sprach- und Landeskundekenntnissen, ein wichtiger Vorteil auf dem Arbeitsmarkt sein. Denn auch deutsche Unternehmen suchen zunehmend Fachkräfte mit entsprechenden Qualifikationen. Und letztlich bietet Polen nicht nur Studien-, sondern auch Lebenserfahrungen jenseits der bekannten und oftmals ausgetretenen Pfade: Sein geschichtlicher und kultureller Reichtum, die teilweise noch völlig unberührten Naturlandschaften, die Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit der Menschen sowie die offensichtlichen Umbrüche in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik – all dies lohnt es zu entdecken.

Universitäten und Ranking

Seit einigen Jahren werden jeweils im Frühjahr in verschiedenen polnischen Zeitschriften Ranking-Listen veröffentlicht. Die meisten dieser Rankings sollten kritisch betrachtet werden, erfährt man hier doch meist, was in Polen ohnehin bereits bekannt ist: Dass entweder die Universität Warschau oder die Jagiellonische Universität in Krakau die "beste polnische Universität" ist, und dass unmittelbar dahinter die Universitäten in Posen und Breslau, die Warschauer Wirtschaftsuniversität (SGH) sowie die Technischen Hochschulen der entsprechenden Städte platziert sind. Die einzige methodologisch einwandfrei erarbeitete und damit einigermaßen brauchbare Rangliste wird nach weit verbreiteter Meinung vom Wochenmagazin "Polityka" publiziert: Hier werden Interessenten darüber informiert, welche Studienbedingungen sie für sieben der populärsten Studiengänge – Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Pädagogik, Politologie, Jura, Psychologie und Soziologie – an den einzelnen Hochschulen vorfinden. Kriterien für die Rankings sind: Anzahl der angebotenen Spezialisierungsmöglichkeiten, Anzahl der wissenschaftlichen Angestellten, Renommee des Studiengangs und der Hochschule, Ausmaß des internationalen Austauschs sowie Größe der Fachbibliothek. Allerdings liegen diese Informationen leider nur in polnischer Sprache vor.

Organisation

Neben den 125 staatlichen und staatlich finanzierten Hochschulen bieten 225 private Hochschulen verschiedene Studiengänge an. Zu den staatlichen und staatlich finanzierten Hochschulen zählen 17 Universitäten, 18 Technische Universitäten und fünf Wirtschaftshochschulen. Daneben gibt es noch mehrere Akademien und Hochschulen, die sich auf Themen wie Landwirtschaft, Medizin, Kunst, Pädagogik, Seefahrt oder Theologie spezialisiert haben.

Teilzeitstudium für die Mehrheit

Die verschiedenen Hochschulen werden von verschiedenen Ministerien betreut, so ist zum Beispiel das Gesundheitsministerium für Studiengänge wie Medizin zuständig, während technische und wirtschaftswissenschaftliche Bereiche dem Ministerium für Nationale Bildung und Sport unterstehen. Nur 46 Prozent aller polnischen Studierenden absolvierten im akademischen Jahr 2003/2004 ein "normales" Voll- oder Präsenzstudium, die restlichen 54 Prozent studierten Teilzeit im Rahmen eines Abend- oder Wochenstudiums, das sich gut mit einer Berufstätigkeit verbinden lässt.

Viel abfragbares Wissen, weniger Eigenverantwortung

Schon während der Zeit des Sozialismus gab es in Polen Hochschulen, die sich in privater Trägerschaft befanden. Weitere private Einrichtungen etablierten sich nach der Wende vor allem im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Insgesamt ist das Studium in Polen straff organisiert und weist verschulte Strukturen auf: Neben Anwesenheitslisten in den Lehrveranstaltungen gehören dazu über das Semester verteilt zahlreiche Tests. Das gesamte Bildungssystem läuft darauf hinaus, möglichst viel abfragbares Wissen zu vermitteln. Schüler und Studenten lernen kaum, selbstständig zu arbeiten. Das Fachstudium ist allerdings wesentlich breiter gefächert als an deutschen Universitäten. Wer zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften oder Jura studiert, muss Pflichtveranstaltungen in Philosophie und Geschichte belegen.

Fremdsprachen und körperliche Ertüchtigung

Fremdsprachen spielen eine große Rolle: In vielen Studiengängen sind zusätzliche Fremdsprachenkurse Pflicht, zumeist wird Englisch gewählt. Da Deutschland Polens wichtigster Handelspartner ist, steht auch Deutsch hoch im Kurs. Die Beliebtheit der russischen Sprache wächst, obwohl sie in sozialistischen Zeiten die verhasste Pflichtsprache war. Pflicht für alle ist Polnisch, auch der angehende Arzt beschäftigt sich während seines Studiums mit Klassikern der polnischen Literatur. Überbleibsel der Idee der kollektiven Körperkultur im Sozialismus ist die obligatorische Teilnahme an Sportkursen – immerhin ist die Auswahl der Sportart frei. Die Anforderungen an polnischen Hochschulen sind im Allgemeinen sehr viel höher als in den meisten anderen EU-Ländern.

Überblick über polnische Hochschulen

Liste polnischer Universitäten

Weblinks

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