Erfahrungsbericht - Modellstudiengang Medizin Mannheim

Ein Erfahrungsbericht von e-fellows.net-Stipendiatin Tabea (18) (Mai 2016)

Medizin studieren, aber wo? Diese Frage stellen sich jährlich über 40.000 Studienbewerber. So auch ich im letzten Jahr meiner Schulzeit. Heidelberg, Münster und Greifswald standen in der engeren Auswahl. Die Wahl fiel letztendlich auf Heidelberg, doch sobald ich mich mit der Universität Heidelberg näher beschäftigte, stieß ich noch auf etwas anderes: auf die medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg.

"Mannheimer Reformiertes Curriculum Medizin" (MaReCuM)* heißt der dort angebotene Medizinstudiengang. Klingt schon mal gut, dachte ich mir, recherchierte weiter und bekam allmählich ein umfassenderes Bild: integrierte Lehre, 200 Studenten, Kliniknähe und beste Physikumsergebnisse.

Die Entscheidung war gefallen. Nun hieß es, die letzten Hürden zu überwinden. Die entscheidendste war der "Test für medizinische Studiengänge" (TMS), der für die Aufnahme im Hochschulverfahren ein wichtiges Auswahlkriterium ist. Zwischen den Abiturprüfungen absolvierte ich den Test und habe zwei Monate später die Bewerbung fertig gestellt: mit dem Abiturzeugnis in der einen und dem TMS-Ergebnis in der anderen Hand.

Am 1. September kam dann der Bescheid: "Im Rahmen des Auswahlverfahren der Hochschulen (60% Quote) erhalten Sie einen Studienplatz an der oben genannten Hochschule." Medizin in Mannheim – die Reise konnte beginnen.

Integrierte Lehre – was ist das eigentlich?

Studieren in Mannheim ist anders. Die klassischen Fachgrenzen sind aufgebrochen. Wir schreiben unsere Klausuren nicht in Anatomie, Physiologie und Biochemie, sondern in den Modulen "Blut", "Bewegungsapparat" oder "Funktionseinheit Lunge". Das bedeutet, dass von Anfang an alle großen Fächer unterrichtet werden.

Außerdem werden wir schon im ersten Jahr vertraut gemacht mit Dingen wie Blut abnehmen oder EKG lesen. Das ist nicht nur motivierend, sondern führt auch dazu, dass die Mannheimer Studenten einen riesigen Vorteil gegenüber den Studenten anderer Universitäten haben, wenn es um Famulaturen oder das Krankenpflegepraktikum geht.

TheSiMa – das Lernkrankenhaus

Eine besondere Einrichtung in Mannheim ist das TheSiMa. TheSiMa steht für "Themenräume-Simulation-Mannheim". Es handelt sich dabei um ein Simulationskrankenhaus, in dem Studenten den Umgang mit Patienten - eigentlich Schauspieler und Simulationspatienten - üben können. Visite- und Kommunikationtrainings finden so in einer authentischen Atmosphäre statt. Das führt dazu, dass die Studenten später in ihren ersten Tagen auf Station deutlich selbstsicherer sind und so weniger Fehler machen.

Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle fünf Jahre

Wer sich entscheidet, Medizin zu studieren, muss sich im Klaren darüber sein, dass er auch mal ein Wochenende in der Bibliothek verbringen wird. Viele Medizinstudenten in Deutschland haben nur wenig von ihren Semesterferien, weil Klausuren und Praktika in den Ferien stattfinden. Nicht in Mannheim: Sämtliche Klausuren und Veranstaltungen finden während der Module statt. In der Vorklinik ist die Klausurenfrequenz sehr hoch: Nach den ersten drei Wochen eines Moduls schreiben wir eine Zwischenprüfung, nach weiteren drei Wochen eine Abschlussprüfung. Das bedeutet auf der einen Seite kontinuierliches Lernen, auf der anderen Seite haben wir aber selten lang andauernde Lernphasen. Wir bleiben immer am Ball bleibt und nehmen aus den Vorlesungen viel mehr mit, als man es sonst tun würde.

Lernen im kleinen Kreis

Für mich persönlich vielleicht das größte Plus. Wer sich für MaReCuM entscheidet, muss sich keine Sorgen über Anonymität machen. Die Studenten haben von jedem Dozenten E-Mail-Adressen und häufig sogar Telefonnummern. Man kann sich bei Fragen direkt an die Professoren wenden und muss nie lange auf eine freundliche, ausformulierte Antwort warten. Nach den Vorlesungen fliehen unsere Dozenten nicht aus dem Saal, sondern beantworten geduldig jede Frage.

Es kommt nicht selten vor, dass man mit Namen oder gar mit "Guten Morgen, Frau Kollegin" begrüßt wird. Man sieht die Dozenten nicht nur von der Ferne: Die meisten Seminare werden ebenfalls von den Professoren gehalten und nicht von Studenten aus höheren Semestern, wie es in vielen Unis üblich ist. Man muss sich allerdings darauf einstellen, dass erwartet wird, sich gut vorzubereiten und Interesse zu zeigen.

Mannheim bildet Spezialisten aus

Eine Besonderheit der Mannheimer Fakultät ist die Möglichkeit, ab dem dritten Studienjahr einen Master im Gesundheitswesen parallel zum klinischen Teil des Medizinstudiums zu absolvieren. Zur Auswahl stehen die Fächer "Medical Physics", "Biomedical Engineering", "Health Economics" und "Translational Medical Research". Alle Master-Studiengänge werden komplett auf Englisch angeboten.

Der einjährige Master-Studiengang "Medical Physics" findet in Kooperation mit den Universitäten London, Harvard, Durham, Baltimore und Shanghai statt. Ziel ist die Weiterbildung zum Medizinphysiker mit besonderem Schwerpunkt auf Strahlentherapie oder Biomedizinische Optik.

Wer sich für die technischen Aspekte der Medizin interessiert und sich vorstellen kann, später an der Entwicklung medizinischer Geräte mitzuwirken, sollte sich für den Master "Biomedical Engineering" entscheiden. Dieser dauert zwei Jahre.

Im Mittelpunkt des Studiengangs "Health Economics" steht die Vermittlung medizinökonomischer Aspekte.

Wer sein Wissen später in der Forschung einbringen möchte, der ist im Master-Studiengang "Translational Medical Research" gut aufgehoben. Hier geht es nicht nur um das Lernen von verschiedenen Methoden, sondern es wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Verknüpfung klinischer Beobachtungen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse gelegt.

Möchte man sich aber lieber auf seine Zukunft als praktischer Arzt konzentrieren, kann man im Schwerpunkt "klinische Praxis" gezielt praktische Kompetenzen erwerben.

Nach dem Lernen warten Chor und Theater

Die Fakultät Mannheim bietet außerdem verschiedene Sport- und Kulturaktivitäten, wie einen Chor, eine Ruder-Gruppe und ein Orchester. Wer sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen will, ist in der Theatergruppe bestens aufgehoben. So kann es schon mal vorkommen, dass eine Vorlesung von einem hereinstürmenden als Affen verkleideten Studenten unterbrochen wird, der nach einer kleinen schauspielerischen Darbietung die anwesenden Studenten für die kommende Theateraufführung einlädt.

Eine besondere Hilfe ist das studienbegleitende Mentorenprogramm. Hier treffen sich kleinere Gruppen von Studenten mit einem Professor sowie zwei weiteren Studenten aus höheren Fachsemestern, tauschen sich über das Studium aus und holen sich Karriere- und Überlebenstipps. Die Mentoren stehen den Studenten für drei Jahre zur Verfügung.

Mein Fazit: MaReCuM wird man nicht bereuen

Ich persönlich kann mir keinen geeigneteren Studiengang für mich vorstellen. Besonders die familiäre Stimmung und der große Zusammenhalt zwischen den Studenten sind für mich wichtige Faktoren. Gerade im Vergleich zu Medizinstudenten aus anderen Städten fällt mir auf, dass die Mannheimer ihr Wissen deutlich früher anwenden können und praktische Fähigkeiten, wie Blut abnehmen, nicht völlig unvorbereitet an echten Patienten erlernen, sondern schon sehr früh in einem kleinen, entspannten Umfeld.

e-fellows.net-Stipendiatin Tabea (18) studiert im zweiten Semester Medizin an der Mannheimer Fakultät der Uni Heidelberg. Dort hat sie bereits als Erstsemester gelernt, wie man Blut abnimmt oder ein EKG liest.

Anmerkungen

Das Masterstudium ist kein integrierter Bestandteil des Medizinstudiums mehr, sondern läuft eigenständig. Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.umm.uni-heidelberg.de/studium/masterstudiengaenge/