Auslandssemester und Praktikum in Brasilien (Erfahrungsbericht)

Vorbereitung des Auslandssemesters

Ich wollte meine Promotion mit einer Auslandserfahrung beginnen. Mein Doktorvater hat diese Idee unterstützt. So konnten wir bereits zu Beginn wertvolle Ideen und mögliche Themen für meine Doktorarbeit sammeln und diese bei der Ausgestaltung der Arbeit berücksichtigen. Da Brasilien noch ein Schwellenland ist, gibt es noch viele ungelöste Probleme u.a. auch im Steuerrecht. Mein Auslandssemester von 7 Monaten habe ich im Jahr 2013 an der Juristischen Fakultät der Universität São Paulo (Universidade de São Paulo) absolviert.

Die Vorbereitung des Auslandsaufenthalts war anspruchsvoll und hat bereits ein Jahr vor der tatsächlichen Abreise angefangen. Obwohl zwischen meiner deutschen Fakultät und der Fakultät in São Paulo formell ein Kooperationsvertrag bestand, gab es bis dahin keinen Kontakt zwischen den beiden zuständigen Referaten und somit auch keine Erfahrung darüber, wie man den Auslandsaufenthalt eines Doktoranden gestalten sollte. Aus diesem Grunde habe ich mich entschieden, den gesamten Prozess zu beschleunigen und mich selbst in den Kontaktaufnahme- und Ausgestaltungsprozess einzubringen.

Zunächst durfte ich als Doktorandin einen brasilianischen Betreuer aussuchen. Glücklicherweise hat sich bereits einer der ersten von mir angeschriebenen Professoren gemeldet. So hatten wir genug Zeit, uns noch vor meinem Semester in São Paulo kennenzulernen.

Visum, Impfungen, Auslandskrankenversicherung, Wohnungssuche und sonstige Formalitäten

Nach Erledigung aller Formalitäten an der Fakultät standen als Nächstes die Beschaffung des richtigen Visums und Impfungen auf meinem Plan. Der Prozess für fas Erlangen eines Visums für Studenten und Praktikanten ist relativ unkompliziert, sofern man alle notwendigen Unterlagen beisammen hat. Schon nach zwei bis drei Wochen bekam ich meinen Reisepass inklusive Visum zurück.

Für die Einreise nach Brasilien sind keine Pflichtimpfungen vorgeschrieben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt jedoch vor allem Impfungen gegen Gelbfieber, Hepatitis, Typhus und Tetanus. Man beachte, gegen Malaria gibt es leider noch keine Impfung. Will man mehrere Impfungen auf einmal vermeiden, so muss man sich frühzeitig darum kümmern.

Zwar bekommt man bei Auslandsreisen stets den Abschluss einer Auslandskrankenversicherung empfohlen. Wie hilfreich und lohnend das sein kann, durfte ich jedoch während meines Auslandsaufenthalts am eigenen Leib erfahren. Der Winter in São Paulo kann nämlich ziemlich kalt werden und weil duschen ohne Heizung bei nur 10 Grad wirklich kein Spaß ist, durfte ich einige Male wegen starker Erkältung zum Arzt. Bei dieser Gelegenheit fand ich auch heraus, dass private Ärzte und Krankenhäuser in Brasilien nicht billig sind. Zum Glück erstattete die Versicherungsgesellschaft mir allerdings alle meine Unkosten für die Behandlungen.

Als die schwierigste unter allen zu treffenden Vorbereitungen erwies sich die Suche nach einer Wohnung. Wegen der großen Nachfrage ist die Wohnsituation in São Paulo sehr kompliziert. Ohne die Hilfe einer Freundin vor Ort wäre die Wohnungssuche wahrscheinlich noch viel umständlicher geworden, doch zum Glück konnte sie die Wohnungsbesichtigungen an meiner statt erledigen. In Brasilien werden in der Regel keine Studentenwohnheime betrieben. Die Wohngemeinschaften (sog. república) sind auch hier bekannt. Bei der WG-Suche muss man jedoch aufpassen, denn ein niedriger Mietpreis kann auf ein ärmeres Viertel oder auf eine Lage in der Stadtperipherie hindeuten.

Ankunft und Anmeldungen

Nach meiner Einreise musste ich mich zunächst bei der brasilianischen Bundespolizei (Polícia Federal) anmelden und eine Personalnummer für Ausländer (sog. Registro Nacional de Estranegeiro, „RNE“) beantragen. Die Behörde in São Paulo (Superintendência Regional de São Paulo) ist etwas weiter vom Zentrum entfernt (ca. 1,5 Std Busfahrt) als man annehmen könnte und ist voll von Ausländern, die sich an- bzw. ummelden und in riesigen Schlangen warten müssen. Obwohl bei der Anmeldung sogar Fingerabdrücke genommen werden, erhält man den Personalausweis erst nach 6-7 Monaten. Da mein Auslandsaufenthalt nur 7 Monate dauerte, erhielt ich nie den brasilianischen Personalausweis, musste aber trotzdem die Ausstellungebühr von ca. EUR 80 bezahlen.

Um einen Handyvertrag abzuschließen, ein Bankkonto zu eröffnen oder eine Ware zurückzugeben, benötigt man neben der RNE-Nummer in der Regel noch eine weitere Nummer, nämlich die sog. CPF. CPF steht für Cadastro de Pessoas Físicas (Nationales Steuerregister der natürlichen Personen). Man könnte die CPF-Nummer mit der deutschen Identifikationsnummer vergleichen.

Brasilianer, Leben, Wohnen, Sprache, und die restlichen kulturellen Besonderheiten

Ein Auslandssemester ist immer eine große Prüfung der interkulturellen Kompetenz. Da ich Brasilien bzw. São Paulo bereits von meinen Urlaubsreisen, sowie aus den Erzählungen meiner brasilianischen Freunde in Deutschland kannte, hielt sich mein Kulturschock in Grenzen. Nichtdestotrotz habe ich auch neue interkulturelle Erfahrungen gemacht, weil sich das Alltagsleben wesentlich von einem Urlaub unterscheidet.

Die Brasilianer sind sehr nette, hilfsbereite, freundliche und fröhliche Menschen. Insbesondere die jungen Leute lieben das Networking und das Ausgehen in ihrer Freizeit. Sie sind offen dafür neue Leute kennenzulernen. Aber eine Einladung beim Kennenlernen jemandes Haus bzw. Familie kennenzulernen ist in der Regel lediglich eine Höflichkeitsformel.

An der Universität finden regelmäßig Studentenpartys und Bierfeste (sog. cervejada) statt. Diese bieten viele Möglichkeiten neue Leute kennenzulernen. Eine der bekanntesten Partys an der Juristischen Fakultät der Universität São Paulo heißt Peruada. Es ist eine Art Karneval-Party, die im Oktober stattfindet und mit einem Marsch durch das Stadtzentrum verbunden ist. Viele lokale Medien berichten über diese Party. Formatura ist eine große Party zum Abschluss des Studiums und ist ebenfalls sehr beeindruckend und etwas das man nicht verpassen sollte. Die Brasilianer feiern ihren akademischen Abschluss im großen Stil, d.h. in Abendkleid und Smoking, mit Blumen, Kerzendekorationen und den besten Bands.

In São Paulo gibt es auch viele verschiedene Restaurants und legendäre Bars. Die Brasilianer mögen es in Restaurants zu essen und auszugehen. An Wochenenden ist es nicht unüblich, dass man in einer Schlange wartet, um ein Restaurant besuchen zu können. Eine Art brasilianisches Oktoberfests findet nicht nur in Blumenau, im südlichen Bundesstaat Santa Catarina statt, sondern neuerdings auch in São Paulo. Theaterveranstaltungen für jeden Geschmack sind in São Paulo ebenfalls leicht zu finden. Avenida Augusta ist eine Straße bekannt durch ihre alternativen Partys und Bars. Im Gegensatz dazu finden in vielen Clubs auch traditionelle sertanejo Partys statt.

Sicherheitsproblemen begegnet man leider täglich, insbesondere abends bzw. nach dem Sonnenuntergang. Dann muss man auf der Straße vorsichtiger sein. Vor der Reise nach Brasilien findet man im Internet überall Sicherheitshinweise. Trotzdem wurde mein Handy eine Woche vor meiner Rückkehr leider geraubt.

Taxis in São Paulo sind zwar nicht billig, aber dennoch bezahlbar. Es gibt sogar Smartphone Apps mit Hilfe derer man ein Taxi bequem rufen kann. Auf den Hauptstraßen findet man immer ein Taxi. Zur Universität und in die Arbeit habe ich die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt. Tägliche Taxi-Fahrten konnte ich mir als Studentin nicht leisten. Es war aber auch nicht notwendig. Ich wohnte an der Hauptstraße Avenida Paulista, so dass ich tagsüber gute Bus- und Metroverbindungen hatte. Da meine Vorlesungen aber manchmal erst spät in der Nacht endeten, etwa gegen 23 Uhr, nutzte ich entweder die Mitfahrgelegenheiten bei Freunden oder fuhr mit einem Taxi nach Hause.

Meine Kenntnisse des Portugiesischen haben mir sehr geholfen. Junge Leute und Kommilitonen konnten zwar Englisch sprechen, aber sich auf der Straße nur in Englisch zu verständigen, wäre wahrscheinlich sehr kompliziert geworden. Busfahrer, Buskontrolleure, Verkäuferinnen im Supermarkt, auf der Post oder auch Taxifahrer sprechen sehr oft kein Englisch.

Studieren und Arbeiten in São Paulo

Meine akademischen Aufgaben haben sich insbesondere auf die Forschung für meine Doktorarbeit, sowie die Besuche der Doktorandenveranstaltungen konzentriert. In Doktorandenseminaren müssen sehr oft Vorträge gehalten und Abschlussarbeiten / kurze Monografien zu einem vorgegebenen Thema vorbereitet werden. Die Vorbereitung auf ein Seminar nimmt relativ viel Zeit in Anspruch. Viele brasilianische Juristen promovieren aber neben ihrem Beruf. Die Arbeitszeiten in vielen Kanzleien sind sehr lang. Nichtdestotrotz waren meine Kollegen immer sehr gut vorbereitet und wir haben viele interessante Diskussionen geführt.

Die Fähigkeit neben dem Studium zu arbeiten, erlernen die Brasilianer bereits während ihres Bachelorstudiums. Die Universitäten fördern es, indem sie die Studenten zwischen einem Unterricht am Vormittag oder am Abend wählen lassen. Damit können die Studenten vormittags oder nachmittags in einer Kanzlei, beim Gericht oder beim Notar arbeiten. So können sie bereits während ihres Bachelorstudiums wertvolle berufliche Erfahrungen sammeln. Darüber hinaus habe ich an zwei Steuerkonferenzen teilgenommen. Wahrscheinlich dank der Größe des Landes finden in Brasilien zahlreiche Tagungen und Konferenzen statt. Man entdeckt immer etwas Interessantes für sich.

Während meines Auslandssemesters habe ich neben meiner Forschung für die Doktorarbeit auch ein Praktikum in einer lokalen Anwaltskanzlei absolviert. Die Arbeitsstimmung in meiner Kanzlei war sehr angenehm, fast familiär. Das kann man wahrscheinlich auch der Größe der Kanzlei anrechnen. In den größten und renommiertesten Kanzleien ist das Arbeitsvolumen zwar sehr hoch, es gehört aber nicht zu Natur der brasilianischen Anwälte sich darüber zu beschweren. Trotz ihrer Größe hat sich meine Kanzlei mit vielen interessanten grenzüberschreitenden Sachverhalten befasst. Somit habe ich nicht nur das brasilianische Steuerrecht kennengelernt, sondern auch einiges über das Recht anderer südamerikanischer Staaten gelernt und bin weiterhin mit deutschem Recht in Berührung gekommen, denn die Kanzlei hatte auch viele deutsche Mandanten. In regelmäßigen Abständen informiert die Kanzlei ihre Mandanten in einem Newsletter über Neuigkeiten und Änderungen im brasilianischen Steuerrecht. Mit einigen Kurzartikeln auf Portugiesisch durfte ich auch etwas dazu beitragen.


Weblinks

Brasilianische Botschaft in Berlin (deutsch): http://www.brasilianische-botschaft.de/

Brasilianisches Generalkonsulat in München (deutsch): http://munique.itamaraty.gov.br/de/

Deutsche Auslandsvertretung in Brasilien (deutsch): http://www.brasil.diplo.de/Vertretung/brasilien/de/Startseite.html

Universität São Paulo (USP) (englisch): http://www5.usp.br/en/

Fremdsprachenzentrum der Universität São Paulo – Portugiesisch für Ausländer (portugiesisch): http://clinguas.fflch.usp.br/node/582

Sprachzertifikat Celpe-Bras (portugiesisch): http://celpebras.inep.gov.br/inscricao/

Bundespolizei São Paulo (portugiesisch): http://www.pf.gov.br/institucional/unidades/superintendencias-e-delegacias/sao-paulo

10 Top Sehenswürdigkeiten in Brasilien: http://www.bloggapedia.com/de/10-top-sehenswurdigkeiten-in-brasilien/

Steueridentifikationsnummer CPF (englisch): http://www.receita.fazenda.gov.br/Aplicacoes/ATCTA/CpfEstrangeiro/defaulting.htm

Sertanejo universitário online (portugiesisch): http://deezer.musica.uol.com.br/

Informationen, Sehenswürdigkeiten und Attraktionen in São Paulo (englisch): http://www.lonelyplanet.com/brazil/sao-paulo ; http://wikitravel.org/en/S%C3%A3o_Paulo ; http://www.sao-paulo.com/

Tipps für Essen und Trinken in São Paulo (portugiesisch): http://vejasp.abril.com.br/ ; http://www.baressp.com.br/

Restaurant Week São Paulo (portugiesisch): http://www.baressp.com.br/restaurant-week ; http://restaurantweek.com.br/