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Mehr psychische Gesundheit durch Künstliche Intelligenz

Quelle: unsplash.com, Holger Link

Schon während des Bachelors wusste Markus, dass er promovieren möchte. Jetzt ist er Doktorand an der Universität Tallinn in Estland und erforscht, wie mithilfe Künstlicher Intelligenz psychische Erkrankungen frühzeitig diagnostiziert werden können.

Wieso hast du dich entschlossen, ausgerechnet in Estland zu promovieren?

Als ich noch im Masterstudium war, habe ich mein Erasmus-Semester in Estland verbracht. Das Land war schon damals führend in den Bereichen E-Governance und E-Health: Die Gesundheitsdaten estnischer Bürger können global abgerufen werden und Ärzte verschreiben Rezepte elektronisch. Zudem wird automatisch das Genom von Patienten mit der nationalen Genom-Datenbank abgeglichen, um festzustellen, ob ein bestimmtes Medikament wirken wird oder ob eine Alternative nötig ist. Deshalb bietet Estland ideale Bedingungen für meine Forschung und meine Promotion.

Dass du promovieren willst, war dir schon früh klar?

Die Promotion hat mich schon während meines Bachelors gereizt, als ich Erfahrungen im IT-Consulting gesammelt habe. Ich habe beobachtet, dass der technologische Standard der freien Wirtschaft der Forschung hinterherhinkt. Für mich war deshalb irgendwann klar, dass ich promovieren will, um die Forschung voranzutreiben. Auch die Richtung stand früh fest: Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen.

Wie hast du dich dann an der Universität Tallinn beworben?

Die Universität veranstaltet einen Wettbewerb und schreibt Forschungsthemen international aus. Bewerber müssen einen Research Plan vorlegen und Lösungsvorschläge entwickeln. Der Gewinner oder die Gewinnerin wird zur Promotion zugelassen. Aus meinem Research-Plan ist der Bereich entstanden, in dem ich als Doktorand forsche: "Digital Decision Support Systems for Mental Health".

Kannst du Laien bitte dein Promotionsthema erklären?

Psychische Erkrankungen werden immer noch stigmatisiert und deshalb seltener behandelt und erforscht als körperliche Krankheiten. Betroffene erleben einen unglaublichen Leidensdruck – das hat man während Corona wieder beobachten können: Die Zahl psychischer Krankheiten steigt, gleichzeitig gibt es weniger Behandlungsmöglichkeiten.

Ich will helfen, psychische Erkrankungen schneller zu diagnostizieren und gezielter zu behandeln. Mit Künstlicher Intelligenz, sogenannten Digital Decision Support Systems, suche ich bei Betroffenen nach Anzeichen für psychische Grunderkrankungen. Verändert sich die Sprache der Erkrankten? Verlassen sie seltener ihr Zuhause? Isolieren sie sich von Familienmitgliedern und Freunden?

Um diese Fragen zu beantworten, analysiere ich Daten aus unterschiedlichen Quellen: Social-Media-Postings, Messaging-Dienste, GPS-Daten, die von der Smartwatch gemessene Herzfrequenz und Diagnose- und Krankheitsdaten aus der E-Health-Datenbank Estlands. Die ausgewerteten Daten sollen Ärzten ständig aktualisiert zur Verfügung stehen, um die Behandlung spezifisch an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen.

Hast du einen persönlichen Bezug zum Thema?

Neben meiner Promotion und meiner Arbeit im IT-Consulting bin ich im Rettungsdienst tätig. Ich weiß daher, dass wir ein sehr gutes Gesundheitssystem besitzen. Wenn jemand zum Beispiel wegen eines Schlaganfalls den Notruf anruft, funktioniert die Versorgungskette reibungslos und der Patient wird im Krankenhaus behandelt.

Bei psychischen und sozialen Problemen gerät das Notrufsystem an seine Grenzen. Psychische Erkrankungen lassen sich nicht einfach hospitalisieren. Eine frühe Diagnose kann verhindern, dass psychische Krisen ein Fall für den Notruf werden. Mit meiner Forschung möchte ich unser gutes Gesundheitssystem noch besser machen.

Du arbeitest viel mit persönlichen Daten. Wie garantierst du, dass du mit deiner Forschung nicht gegen Datenschutzrecht verstößt?

Mein Ziel ist es nicht, Menschen auszuspionieren. Datenschutz ist Teil meiner Forschung. Ich tausche mich mit Erkrankten aus, um zu garantieren, dass sie entscheiden, welche Daten sie preisgeben wollen. Um sicherzugehen, dass nur aufschlussreiche Informationen gesammelt werden, stehe ich in Kontakt mit Gesundheitsexperten. Datenschutzexperten helfen mir wiederum dabei, dass meine Forschung konform mit dem europäischen Datenschutzrecht ist. Ein Grundsatz meiner Forschung ist, dass jeder Mensch die volle Kontrolle über seine Daten zu jedem Zeitpunkt behalten können muss.

Datenschutzkonform zu forschen ist wahrscheinlich nicht immer einfach. Vor welchen Herausforderungen stehst du in deinem Promotionsmodell?

Mein Promotionsmodell ist kumulativ und berufsbegleitend. Ich arbeite sowohl auf der Uni an meiner Thesis und diversen dazugehörigen Forschungsprojekten als auch im IT Consulting. Zusätzlich zu meiner Doktorarbeit beinhaltet mein PhD Curriculum auch einige Lehrveranstaltungen. Positiv ist auf jeden Fall die Möglichkeit aktiv an Lehre und Forschung an meiner Uni teilnehmen zu können.

Als Hürde könnte man bezeichnen, dass durch die zu besuchenden Kurse das Studium nicht ganz so flexibel ist wie an anderen Unis. Manchmal fällt es hier schwer Job und Uni unter einen Hut zu bekommen. Diese Herausforderung lässt sich aber meistern.

Auf welche Hindernisse stößt du in deiner Promotion – und wie bewältigst du sie?

Grundsätzlich ist die Promotion von Start bis Ende gefüllt mit Herausforderungen, Hindernissen und Sackgassen, was für mich aber auch reizvoll ist. Ein Beispiel ist das wichtige Thema Datenschutz: Manche Sachen sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Ich stimme mich deshalb immer mit Experten ab.

Die meisten Hindernisse lassen sich bewältigen, weil man in der Promotion nie allein ist. Mir helfen mein Betreuer, andere Doktoranden und mein persönliches und privates Umfeld.

Wie gut ist die Betreuung durch deinen Doktorvater?

Er ist ein führender Experte auf dem Gebiet E-Health, offen für jede meiner Ideen und hat mir immer konstruktive Kritik gegeben.

Wie soll es für dich nach der Promotion weitergehen?

Ich bin grundsätzlich offen für alles, was das Leben bringt. Eine rein akademische Karriere könnte ich mir allerdings in absehbarer Zeit nicht vorstellen. Dass ich beobachtet habe, dass die freie Wirtschaft den technologischen Entwicklungen in der Forschung hinterherhinkt, habe ich bereits erzählt. Die Wissenschaft tut sich aber wiederum schwer, Innovationen praktisch umzusetzen. Idealerweise bringt mir die Promotion die Chance, in meinem Job die Welt von IT Consulting und E-Health Research näher zusammenzubringen und Teilzeit in der Lehre eingebunden zu sein.

Hast du Tipps für andere Doktoranden?

Mein erster Tipp: Versuch Probleme immer genau zu analysieren und suche konstruktive Lösungen – selbst wenn alles aussichtslos erscheint.

Tipp zwei: Such dir das Thema und deinen Betreuer gut aus, du wirst mit beiden viele Jahre verbringen. Sprich außerdem mit so vielen Menschen wie möglich über dein Thema, um neue Blickwinkel und Perspektiven zu bekommen.

Und schließlich: Auch in der Forschung ist nicht alles Gold, was glänzt. Nicht jeder Aufsatz ist wissenschaftlich fundiert, weil er in einem High-Impact-Journal erscheint oder sein Autor mit beeindruckenden Titeln glänzt. Bewahre dir also immer einen kritischen Geist.

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Viele Stipendiaten und Alumni von e-fellows.net promovieren. Du möchtest auch deine Doktorarbeit vorstellen? Schreib eine E-Mail an Sebastian Blum.

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