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Wo in Amazon steckt Künstliche Intelligenz, Herr Herbrich?

Amazon, Alexa, künstliche Intelligenz [Quelle: unsplash.com, Autor: Rahul Chakraborty]

[Quelle: unsplash.com, Rahul Chakraborty]

Ein Deutscher kümmert sich darum, dass sich clevere Computerprogramme im Amazon-Reich ausbreiten. Er erklärt, was mittlerweile alles davon abhängt – schon wenn ein Kunde ein Harry-Potter-Buch bestellt.

Die großen Internetkonzerne bauen um. Ihre Produkte und Prozesse entwickeln sie weiter mit Hilfe der neuesten Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI), mit dem maschinellen Lernen. Gewaltige Datenmengen, stark gestiegene Rechenleistung und bessere Modelle machen das möglich. "Mittlerweile ist es leichter aufzuzählen, wo Künstliche Intelligenz noch nicht drin ist", sagt Ralf Herbrich. 

Er sitzt im Berliner Entwicklungszentrum des Tech-Konzerns Amazon, dessen Kunden vielfältige clevere Computerprogramme verwenden: Wer Bücher oder Küchengeräte sucht, nutzt Amazons KI, sie wählt Lieferanten aus, Kundenbewertungen, steuert im Voraus, was die Verteilzentren einlagern und wie viel, in der digitalen Assistentin Alexa steckt maschinelles Lernen und ebenso in Amazons immer wichtiger werdender Cloud-Sparte AWS – hier prognostizieren Algorithmen die Nachfrage nach Rechenkapazität und konfigurieren die angebotenen Dienste vorab. Analoge Kapazitäten maximal auslasten, diese Kernidee hinter so vielen digitalen Angeboten zeigt sich auch hier.

Herbrich kümmert sich darum, dass sich Künstliche Intelligenz im Amazon-Reich ausbreitet. Er ist der KI-Chef des Weltkonzerns, ein 44 Jahre alter Deutscher aus Schwedt an der Oder, der in Berlin Informatik studierte. Häufig reist er von der deutschen Hauptstadt nach Seattle, wo die Amazon-Zentrale steht. Sogar die Kanzlerin fragt ihn um Rat; als Angela Merkel im Mai zum KI-Gipfel ins Kanzleramt einlud, war Herbrich dabei.

Von einer KI zur nächsten

Doch wie genau kommt ein Kunde denn nun mit Künstlicher Intelligenz in Kontakt, wenn er Amazons Welt betritt? "Wichtig ist erst einmal, dass es hier nicht ein großes neuronales Netz gibt, das alles erledigt, sondern viele verschiedene Modelle, wenn nicht Hunderte, die ineinandergreifen." Die Buchstaben H, A, R tippt er in das Amazon-Suchfeld auf seinem Tablet ein. Der Algorithmus versucht vorauszusagen, was der Kunde kaufen möchte und vervollständigt die Buchstaben zu "Harry Potter". 

Denn das wollten bislang die meisten Menschen, die diese Buchstaben eingaben, und außerdem ist die erste Ausgabe um den Kinder-Zauberer gerade 20 Jahre alt geworden – ein besonderes Ereignis, das noch einmal wahrscheinlicher macht, dass ein Käufer das sucht. Auch das weiß das Programm. Hinter der Suchmaschine steckt sozusagen die erste KI, auf die ein Kunde trifft, der einen Harry-Potter-Band bestellen möchte.

Wer ein Produkt auswählt, erklärt Herbrich, und dann auf die Enter-Taste drückt, um den kümmere sich der nächste kluge Algorithmus, ein Programm, das die verschiedenen Angebote auflistet. Und zwar nicht in einer beliebigen Reihenfolge, sondern nach strikten Prinzipien: möglichst niedriger Preis, möglichst geringe Lieferzeit. "Wir richten uns mit unseren Modellen immer nach den Zielen der Kunden und nicht nach der Technologie", fügt Herbrich an dieser Stelle hinzu: "Die Technologie kann sich ändern, die Art und Weise, wie wir mit Computern kommunizieren, ist in fünf Jahren vielleicht eine andere – aber ziemlich sicher wollen Käufer auch dann noch möglichst wenig zahlen für ihren Einkauf und nur so lange wie unbedingt nötig darauf warten, dass sie ihn bekommen."

Seit sechs Jahren bei Amazon

Wer wiederum wissen will, wie andere Leser die Harry-Potter-Bücher eigentlich finden, bekommt die Antwort von einem weiteren auf Basis vieler Daten trainierten Algorithmus. Dieser wählt die Bewertungen aus, die ein potentieller Käufer sieht, ebenfalls nach bewährten Kriterien – danach, wie häufig Rezensenten welche Noten vergeben haben, aber zugleich auch mit dem Ziel, verschiedene Meinungen über ein Produkt anzuzeigen.

"Wir wollen möglichst die ganze Breite abbilden", sagt Herbrich. Für ihn, der mit seinem Prime Account eingeloggt ist, hat eine weitere KI außerdem nur neue Bücher angezeigt, weil sie aus seinen vergangenen Käufen ableitet, dass er auch dieses Mal kein gebrauchtes möchte.

Im November 2012 wechselte Herbrich in die Dienste Amazons – um ein eigenes großes KI-Team aufzubauen. Und er stellt weiter ein. Wie Google, Facebook, Microsoft oder Apple sucht auch Amazon rund um den Globus Talente, denn nach wie vor gibt es viel weniger KI-Fachleute auf der Welt, als die Unternehmen einstellen wollen. 

Während Forscher von Google oder Facebook jedoch häufig Fachartikel publizieren und dies auch öffentlich herausstellen, verhält sich Amazon in dieser Hinsicht sehr still. Mit Absicht, sagt Herbrich: "Wir reden öffentlich weniger über unsere Forschung, sondern mehr über Produkte, die mit der Forschung ermöglicht wurden, denn nur sie sind für unsere Kunden relevant und nutzbar."

Alexa in Aachen und Danzig

An akademischer Prominenz mangelt es gleichwohl nicht. Bernhard Schölkopf, der am häufigsten zitierte deutsche Forscher im maschinellen Lernen, ist gerade aus einem mehrere Monate dauernden Einsatz am Amazon-Sitz in Seattle zurück. In der Nähe des Max-Planck-Instituts für intelligente Systeme in Tübingen, wo Schölkopf forscht, finanziert Amazon einhundert Forscherstellen, die in mehreren Teams arbeiten und sich neben Schölkopf um den ebenfalls aus Deutschland stammenden KI-Fachmann Michael Black gruppieren. Dort geht es zum Beispiel um Kausalität: Amazon will herausfinden, wie verschiedene Käufe miteinander zusammenhängen, ob ein Einkauf einen anderen beeinflusst und in welcher Richtung dieser Zusammenhang besteht.

Überhaupt erforscht und kreiert Amazon intelligente Computerprogramme ziemlich dezentral. Am Sprachassistenten Alexa arbeiten sie in Aachen. Alexas Stimme wiederum entwickeln Forscher im polnischen Danzig weiter, die Suchfunktion der Einkaufsplattform vervollkommnet schließlich eine Gruppe um Hugo Zaragoza in Barcelona. Weitere Teams gibt es in Cambridge in Großbritannien, in New York und natürlich auch an der amerikanischen Westküste.

Herbrich macht allerdings klar: Deutschland braucht sich nicht zu verstecken, bildet durchaus gute Grundlagenforscher aus und bietet die Infrastruktur, die ein Unternehmen wie Amazon braucht. Sonst hätte die Konzernführung sowieso nicht eingewilligt, dass er die KI-Entwicklung aus Deutschland heraus aufbaut und führt. Manchmal sind es Kleinigkeiten, um die es geht; ein anderes Mal steckt in Modellen ein gewaltiges Veränderungspotential. Eines davon demonstriert Herbrich an einer würzigen Wurst. Er tippt das Wort Chorizo in das Suchfeld ein, der Algorithmus listet zahlreiche Treffer auf, gerade auch von Händlern auf der Iberischen Halbinsel, woher diese Sorte stammt. 

Lesen können deutsche Käufer die Angebote trotzdem in ihrer Sprache, weil ein Programm sie übersetzt. Fachleute wissen, dass dahinter weitreichende Folgen stecken können, dass Sprache im internationalen Handel eine Hürde ist. Gerade erst haben die Ökonomen Erik Brynjolfsson, Xiang Hui und Meng Liu in einer vielbeachteten Analyse auf Daten der Online-Plattform Ebay vorgerechnet, dass darüber viel mehr Waren aus den Vereinigten Staaten ins spanisch-sprachige Lateinamerika verkauft werden, seitdem ein Computer Angebote übersetzt.

Erster sein

Dabei muss die Übersetzung offenkundig auch nicht fehlerfrei sein. Wenn Herbrich die verschiedenen Chorizo-Angebote durchgeht, fehlt gelegentlich ein Buchstabe, und die Grammatik stimmt nicht immer. Macht aber nichts, sagt er: "Die maschinelle Übersetzung muss nicht perfekt sein, sie muss so gut sein, dass der Kunde eine Kaufentscheidung treffen kann." Das sagt nicht nur viel über den Ansatz Amazons, sondern verrät auch, was Informatiker schon früh lernen: Software kommt nie vollkommen fertig auf den Markt. Die Frage ist eigentlich immer nur, welche Fehlerquoten die Entwickler und ihre Unternehmen tolerieren wollen. Und wie viel Wert sie darauf legen, die Ersten zu sein mit einer neuen Produktidee. Alexa ist ein Beispiel dafür. Keinen anderen Sprachassistenten fragen Konsumenten so häufig nach. Ein echter Gesprächspartner ist er aber nicht, im Gegenteil. Stört ihn das oder die Tatsache, dass die Konkurrenz von Google in Vergleichstests besser abschneidet? Herbrich reagiert gelassen. "Ich muss mit meinem Sprachassistenten keine Gespräche führen, das mache ich mit meiner Familie", sagt er. Wichtiger ist ihm, der Erste im Markt zu sein.

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