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Das kann man studieren?

Study, studieren, Buchstaben, Bücher, Schriftzug [Quelle: pixabay.com, Autor: Wokandapix]

Quelle: pixabay.com, Wokandapix

BWL, Jura oder Politikwissenschaften kennt jeder. Mit Figurentheater oder Pferdewissenschaften sieht das anders aus. Studenten mit Nischenstudium erzählen von Vorurteilen und Vorteilen.

Pferdewissenschaften: Hü und hott

Ronja Engel wollte schon immer mit Pferden zu tun haben. Mit acht Jahren bekam sie ihre ersten Reitstunden. Und mit 24 entschied sie sich für den Master Pferdewissenschaften an der Universität Göttingen. "Aber es sind nicht nur Pferdemädchen in so einem Studiengang", sagt sie. Der Unterricht bestehe auch nicht aus Reiten und Pferdestreicheln. Stattdessen gebe es vier Semester lang ganz normale Vorlesungen. Und obwohl die einerseits thematisch irgendwie begrenzt sind, weil es in Pferdewissenschaften nur um Pferde geht, eröffnet sich aus der Spezialisierung eine ziemliche Themenbreite. Man könnte das Studium wahrscheinlich sogar auf mehr als zwei Jahre ausweiten, sagt Engel. Denn es geht um alles, was mit Pferden zu tun hat.

Auch die Tierärztliche Hochschule Hannover und die Deutsche Reiterliche Vereinigung sind am Fach beteiligt. Zum Stoff gehören unter anderem die Anatomie der Tiere, Trainingsaspekte im Pferdesport, artgerechte Haltung und Zucht, aber auch die Führung eines Betriebes. Einige der etwa zwei Dutzend Mitstudierenden von Ronja Engel kommen von landwirtschaftlichen Betrieben und aus der Agrarwissenschaft. Sie selbst allerdings nicht. Sie hat ihren Bachelor in Ernährungswissenschaft gemacht. "Das war ein kleiner Abweg von mir", sagt sie. Schließlich geht es dabei nicht um Pferde. Aber rückblickend passt die Kombination doch ganz gut. Pferdefütterung sei nämlich noch mal eine Wissenschaft für sich.

Nach ihrem Abschluss wird die 25-Jährige vielleicht in der Futtermittelindustrie arbeiten. Oder einen Hof managen. Ihr Master war für sie nämlich auch eine Alternative zur Ausbildung zur Pferdewirtin. Engel will mit Pferden arbeiten, deren Bedürfnisse aber auch aus Forschungssicht verstehen lernen. Und so "für eine bessere Pferdewelt sorgen". Dass selbst in der Pferdeszene so gut wie niemand ihren Studiengang kennt, hat sie zwischenzeitlich verunsichert. Wenn man jedes Mal gefragt werde, was man da mache und was einem das bringe, stelle man sich auch selbst die Frage, was man damit wirklich anfangen könne. "Aber das Thema ist auf jeden Fall mein Ding", sagt sie. Und dass nur wenige den Master machen, hat auch Vorteile. Engel kennt Vorlesungen mit Hunderten von Studierenden im Raum aus ihrem Bachelor. Jetzt könne es je nach Modul sein, dass man nur zu fünft im Hörsaal sitzt. Da müsse man ganz anders mitarbeiten – und sei viel motivierter, von Anfang bis Ende aufzupassen.

Figurentheater: Die Lust am Spiel

Figurentheater ist nicht nur Kinderprogramm und Augsburger Puppenkiste. Aber obwohl die meisten Studierenden Urmel und Jim Knopf aus ihrer Kindheit kennen müssten – dass man Figurentheater studieren kann, hat bei der Fächerwahl kaum jemand auf dem Schirm. Auch Rafi Martin hat zunächst Anthropologie und Soziologie studiert, in Paris und Nowosibirsk. "Aber ich musste so viel lesen und so viel schreiben, und es war einfach megalangweilig", sagt er. Eine Freundin sei nach ihrem Anthropologie-Studium an eine Kunstschule gegangen, sagt Martin. Gemeinsam hätten die beiden ein Figurentheaterstück gesehen, und alles kam ins Rollen. Martin wollte nicht mehr nur über die Themen sprechen, die ihn beschäftigten. Also zog er von Frankreich nach Deutschland und machte seinen Bachelor in Figurentheater an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

In acht Semestern lernen hier etwa sechs Studierende pro Jahrgang Animationshandwerk. Dazu gehören neben Puppentheater auch Objekttheater und Materialtheater. Denn – wie die Hochschule ihren Studiengang in künstlerisch überraschenden Videoclips bewirbt – alles ist Material. Das macht das Fach natürlich nicht gerade greifbar. Wo genau die Grenzen zum Theater ohne die Figuren im Namen liegt, kann auch Martin nicht sagen. Das macht aber nichts. "Ich fühle mich total inspiriert davon, unklar und ohne Rahmen zu arbeiten", sagt der 32-Jährige. So wie der Rahmen in der Arbeit im Figurentheater nicht klar abgesteckt ist, ist er es auch nicht im Studium. Auf dem sich über den ganzen Tag ziehenden Stundenplan steht deswegen neben Figurenbau in der Werkstatt alles, was man sonst noch für Theater brauchen könnte.

Das wären zum Beispiel Dramaturgie-Theorie, Regie, Schauspiel und Gesang, aber auch Körperübungen wie Yoga oder Feldenkrais. Und es werden Kunstschaffende mit ihren ganz eigenen Interpretationen von Figurentheater eingeladen, um mit den Studierenden Projekte zu erarbeiten.

"Ich glaube, das Studium ist für Menschen, die Lust haben, zu spielen – mit allem", sagt Martin. Auch mit Anthropologie und Soziologie: Nach seinem Abschluss in Figurentheater im Jahr 2018 hat Martin unter anderem Projekte zur französischen Nachnamenspolitik, zu Migration in Familienbiographien, Genderidentität und zur "Gewalt an weiblich sozialisierten Körpern" gemacht. Für ihn ist Puppenspiel alles andere als Kinderprogramm.

Eurythmie: Tradition statt Namenstanz

Immer wenn sich mal wieder jemand darüber lustig macht, dass Kinder an Waldorfschulen ihre Namen tanzen, muss die Eurythmie ganz stark sein. Denn anders als oft angenommen, steckt hinter dem Unterrichtsfach keine simple Y.M.C.A.-Adaption. Die Eurythmie ist vielmehr eine mehr als 100 Jahre alte Bühnenkunst mit Traditionen und Regeln. Und die kann man sogar studieren. In der Eurythmie werden keine Buchstaben nachgeahmt, sondern Assoziationen mit Lauten durch Bewegungen sichtbar gemacht. Wer etwa eurythmisch ein A darstellen will, der zeigt mit seinem Körper einen offenen Winkel. "Ein A löst ein Gefühl der Öffnung zur Welt aus, manchmal auch ein Ausgeliefertsein zur Welt", erklärt Tobias Schiöberg diesen Aspekt seines Studienfachs.

Er studiert Eurythmie im vierten Jahr an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in der kleinen Gemeinde Alfter, wenige Kilometer entfernt von der früheren Bundeshauptstadt Bonn. "Natürlich haben sich meine Eltern Sorgen gemacht, dass der Sohnemann nicht irgendwas Anständiges lernt", sagt Schiöberg. Aber eine Eurythmie-Aufführung hat ihn während seines Erststudiums der Kindheitspädagogik auf eine Weise berührt, die er vorher nicht kannte. Dass es sich bei der Bewegungskunst um einen absoluten Nischenstudiengang handelt, hat ihn nicht abgeschreckt, im Gegenteil. Der heute 32-Jährige sah sich dadurch sogar darin bestärkt, seinen zweiten Bachelor in Eurythmie zu machen. Hier ist es ein Unterschied, ob er da ist oder nicht. Schließlich sind die Studierenden nur zu maximal zehnt pro Kurs. Und die Zusammenarbeit ist sehr persönlich. Es gehe darum, gemeinsam eine Ebene von Sprache und Musik zu entdecken, die im ersten Moment nicht offenbar sei, sagt Schiöberg. Und darum, diese dann zu transportieren.

Auch Musik wird in der Eurythmie in Bewegung übersetzt, etwa anhand der Unterteilung in acht Intervalle. So wird die Sekund mit den Armen ganz nah am Körper getanzt. Die Septim hingegen geht beinahe über die Fingerspitzen der ausgestreckten Arme hinaus, ist etwas zittrig. "Man ist fast schon wieder zu Hause, aber gleichzeitig ist man noch sehr weit weg", beschreibt Schiöberg sein Gefühl zur Septe. Dass das esoterische Züge hat, gibt er zu. Lieber nennt er sein Fach aber philosophisch. Darauf, dass die Eurythmie auf die anthroposophische Lehre Rudolf Steiners zurückgehe, müsse man sich einlassen, sagt Schiöberg. Dafür handle es sich, solange es Waldorfschulen gebe, um ein sicheres Berufsfeld. Trotz der Aussicht auf eine Lehrerstelle und obwohl sich Eurythmie-Aufführungen keiner großen Popularität erfreuen – ein bisschen träumt der Student davon, nach seinem Abschluss sein Geld auf der Bühne zu verdienen.

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