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Wo sind die Nesthocker?

Haus Heimat Landhaus [Quelle: Unsplash.com, Jesse Roberts]

Quelle: Unsplash.com, Jesse Roberts

Die Jugend von heute bleibe so lange wie möglich im "Hotel Mama" wohnen, heißt es oft. Das klingt empörend plausibel, ist aber ein Märchen.

Seit nun schon 30 Jahren hält sich in der Öffentlichkeit das Bild des Erwachsenen, der nicht ausziehen will. Junge Menschen blieben immer länger in der Wärme des Elternhauses hängen, das Auszugsdatum verschiebe sich also stetig weiter nach hinten. Das Phänomen gelte für alle westlichen Marktwirtschaften gleichermaßen, und so bekam diese Ausweitung der matriarchalischen Komfortzone das griffige Etikett "Hotel Mama" verpasst. Erst vergangene Woche machte der Fall eines 30-jährigen Amerikaners Schlagzeilen, den seine verzweifelten Eltern jetzt per Gerichtsbeschluss aus dem Haus werfen ließen. Der Sprössling habe nicht einmal Miete zahlen wollen. Also raus mit ihm! Aber taugt dieser Michael Rotondo wirklich zum Märtyrer der Generation Nesthocker?

Wieder einmal hat es die Soziologie hier mit dem Eigenleben eines Phänomens zu tun, das sie ursprünglich selbst einmal in die Welt gesetzt hat. Dem aufwendigen Prozess einer strengen empirischen Überprüfung halten auch vergleichbare öffentlichkeitswirksame Schlagworte wie "Bastelbiographie", "Singularisierung" oder "Erlebnisgesellschaft" dann meist nicht stand. Die Familiensoziologen Dirk Konietzka und André Tatjes von der TU Braunschweig haben sich jetzt die Mühe gemacht, die Fundamente des Hotels Mama auf ihre Standfestigkeit zu untersuchen. Holt man so weit aus wie sie, bleibt von der angeblichen Auszugsfaulheit der Jugend nichts übrig. Statt Hotel müsste man eher von der "Jugendherberge Mama" sprechen – heimelig, aber eigentlich kein Ort mehr für Erwachsene.

Die Antwort ist "nein"

Die Forscher wollten ihrer Studie eine möglichst große empirische Basis zugrunde legen, darum kombinierten sie die Befunde aus neun großen Umfragen zu einem in seiner Art einzigartigen Metadatensatz mit insgesamt fast 30 000 Befragten aus den westdeutschen Geburtskohorten von 1925 bis 1984. Hat sich also in dieser langen Zeit das Auszugsalter signifikant nach hinten verschoben, und wenn ja, welche Veränderungen in der Sozialstruktur dieser Jahrgänge würden dieses Phänomen erklären? Die Antwort ist schlicht und verblüffend: Nein.

Erklärungsbedürftig wäre eher der bemerkenswerte Befund der Studie, dass sich das Auszugsverhalten der heute 90-Jährigen kaum von den heute 30-Jährigen unterscheidet – die Mediane des Auszugsalters liegen laut den Autoren insgesamt nicht mehr als zwei Jahre auseinander. Eine solche Konstanz trotz der immensen Veränderungen der deutschen Sozialstruktur über diesen Zeitraum von 60 Jahren ist äußerst beeindruckend. Die These vom Hotel Mama jedenfalls wird von den Braunschweiger Forschern pulverisiert, mehr als "anekdotische Evidenz" lasse sich ihr nicht bescheinigen.

Erst mit 25 raus aus dem Nest

Wenn es überhaupt eine Kohorte von Nesthockern in Deutschland gegeben hat, dann waren es die Männer der späten Flakhelfer-Generation, also die zwischen 1929 und 1932 Geborenen. Deren Auszugsalter lag nämlich im Durchschnitt am höchsten (bei etwa 25 Jahren), was natürlich den extremen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Nachkriegsjahre geschuldet war. Doch sofort danach sinkt das Auszugsalter bei Männern wie Frauen und erreicht bei den Geburtsjahrgängen von 1950 bis 1960 ihren niedrigsten Stand.

Zurückzuführen sei dieser Trend zum früheren Auszug aus dem Elternhaus im Wesentlichen auf die Zunahme der höheren Bildungsabschlüsse, so die Studie. Und selbst der statistisch signifikante Anstieg des Auszugsalters bei den männlichen Geburtskohorten der frühen achtziger Jahre bewegt sich im Rahmen eines bescheidenen Jahres. Und bei den Frauen ist überhaupt kein Anstieg nachweisbar. Seit den frühen Fünfzigern hat sich an deren Auszugsalter ohnehin nichts verändert – sie verlassen das Elternhaus im Alter zwischen 20 und 21 und liegen damit etwas früher als die Männer, auch wenn das bei den jüngsten Jahrgängen der Studie nur etwa zwei Jahre ausmacht.

Kultur ist stärker als Sozialstruktur

Verblüffend ist dieses rasche Verlassen des Elternhauses, weil es sozialstrukturell eigentlich unlogisch ist. Längere Bildungsphasen, die Unsicherheiten der heutigen Arbeitsmärkte, deutlich spätere Heiraten und Familiengründungen und vor allem die insgesamt gestiegene materielle Ausstattung der Elternhäuser sprechen schließlich ganz klar für einen möglichst langen Verbleib im sicheren Schoß der Familie. So argumentieren Soziologen, die sich in der Sozialstrukturforschung auskennen. Die Kultursoziologen dagegen können sich von Konietzka und Tatjes in ihrer Überzeugung gestärkt fühlen, dass Kultur stärker ist als die Sozialstruktur.

Man zieht aus, auch wenn es sicher bequemer wäre, daheimzubleiben. Aber es ist eben eine in der Kultur längst tiefverwurzelte Norm, dass man sein Erwachsensein zumindest räumlich mit der Wahl eines eigenen Zuhauses glaubhaft macht. Die verlässliche monatliche Überweisung vom Konto des Hotels Mama kann ja trotzdem akzeptiert werden. Generell begünstige ein "statushöheres" Elternhaus den frühen Auszug, so die Studie. Wer also dem Kind viel (mit)geben kann, wird es auch schneller los. Und das ist durchaus materiell gemeint. Ob das nun eine gute oder schlechte Nachricht aus der Soziologie ist, müssen die Eltern unter unseren Lesern natürlich selbst entscheiden.

Dirk Konietzka, André Tatjes: "Hotel Mama" revisited. Stabilität und Wandel des Auszugs aus dem Elternhaus im langfristigen Kohortenvergleich, in: KZfSS (2018) 70: 105–129.

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