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Das Kind im Kopf

Paar Distanz Krise Problem [Quelle: unsplash.com]

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Corinna und Jeremy waren im ersten Semester, als Corinna nach einer gemeinsamen Nacht schwanger wurde. Plötzlich müssen sie sich entscheiden: Abbruch oder Eltern?

Als sie Sex hatten, kannten sie sich kaum. Corinna und Jeremy trafen sich in der ersten Uni-Woche, in einer neuen Stadt, mit neuen Leuten, mit einem Studium und ihrem neuen, aufregenden Leben vor sich. Dann wurde Corinna schwanger. Sie mussten sich entscheiden: Wollen wir das Kind behalten? Heute, vier Jahre später, kämpfen sie immer noch mit ihrer Entscheidung. Weil sie anonym bleiben wollen, haben wir ihre Namen geändert.

Der Anruf

Jeremy: Wir haben gerade im Wohnheim mit meinem Mitbewohner gekocht, als die Frauenärztin anrief und sagte: Corinna ist schwanger. Ich ging ins Bad, schaute in den Spiegel und dachte: "Okay, du wirst jetzt Papa." Komplett neues Lebensbild. Von jetzt auf gleich.

Corinna: Als die Ärztin anrief und bestätigte, dass ich schwanger war, dachte ich nur: Irgendwie müssen wir das Abendessen mit Jeremys Mitbewohner jetzt rumkriegen. Jeremys erste Worte waren "herzlichen Glückwunsch" und ich weiß noch, dass ich das schön fand. Weil er nicht gesagt hat: "Okay, Scheiße."

Jeremy: Corinna und ich hatten uns in der Einführungswoche kennengelernt, da war jeden Tag Party. Es hatten sich die ersten Grüppchen gebildet, wie das am Anfang im Studium so ist. Wir waren neu in der Stadt und wollten Leute kennenlernen, waren abends ständig zusammen unterwegs. Anfangs in einer größeren Gruppe, später öfter alleine. Zwischen uns hat sich etwas angebahnt. Irgendwann waren wir dann nach einer Party im Bett gelandet.

Corinna: Nach der Nacht mit Jeremy wollte ich wieder anfangen, die Pille zu nehmen, deshalb war ich zu meiner Frauenärztin gegangen. Jeremy kam mit. Die Frauenärztin machte zur Kontrolle einen Ultraschall und sagte: "Wir machen lieber mal einen Schwangerschaftstest", während sie auf den Bildschirm sah. Der Schnelltest war positiv. Für die Pille danach war es schon zu spät. Ich sollte dort dann noch einen Bluttestet machen. Über das Ergebnis wollte uns die Ärztin telefonisch informieren.

Jeremy: Nach dem Anruf der Ärztin war Abbruch für mich erst mal noch gar kein Thema. Ich war erst mal euphorisch und dachte: Jetzt muss ich erst mal funktionieren. Plötzlich passierte ganz viel, ich musste Verantwortung tragen. Corinna und ich waren nochmal bei der Frauenärztin und dann bei Pro Familia, haben erst mal gesagt, dass wir uns so viele Informationen wie möglich sammeln wollen: Wie es für werdende Eltern im Studium ist, was ein Studium mit Kind für uns bedeuten würde, solche Dinge.

Die Unsicherheit

Corinna: Von Anfang an hatte ich an Abbruch gedacht, weil ich Jeremy ja kaum kannte. Außerdem war die Situation am Anfang des Studiums, die neue Stadt und die erste eigene Wohnung für mich aufregend genug. Was wäre gewesen, wenn Jeremy nach der Geburt einfach weggerannt wäre? Wäre ich dann zurück zu meinen Eltern gezogen? Alleine mit dem Kind in der fremden Stadt geblieben? Als wir bei Pro Familia waren, war für uns aber noch alles offen. Das war ein echtes Beratungsgespräch. Mir war gar nicht klar, dass man zu Pro Familia gehen muss, wenn man abtreiben will, um sich drei Tage vor dem Eingriff einen Schein ausstellen zu lassen, dass man dort war. Als wir nach dem Gespräch gingen, sagte die Frau dort: "Nehmt den Zettel zur Sicherheit lieber mal mit." Und sie sagte: "Ab jetzt gibt es keine gute Entscheidung mehr." Damit hatte sie recht. Man denkt oft: Der Abbruch sei von beiden Entscheidungen die leichtere, aber das stimmt so nicht.

Jeremy: Eigentlich dachte ich damals aber schon: Irgendwie würden wir das mit dem Kind schaffen. Auch, wenn wir gesagt haben, dass wir jung sind, uns kaum kannten. Aber ich wollte Corinna Rückendeckung geben, für die Entscheidung, die sich für sie richtig anfühlt. Schließlich ist sie die Frau und hat mit einer Schwangerschaft mehr Komplikationen, die physische Seite von einer Schwangerschaft konnte ich Corinna ja nicht abnehmen.

Corinna: Hätte Jeremy gesagt, er wolle das Kind unbedingt behalten, hätte mich das ins Grübeln gebracht. Ob ich anders entschieden hätte, weiß ich nicht. Aber auch, wenn ich es wichtig fand, zu wissen, was er denkt, war mir klar: Das ist letztlich meine Entscheidung. Und die Frau bei Pro Familia hat während des Gesprächs ziemlich gute Fragen gestellt, zum Beispiel, wie wir aufgewachsen sind. Ich wusste bis dahin zum Beispiel gar nicht, dass Jeremys Eltern getrennt sind. Und merkte: Für mich war diese Information wirklich wichtig. Ich bin mit beiden Eltern aufgewachsen und habe mir das auch immer für mein eigenes Kind vorgestellt. Das ist mir während des Gesprächs bei Pro Familia erst klar geworden.

Jeremy: Wir sind am Wochenende nach dem Gespräch bei Pro Familia erst mal jeder zu unseren Eltern gefahren. Sonntagabends wollten wir uns dann wieder treffen und uns entscheiden. Meine Mutter sagte: "Überlegt es euch gut." Meine Eltern waren beide viel im Ausland unterwegs und meinten: "Wir haben Kinder in ganz anderen Verhältnissen auf die Welt kommen sehen. Ihr habt eigentlich alles, was ihr braucht, um einem Leben, das entsteht, eine gute Zukunft zu bieten." Auch, wenn unsere Beziehung vielleicht wieder auseinandergeht. Ich sah das genauso. Schließlich wusste ich, wie es ist, mit getrennten Eltern aufzuwachsen. Ich habe deshalb gedacht: Das würde schon irgendwie werden, aber ich wollte Corinna nicht in eine Richtung drängen.

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