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Auch mit Diebstahl kann man es weit bringen

Abschreiben, Laptop, Notizblock [Quelle: unsplash.com, Autor: J. Kelly Brito]

Quelle: unsplash.com, J. Kelly Brito

Warum Annette Schavan noch Ministerin sein könnte: Universitäten reagieren auf Plagiate meist schleppend. Eine Spurensuche in ganz Deutschland.

Auch wenn es momentan keine Debatten um Plagiate in Doktorarbeiten bekannter Politiker gibt, müssen sich Universitäten kontinuierlich mit der Aufarbeitung wissenschaftlicher Täuschungen beschäftigen. Selten kommt der Impuls aus den Hochschulen selbst. Auf der allgemein zugänglichen Plattform "VroniPlag Wiki" diskutiert eine Schar von Freiwilligen über derzeit 180 Dissertationen und 13 Habilitationsschriften und informiert die betroffenen Hochschulen. Von den betroffenen Autoren sind immer noch viele in der Wissenschaft tätig. Die folgenden Fälle sind exemplarisch und lassen die bereits bekannten Plagiatscluster an der Universität Münster und der Berliner Charité unberücksichtigt.

1. Humboldt-Universität zu Berlin (HU)

"Die anti-wissenschaftlichen Vorurteile, die in den Geisteswissenschaften immer noch bestehen, müssen herausgefordert werden", verlangte 2010 Andrea S. in ihrer Promotion über "einen interkulturellen Vergleich der Darstellung von Allergien in englischen und US-amerikanischen Lifestyle-Magazinen". Dass sie selbst die Wissenschaft durch Plagiate herausforderte, fiel den Betreuern der Arbeit nicht auf. Seit 2013 ist die HU durch "VroniPlag Wiki" über den Fall informiert, doch Nachfragen über die Aufklärung blieben in den Folgejahren unbeantwortet. Der gesamte Text wird bis heute auf dem Webserver der Universität öffentlich abrufbar gehalten. Als Grund führt die HU das Prinzip der Unschuldsvermutung an, das freilich nur im – hier nicht einschlägigen – Strafrecht gilt. Auch im Falle einer Aberkennung des Titels soll der Text im Netz bleiben, die Bibliothek würde lediglich den Titeldatensatz um eine entsprechende Information ergänzen. An der HU reichte auch Marina H. ihre Doktorarbeit und Habilitation ein. Sie war der erste aufgedeckte Fall eines Doppelplagiats: In beiden Arbeiten wurde getäuscht, in der Habilitation sind siebzig Prozent der Seiten plagiatsbelastet. Marina H. lehrt inzwischen als Professorin für Soziologie und weist auf ihrer Website auf die Veröffentlichungen hin - ohne die Vorwürfe zu erwähnen. Ein Überprüfungsverfahren an der HU läuft seit über einem Jahr, bislang ohne Ergebnis.

2. Freie Universität Berlin (FU)

Damian M. promovierte 2003, Ana C. promovierte 2009 im Fachbereich Medizin der FU, beide haben getäuscht. Die Einleitung entsprechender Verfahren erfolgte jeweils im Jahr 2014. Die Titel wurden erst im März 2018 entzogen – und die Bescheide sind noch nicht bestandskräftig. Zur Begründung der langen Verfahrensdauer schreibt die FU: "Die Vorwürfe sind eingehend von einem Gremium zu überprüfen, wofür es in der Regel mehrerer Sitzungen bedarf. Zur Vermeidung möglicher Verfahrensfehler sollen bei jeder Sitzung alle Mitglieder anwesend sein. Es kommt zu Verzögerungen, wenn sich ein Termin, an dem alle sechs Mitglieder des Gremiums teilnehmen können, nicht zeitnah finden lässt." Noch länger dauerte es im Fall Ulrike O.: Promotion zu "Film und Propaganda im Ersten Weltkrieg" 2002, seit 2003 stehen die Plagiatsvorwürfe im Raum, angesprochen in zwei Rezensionen in der "Militärgeschichtlichen Zeitschrift" und bei "H-Soz-Kult". Das veranlasste die FU allerdings nicht zu einer Überprüfung der Arbeit, die erst 2013 begann, als "VroniPlag Wiki" eine komplette Dokumentation ausgearbeitet hatte: Auf über 70 Prozent der Haupttextseiten sind Plagiate zu finden. Im Laufe des Verfahrens musste die Zusammensetzung des Überprüfungsgremiums geändert werden, da das Verwaltungsgericht Berlin seine Rechtsprechung änderte. Gegen den dann erklärten Entzug des Titels hat die Betroffene geklagt. Solange kein Urteil mit Rechtskraft vorliegt, darf sie ihren Titel weiter tragen.

3. Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

Gao X. promovierte im Jahr 2009 zum Thema "Interkulturelles Verstehen durch Kunst im Zeitalter der Globalisierung". Auf 75 Prozent der Seiten lassen sich Fremdübernahmen ohne Nachweise finden, unter anderem wurde der Wikipedia-Eintrag über "Kunst" in weiten Teilen übernommen. Um ihren Doktorhut muss sich X. trotzdem nicht sorgen. Ein Bescheid der Universität konnte nicht zugestellt werden, denn sie lebt inzwischen in China. Der Bescheid beinhaltete allerdings nicht einmal die Bitte, auf den akademischen Titel zu verzichten. Rechtlich durchsetzen lässt sich der Titelentzug ohnehin nicht: Im Jahr 2009 sah die Prüfungsordnung eine Aberkennung nur in den ersten fünf Jahren nach der Titelverleihung vor. Die Plagiate wurden erst nach sechs Jahren entdeckt. In der heute gültigen Ordnung ist keine Verjährung mehr vorgesehen. Auf den Webservern der LMU ist die Arbeit – ohne jeglichen Hinweis auf die Plagiate – weiterhin komplett frei abrufbar. Über die Gründe äußert sich die Hochschule auf Anfrage nicht.

4. Universität Mainz

Nur 18 Tage vergingen von der Meldung eines Plagiatsfalls bis zum Entzug des Titels im Jahre 2014: Das ist bis heute Rekord in Deutschland. Ob die besonderen Umstände eine Rolle spielten? Die Mutter der Doktorandin war die Leiterin einer Poliklinik, an der die Doktorarbeit entstanden ist.

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