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Höflich oder floskelhaft?

Höflich oder floskelhaft?

Das Bewusstsein für andere Kulturen lasse sich jedoch nur bedingt theoretisch vermitteln, so Dauth. Der Leipziger Dozent widmet der Fachliteratur deshalb immer nur einen Teil seiner Vorlesung. Den größten Teil der Zeit nutzt er für Übungen und Simulationen. HHL-Absolvent Felix Schultze erinnert sich noch sehr gut an eine dieser Übungen: Die Studenten sollten eine einfache E-Mail schreiben, um einen Termin für eine Besprechung zu vereinbaren.

Schultze, der zuvor in Berlin BWL studiert hatte, schrieb die Mail, wie es hierzulande üblich ist: höflich und direkt auf den Punkt. Seine Kommilitonin aus China machte es vollkommen anders: Sie formulierte ausschweifend und unkonkret, dafür war ihre Mail mit vielen Höflichkeitsfloskeln gespickt. Im Plenum diskutierten die Studenten anschließend die verschiedenen Entwürfe – und lachten über den rauen Ton der deutschen Version, den sie im Vergleich als völlig unpassend empfanden. "Ich habe das Anliegen offenbar nicht ausführlich genug erklärt und war zu kurz angebunden", weiß Schultze heute. "Das empfanden viele Kommilitonen als unhöflich. Eine interessante Erkenntnis."

Im Arbeitsalltag sind es oft genau diese Feinheiten, die über Erfolg oder Misserfolg eines Vorhabens entscheiden. Das zeigt der Fall Daimler-Chrysler geradezu exemplarisch. Die gescheiterte Fusion der beiden Automobilhersteller gehört zu den Standardfällen, die Professoren wie Tobias Dauth oder Anke Scherer in ihren Vorlesungen analysieren. "Die Kultur bei Daimler war geprägt von vielen starren Hierarchiestufen, hinzu kam ein urdeutsches Verständnis der eigenen Produkte", erklärt Scherer.

Für die Mitarbeiter war der Mercedes das Symbol für deutsche Wertarbeit schlechthin, ein Qualitätsprodukt, für das Kunden einen entsprechenden Preis zahlen. Der US-Hersteller Chrysler dagegen war seit Jahrzehnten ein Sinnbild für die "Hands-on"-Mentalität der Amerikaner, mit flachen Hierarchien und schnellen Innovationen. Qualitätsführer war Chrysler eher nicht.

Anders als Daimler strebte das US-Unternehmen nach dem "Auto für jedermann", das sich jeder leisten kann. Es kam immer wieder zu Missverständnissen zwischen den Partnern – ein Grund für das Scheitern des transatlantischen Zusammenschlusses.

Hürden oder Stärken?

Die Unternehmensberatung Bain schickt ihre Berater vor längeren Auslandseinsätzen auf Schulungen, um sie mit den Gepflogenheiten vor Ort bekanntzumachen. Auch der Konsumgüterkonzern Henkel bietet interkulturelle Trainings und Workshops an. In beiden Unternehmen gilt: Je mehr Vorerfahrung im Umgang mit fremden Kulturen die Mitarbeiter mitbringen, desto besser. Deshalb sehen es die Personalabteilungen auch gern, wenn Bewerber einen MBA-Abschluss mitbringen. "Ein solches Studium bietet eine sehr gute Voraussetzung für eine Karriere bei Henkel, nicht zuletzt aufgrund der meist internationalen Ausrichtung", sagt Lucas Kohlmann, Corporate Director für Recruitment, Development und Digitalization bei Henkel.

Neil Jordaan brauchte an der Cologne Business School ein gutes halbes Jahr, bis er die größten kulturellen Hürden überwunden hatte. Danach allerdings kannten er und seine Kommilitonen sich gut genug, um die jeweiligen Stärken und Schwächen des anderen richtig einschätzen zu können – und sie für sich zu nutzen. "Viele Menschen erzählen einem, dass man sich alles, was man im MBA-Studium lernt, auch selbst anlesen kann. Was sie vergessen, ist die einmalige interkulturelle Erfahrung", sagt der Südafrikaner. Für ihn war die Zusammenarbeit mit Menschen aus derartig vielen unterschiedlichen Kulturen der größte Lerneffekt während seines gesamten Studiums.

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