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Schreiben oder schreiben lassen

Schreibtisch Tastatur Ghostwriting [Quelle: Unsplash.com, Autor: rawpixel]

Quelle: Unsplash.com, rawpixel

Ghostwriter fertigen gegen saftige Geldbeträge Abschlussarbeiten fürs Studium an. Illegal ist das nicht – aber Kritiker laufen trotzdem Sturm.

Heimlichkeiten, unseriöses Auftreten, Telefonate hinter vorgehaltener Hand, irgendwie Schmuddelecke: so stellt man sich die Schattenwirtschaft des akademischen Ghostwritings vor. Denn zumindest auf den ersten Blick wirkt es betrügerisch, wenn Studierende jemanden dafür bezahlen, ihre Bachelor-, Master- oder Diplomarbeit zu schreiben. Die Realität sieht allerdings anders aus. Sie ist einfach zu finden und einigermaßen transparent: Im Internet präsentieren sich zahlreiche größere und kleinere Agenturen, die Ghostwriting für nahezu alle Fächer, akademische Grade und Studiengänge anbieten. Leistungen sind genau aufgelistet, manchmal gibt es bei Unzufriedenheit sogar eine Geld-zurück-Garantie. Lektorat, Recherchehilfe oder das Schreiben der gesamten Arbeit, von Essays bis hin zur Doktorarbeit: alles ist dabei. Ein Gespräch mit der Presse ist auch überhaupt kein Problem.

Torsten Müller arbeitet nebenberuflich als Ghostwriter für die Agentur "Acad Write", einer der größeren am deutschsprachigen Markt. Seinen echten Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, weil er glaubt, dass das negative Auswirkungen auf seine Karriere haben könnte. Vor allem, weil er neben seinem Hauptberuf bei einem großen Energieversorger noch Seminare an zwei Hochschulen gibt und hin und wieder selbst Abschlussarbeiten betreut. Er selbst findet seine Dienstleistungen für den akademischen Nachwuchs unbedenklich. "Ich finde das nicht verwerflich", sagt er.

Bei ungefähr 50 Euro pro Seite gehen die Preise der Agenturen los. Für eine Bachelor-Arbeit sind das dann schnell 2000 Euro oder mehr. Auch wem erst wenige Tage vor Abgabe einfällt, dass er seine Arbeit noch gar nicht begonnen hat, dem wird geholfen: Der Preis für eine derart spontane Hilfe steigt natürlich deutlich an. Für die gebotene Qualität und Diskretion sei das auch vollkommen angemessen, heißt es auf den Websites der Agenturen. Positive, aber natürlich anonyme Kommentare stützen das Bild.

Hält geistig fit und "macht auch Spaß"

Müller hat Wirtschaftswissenschaften studiert, einen Doktortitel auf dem Gebiet erworben und schreibt hauptsächlich Arbeiten aus den Bereichen Controlling und Statistik. Das Ghostwriting ist für ihn lukratives Zubrot, es halte geistig fit und "macht auch Spaß", wie er sagt. Seit ungefähr drei Jahren macht er das, etwa eine Arbeit betreut er pro Monat. Mal Seminararbeiten, aber hauptsächlich Bachelor- und Masterarbeiten, Teile einer Dissertation in Medizin hat er auch schon geschrieben. "Abschlussarbeiten zu schreiben lohnt sich mehr, größere Beträge sind natürlich attraktiver", erzählt er.

Das Schreiben gestaltet er so effizient wie möglich, er schafft ungefähr eine Seite in der Stunde, Stundenlohn zwischen 40 und 60 Euro: "Bei mir sitzen die Handgriffe", sagt er. Und er wisse, worauf es beim wissenschaftlichen Arbeiten ankomme. Zu Themen, die häufiger nachgefragt werden, habe er schon eine gut sortierte Literatursammlung. Im Organisationsprogramm Citavi, das bei vielen Studenten beliebt ist, hat er viele relevante Informationen schon vorsortiert, so dass er beim Schreiben schnell vorankommt. Einmal hat er auch schon eine komplette Masterarbeit in drei Tagen geschrieben - und auch bei wissenschaftlichen Arbeiten helfe viel Übung.

Wie viele Studenten genau sich bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten von Ghostwritern helfen lassen, kann man nicht sagen. Aber allein Müllers Agentur hat in den vergangenen fünfzehn Jahren fast 16.000 Projekte betreut. Etwa 440 Autoren schreiben laut Thomas Nemet, dem Geschäftsführer von "Acad Write", allein für diese Agentur als freie Mitarbeiter. Vielleicht ein Drittel davon hauptberuflich, schätzt er. Außerdem sprechen verschiedene der großen Ghostwriting-Agenturen davon, jährliche Umsätze in Millionenhöhe zu machen. "Ghostwriting ist mit geschätzt zwei Prozent von den erschlichenen Promotionen in Deutschland ein relativ großes Problem", findet Michael Hartmer, der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes.

"Für das Vertrauen in die Seriosität der Wissenschaft abträglich"

Eine Studie der Swansea-Universität in Wales aus diesem Jahr lässt noch größere Dimensionen erahnen: Sie hat herausgefunden, dass 15,7 Prozent der Studenten schon mal jemanden dafür bezahlt haben, ihre universitäre Arbeit zu schreiben. Aber auch abseits der professionellen Agenturen findet Ghostwriting statt. So kommt es vor, dass Studenten für etwas Taschengeld die Hausarbeit von Kommilitonen zu Ende schreiben. Harmlos ist das nicht. "Für das Vertrauen in die Seriosität von Wissenschaft ist das abträglich", sagt Hartmer.

Laut Ghostwriter Müller gibt es unterschiedliche Gründe, warum sich Studenten von Dienstleistern wie ihm helfen lassen. Aber auf keinen Fall seien sie einfach nur faul. Er nennt: wenig Zeit, eine harte Kosten-Nutzen-Rechnung ("Wer umzieht, kauft sich doch auch keinen Umzugswagen") oder das Problem, dass wissenschaftliches Arbeiten an Hochschulen oftmals schlecht vermittelt werde. Viele seiner Kunden studierten berufsbegleitend, für andere spiele Geld offensichtlich keine große Rolle. Und für andere scheine das Ghostwriting die einzige Möglichkeit, durchs Studium zu kommen. Er könne manchmal förmlich den Schmerz durchs Telefon hören, so viel Geld bezahlen zu müssen.

Michael Hartmer vom Deutschen Hochschulverband will das alles nicht gelten lassen. Er glaubt nicht an die Ausflüchte von persönlichen Notsituationen. Und wissenschaftliches Arbeiten sei auch kein Hexenwerk. Es gebe ausreichend Material, in dem es erklärt wird. Darüber hinaus werde es an Hochschulen vermittelt.

Sogar von der Plagiatssoftware geprüft

Ghostwriting ist so oder so nicht illegal – jedenfalls nicht für beide Seiten. Ob es aber eine normale Dienstleistung ist wie etwa das Schreiben von Reden, ist fraglich. Hartmer formuliert seine Kritik pointiert: "Die Branche ist dreist und frech", sagt er. "Sie gibt Interviews und brüstet sich auch noch mit ihrem Parasitentum." Die Agenturen stellten sich dar, als verkauften sie Qualitätsprodukte mit Erfolgsgarantie.

Viel "Coaching" werde nachgefragt, sagt dagegen Thomas Nemet von "Acad Write". Das klingt so unbedenklich wie das Bezahlen für Nachhilfestunden. Dabei liegt das rechtliche Problem darin, dass Studenten zusammen mit ihrer Arbeit eine eidesstattliche Erklärung abgeben, diese selbst verfasst zu haben. Hat man sie schreiben lassen, ist das schlichtweg Betrug. Dafür droht mindestens die Exmatrikulation, aber auch Geldstrafen sind möglich. Die Agenturen für Ghostwriting machen sich hingegen nicht strafbar. Sie geben die Arbeiten offiziell auch nur als Musterlösung heraus.

Bisher ist Ghostwriter Müller noch nie eine seiner "Musterlösungen" in seiner Arbeit als Hochschuldozent wieder begegnet. Er glaubt auch nicht, dass er Arbeiten von anderen Ghostwritern erkennen würde. Dafür müsse man seine Studenten schon sehr gut kennen, aber das sei für Dozenten grundsätzlich schwierig. Bei den Arbeiten der Ghostwriter handelt es sich auch nicht um grobe Plagiate, sondern um individuell angefertigte Arbeiten. Bisweilen werden sie intern sogar noch Korrektur gelesen, und der Kunde erhält ein Zertifikat, dass sie von einer Plagiatssoftware geprüft wurden.

"Die Branche profitiert von der schlechten Betreuung"

Schlaflose Nächte hat Müller jedenfalls nicht – ob er nun beim Betrug hilft oder selbst betrogen werden könnte: "Ich versuche, meine Rollen nicht zu vermischen", sagt er. "In Vorlesungen ist es mein Anspruch, zu vermitteln, als Ghostwriter zu helfen." Außerdem versuche er an der Hochschule, wissenschaftliches Arbeiten sinnvoll zu vermitteln, er spreche nicht nur über Formalia, sondern auch über Inhalte. Die Ghostwriting-Agenturen versuchen ohnehin, den Universitäten den Schwarzen Peter zuzuspielen: "Die Branche profitiert von der steigenden Anzahl der Studierenden und der schlechten Betreuung", sagt Nemet. Das Coaching schließe die Lücke zur fehlenden Betreuung.

Die Gegenseite hat mitunter das Gefühl, ihr seien die Hände gebunden. "Von Seiten der Universitäten wird eher wenig getan - auch weil die Möglichkeiten beschränkt sind", sagt Michael Hartmer vom Deutschen Hochschulverband. "In den Hochschulen herrscht keine besondere Sensibilität für das Thema", sagt er. "Das wird vielfach einfach hingenommen. Vielen Dozenten fehlt es auch an der Vorstellungskraft, dass sie auf diese schäbige Weise hintergangen werden könnten."

Darum fordert sein Verband schon lange, dass die Verantwortung für das Problem nicht allein bei den Hochschulen bleibt - und dass ein Straftatbestand "Wissenschaftsbetrug" eingeführt wird. Damit sollten sowohl dem Verfasser als auch demjenigen, der die Arbeit einreicht, Freiheitstrafe drohen. "Durch eine Gesetzesänderung würde sich die Branche bedrängt sehen", sagt Hartmer. Passiert sei seit den Forderungen allerdings wenig, das Geschäft mit der Täuschung gehe einfach weiter. Ghostwriter Müller kann solche Forderungen sogar verstehen. Sorgen um seinen Nebenverdienst macht er sich aber nicht: "Jede Reglementierung zieht eine kreative Lösung nach sich, um sie zu umgehen", sagt er. Hartmer spricht hingegen von "mafiösen Strukturen", von denen beide Seiten profitierten.

Die Ghostwriting-Agentur garantiert ihren Kunden Datenschutz, im internen Kommunikationsportal sind diese anonym. Müller gibt zu, dass er trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen häufig nachvollziehen kann, für wen er gerade schreibt. Mal schicken die Studenten gutgläubig Deckblätter mit vollem Namen, mal lässt sich an den Eigenschaften eines Word-Dokuments der Verfasser herauslesen. Das könnte für die Kunden zum Problem werden. Den Sommer am Strand oder den Winter in den Bergen statt in der Bibliothek zu verbringen, das scheint für viele Studenten verlockend. Vielen ist dabei vermutlich nicht klar, dass sie sich mit einem erkauften Abschluss erpressbar machen, im Zweifel ein Leben lang.

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