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Diese überwältigende Angst

Frau, Fenster, Traurig, Nachdenklich, Depression [Quelle: unsplash.com, Autor: Joshua Rawson-Harris]

Quelle: unsplash.com, Joshua Rawson-Harris

So viele Studierende wie nie zuvor sind psychisch krank. Dabei waren sie bisher eigentlich immer gesünder als andere ihres Alters. Was ist da passiert?

Florence Kessler war gerade mit einer Freundin in der Stadt unterwegs, als ihr Telefon klingelte. Ihre Mutter war dran und fragte, ob sie allein sei. Sofort war Kessler klar, dass ihr Großvater, der krebskrank gewesen war, gestorben war. Sie verabschiedete sich von der Freundin und eilte zu seinem Totenbett. Und da lag er, mit seiner geliebten weißen Schirmmütze. Er hatte ihr so nahegestanden wie ein Vater, und als sie nun in der geöffneten Tür seines Zimmers stand, sah er wehrlos aus in dem Licht, das durch das Fenster auf sein Bett fiel. "Ich wollte hineingehen, aber ich konnte plötzlich nicht mehr, ich habe eingeatmet und eingeatmet und nicht mehr ausgeatmet, mir wurde schwindelig und übel, ich habe hyperventiliert", erinnert die 23-Jährige sich heute, ein Jahr später. War das normal oder krankhaft? Sie wusste es nicht, denn so einen schweren Verlust hatte sie nie zuvor erlitten.

Ein paar Tage später fiel Kessler, die im vierten Semester Erziehungswissenschaften studiert, allerdings auf, dass sie das beklemmende Gefühl hatte, die Prüfungen zum Ende des Semesters nicht bestehen und die von ihr geforderten Hausarbeiten nicht abliefern zu können. Alles war ihr zu anstrengend, sie war lichtempfindlich, traurig, antriebslos, schnell gereizt und erkannte sich selbst nicht wieder. "Eigentlich bin ich sehr offen und gern mit Freunden unterwegs, aber plötzlich habe ich sehr zurückgezogen gelebt und mich fast immer einfach verkrümelt, wenn die anderen sich getroffen haben", erinnert sie sich. Weil ihre Mutter und ihre Schwester damals schon seit Längerem wegen Depressionen in Behandlung waren, ahnte sie: Nun könnte es auch sie erwischt haben.

Tatsächlich sind psychische Störungen unter Studierenden längst keine Seltenheit mehr. Einer von sechs Studierenden (17 Prozent oder 470 000 Personen) leidet an depressiven Symptomen wie Freudlosigkeit oder Schwermut. Vier Prozent nehmen Antidepressiva - ein Plus von 43 Prozent gegenüber 2006. Das geht aus Untersuchungen der Barmer Ersatzkasse und der Techniker Krankenkasse hervor. Besonders bemerkenswert daran: Bislang galt die Gruppe der Studierenden als überdurchschnittlich gesund, und sie blieben es auch nach ihrem Abschluss. So wies das Robert Koch Institut 2014 nach, dass knapp sechs Prozent der erwachsenen Akademiker depressiv waren. Unter Erwachsenen mit Haupt- oder Realschulabschluss ohne Berufsausbildung waren es mehr als doppelt so viele, nämlich knapp 15 Prozent.

Liegt es an der Bologna-Reform?

Doch neuen Berechnungen zufolge holen die Akademiker auf. Und das, obwohl auch bei den Nichtstudierenden die Zahl der psychischen Erkrankungen in die Höhe schnellt: Allein zwischen 2005 und 2016 ist der Anteil der jungen Erwachsenen mit Depressionen um 76 Prozent gestiegen. Dennoch haben Studierende mit Ende zwanzig laut Barmer Ersatzkasse inzwischen öfter psychische Probleme als Nichtstudierende gleichen Alters; ab 32 bekommen Studierende dann laut Techniker Krankenkasse etwa doppelt so oft Antidepressiva verschrieben wie Erwerbspersonen. Einer der möglichen Gründe für die Entwicklung: die Bologna-Reformen seit Ende der neunziger Jahre, die einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen sollen, in der Praxis nach Auffassung von Kritikern und Studierenden aber mit Verschulung, stofflicher Überladung und einer überbordenden Prüfungsbelastung einhergehen.

Es gibt allerdings starken Grund zu der Vermutung, dass die psychischen Probleme der Studierenden nicht ausschließlich durch das Studium verursacht werden, sondern auch in Kindheit und Jugend begründet liegen. So wie bei Katharina Weber, die Psychologiestudentin im ersten Master-Semester ist und wie auch Florence Kessler eigentlich anders heißt. Nach ihrem ersten Jahr an der Uni hatte sie keine einzige Prüfung bestanden - sie saß nur zu Hause und dachte an den Tod. "In meiner Kindheit war nicht alles schön", sagt sie. Ihr Vater schlug sie, ihren Bruder und ihre Mutter. Als sie vier war, missbrauchte ihr Vater sie das erste Mal, ihr Bruder tat es ihm gleich. Mit 14 kam sie für vier Monate in eine Klinik, weil sie nicht mehr essen und trinken wollte. Irgendwie schaffte sie es noch, ein sehr gutes Abitur zu machen, sie begann ihr Studium, manchmal dachte sie sogar: "Ist doch alles schön." Doch nachdem sie im ersten Semester durch alle Prüfungen gefallen war, ging es ihr immer schlechter, bis sie sich vor anderthalb Jahren Antidepressiva verschreiben ließ und mit einer Psychotherapie begann.

Dass Studenten gerade zu Beginn ihres Studiums krank werden, ist kein Zufall: Ein Studium könne sehr belastend sein – der Umzug in eine neue Stadt, Wohnungsnot, Prüfungsstress, Zukunftsangst – und könne daher eine psychische Krise auslösen, sagt Burkhard Gusy, Leiter des Arbeitsbereichs Public Health, Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung an der Freien Universität Berlin. Hinzu kommt, dass viele Studierende nach dem Studium Bafög-Schulden haben: "Da lastet ein enormer Druck auf den jungen Hochschulabsolventen – teilweise auch durch die hohen Ansprüche an sich selbst. Das kann Ängste und schlimmstenfalls auch eine Depression hervorrufen."

"Depressionen sind ein Tabuthema"

Allerdings tun sich viele Menschen immer noch sehr schwer, wenn es darum geht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. So war es auch bei Florence Kessler: "Ich habe mich überfordert gefühlt, mich viel zu sehr unter Druck gesetzt, ich wollte das alles unbedingt mit sehr guten Noten schaffen." Das führte dazu, dass sie abends nicht mehr einschlafen konnte, sondern stattdessen überlegte, was am nächsten Tag so anstand – oder in den nächsten Wochen und Monaten. Oder dass sie ihre Gespräche vom Tag Revue passieren ließ und sich überlegte, warum sie in gewissen Situationen so und so reagiert hatte und nicht anders. Tagsüber war sie deswegen sehr müde und unkonzentriert. So konnte sie sich nicht überwinden zu lernen, oder wenn, dann nur ganz wenig. Stattdessen guckte sie Comedy-Serien auf Netflix.

Erst Monate nachdem sie in die Depression gerutscht war, meldete sie sich in der Ambulanz der Uniklinik Frankfurt. "Depressionen sind ein Tabuthema", glaubt sie. "Wir haben in der Schule nie darüber gesprochen, und viele Leute denken, wenn man depressiv sei, sei man verrückt." Auch Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Uniklinik Frankfurt, hat die Erfahrung gemacht, dass viele Patienten und gerade die Studierenden sich extrem schämen, wenn sie von ihrer Erkrankung erzählen: "Sie empfinden sich nicht in erster Linie als krank, sondern haben das Gefühl, versagt zu haben."

Reifs Kollegen verschrieben Florence Kessler zunächst einmal Psychopharmaka; vier Monate später bekam sie auch einen Therapieplatz bei einem niedergelassenen Verhaltenstherapeuten außerhalb der Uniklinik. Diese Kombination aus Medikamenten und Therapie ist laut Reif die beste Möglichkeit, Depressionen in den Griff zu bekommen: "Die Medikamente wirken schnell, und die Psychotherapie sorgt im Idealfall dafür, dass die Patienten nicht wieder erkranken." Unterm Strich sei es bei Depressionen allerdings so: Die Hälfte der Patienten werde dauerhaft geheilt, rund vierzig Prozent würden im Laufe ihres Lebens immer wieder mal depressiv, und knapp zehn Prozent würden nicht mehr vollständig gesund.

Bachelorstudenten berichten von mehr Stress

Katharina Weber jedenfalls geht es besser, seit sie in Behandlung ist. Ihre Stimmung ist inzwischen mal gut, mal schlecht. Wenn sie Stress an der Uni hat, kann sie damit umgehen und will sich nicht mehr umbringen. Stattdessen duscht sie kalt, oder sie cremt sich ein. "Einen Reiz hinzufügen und mich mit der Realität beschäftigen statt mit meinen Gefühlen", so nennt sie das. Ihre Therapeutin hat ihr dies empfohlen.

Und auch Florence Kessler machte Fortschritte: In ihrer Therapie lernte sie, darauf zu achten, dass es ihr gutgeht. Und sie erarbeitete Techniken, um Momente, in denen sie sich minderwertig fühlt, zu relativieren – sich also davon nicht mental runterreißen zu lassen. Sie hat außerdem gelernt zu merken, wenn sie Zeit für sich braucht und sich zurückziehen muss – auch wenn andere das vielleicht in dem Moment für unpassend halten. Sie hat gelernt, ihre persönlichen Ansprüche herunterzuschrauben: Sie muss nicht die Beste im Studium sein und auch nicht die Schnellste. Und schließlich hat sie auch noch gelernt, dass sie ihren Tagen Struktur geben muss. Selbst in den Semesterferien. Damit sie gar nicht auf die Idee kommt, morgens einfach nicht aufzustehen. Den Prüfungsstress am Ende des Semesters versucht sie abzufedern, indem sie schon von Semesterbeginn an viel lernt, "aber das klappt nicht immer", gibt sie zu.

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