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So können Angehörige helfen

So können Angehörige helfen 

Im Rückblick ist Lisa klar, dass die Reaktionen ihrer Freunde vor allem eines waren: ein Zeichen der Hilflosigkeit. "Was eine Depression ist, können Angehörige und Freunde oft verständlicher Weise nicht nachvollziehen", sagt SDDH-Vorstandsvorsitzender Hegerl. "Außenstehende denken an eigenen Erlebnissen wie eine nicht bestandene Prüfung, bei denen ihre Stimmung in den Keller ging. Bei einer Depression handelt es sich jedoch um eine schwere Gehirnerkrankung, die die Lebenserwartung um zehn Jahre verkürzen kann."

Familienmitgliedern und Freunden empfiehlt Hegerl deshalb, sich mit einem Ratgeberbuch über das Thema Depression zu informieren. Einblicke bieten online neben der SDDH auch Organisationen wie die Deutsche DepressionsLiga oder die Bundesärztekammer. Für Außenstehende ergeben sich daraus klare Regeln für den Umgang mit dem oder der Erkrankten. Gut gemeinte Ratschläge à la "Reiß dich doch zusammen" sollten Angehörige vermeiden. Vielmehr gilt: "Angehörige sind nicht für die Depression des Betroffenen oder die Heilung verantwortlich", so Hegerl. "Sie sollten dem Erkrankten vielmehr geduldig zur Seite stehen und ihn immer motivieren, die ärztliche Behandlung konsequent durchzuhalten." 

Abschluss mit der Depression

Bis Lisa endlich einen Arzt aufsucht, dauert es ein ganzes Jahr; ein Jahr, in dem sie immer tiefer in eine Abwärtsspirale rutscht: Ihr Stipendium ist abgelaufen, die Master-Thesis droht zu versanden. Wenn Lisa ihren Abschluss retten will, muss sie verlängern. Ihre einzige Chance ist ein ärztliches Gutachten. Über das Gutachten und Gespräche mit einem Psychologen beginnt Lisa eine medikamentöse Behandlung und "rutscht langsam in die Therapie", wie sie rückblickend erzählt. 

Bei der Suche nach einem Therapeuten hilft ihr das Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung. Danach folgen Schritte, die Lisa zunächst als Scheitern wahrnimmt, die sich aber rückblickend als richtig erweisen: "Ich bin aus der Studenten-WG zu meinen Eltern zurückgezogen. Hier konnte ich mit der Therapie anfangen. Ich musste mich ganz bewusst aus dem kompetitiven Umfeld der Uni herausnehmen."

Lisa merkt, wie sich ihr Zustand nach und nach bessert – auch weil sie regelmäßig eine Selbsthilfegruppe für junge Menschen mit Depressionen besucht. Um sich finanziell über Wasser zu halten, beginnt sie zudem zu kellnern. Der Nebenjob ist für sie mehr als ein notwendiges Übel. "Ich bin wieder unter Leute gekommen und habe seit langer Zeit wieder ohne Leistungsdruck gearbeitet." Lisa sammelt positive Bestätigung, die ihr genug Kraft für das Studium gibt. Nach der doppelten Regelstudienzeit schließt sie ihre Masterarbeit ab – und ist einfach glücklich, dass sie das Ruder herumgerissen hat.      

Am eigenen Anspruch verzweifelt             

Rückblickend erkennt Lisa die Verhaltensmuster, die sie während des Studiums in die Depression getrieben haben. "Ich habe mich damals ständig neuen Herausforderungen gestellt, die jeden Menschen an seine Grenzen gebracht hätten. Aus dieser Situation heraus ist meine Krankheit entstanden. Durch die Therapie habe ich gelernt, diese Verhaltensmuster zu erkennen und mit ihnen umzugehen." Anderen Studenten, die an einer Depression leiden, rät Lisa deshalb: "Wartet nicht zu lange, bis ihr therapeutische Hilfe in Anspruch nehmt und verurteilt eure Symptome nicht als persönliche Schwäche. Es ist eine soziale Kompetenz, vielmehr ein Zeichen von Stärke, sich Hilfe holen zu können."

Wie kämpfe ich gegen die Depression?

Als Betroffener fühlst du dich oft allein. Depression ist hierzulande jedoch eine Volkskrankheit. Laut SDDH starben 2015 mehr Menschen durch Suizid als durch Drogen, Verkehrsunfälle und HIV zusammen – die Mehrheit der Selbstmorde ist auf eine unzureichend behandelte Depression zurückzuführen. Such dir so schnell wie möglich therapeutische Hilfe! Dein Hausarzt ist in der Regel der erste Ansprechpartner.

Informationen und Hilfe finden du und deine Angehörigen:

  • auf der Webseite der Stiftung Deutsche Depressionshilfe (inklusive Selbsttest)
  • am deutschlandweiten Info-Telefon Depression: 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)
  • beim Deutschen Bündnis gegen Depression (bietet konkrete Hilfe vor Ort in mehr als 80 Städten und Regionen)
  • in Selbsthilfegruppen in deiner Nähe des Vermittlungsangebots NAKOS 
  • auf der Webseite des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, BAPK                            

*Name von der Redaktion geändert

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Gerade in unserem leistungsorientierten Umfeld (inkl. e-fellows) hat man als Betroffene/r häufig das Gefühl nicht verstanden zu sein und abgehängt zu werden, sobald man eine Zeit lang nichts Besonderes auf seinen CV schreiben kann. Meiner Erfahrung nach gibt es aber sehr viele Menschen, denen es ähnlich geht und die sich deshalb nicht trauen darüber zu sprechen oder sich die Zeit zu nehmen um eine Behandlung zu starten. Es ist daher unheimlich wichtig diesen Kreislauf zu durchbrechen und eine Depression nicht als "Phase" abzustempeln, sondern als ersthafte Erkrankung, die wirklich jeden treffen kann. Wer eine solche Zeit erfolgreich überwindet und lernt damit zu leben ist sehr viel selbstbestimmter, belastbarer und emphatischer. Und das sind Qualitäten, für die es sich lohnt auch eine "Lücke im Lebenslauf" in Kauf zu nehmen, um wieder gesund zu werden Ich würde mir wünschen, dass das auch vom Umfeld und im beruflichen Kontext anerkannt wird.

  2. Sebastian Blum

    Liebe Anonym XY, vielen Dank für deinen Kommentar. Eine Depression ist eine schwere Erkrankung. Richtig geheilt ist ein/e Erkrankte/r nie. Er oder sie kann nur lernen, mit der Depression zu leben. Eine "Heilung" gibt es also nie. Die Depression aus der Perspektive eines Betroffenen, der "das Ruder nicht mehr herumreißen kann" darzustellen , finde ich persönlich sehr interessant. Wenn du mir einen passenden Ansprechpartner bzw. Ansprechpartnerin vermitteln kannst, wäre ich dir sehr dankbar. Liebe Grüße Sebastian

  3. Anonym

    Leider helfen Psychotherapie und Medikamente nur etwa 60% der Personen, die an einer Depression erkrankt sind. Die anderen können das Ruder häufig nicht mehr herumreißen. Es wäre schön, auch einmal zu diesem Thema einen Artikel zu lesen. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile der Hauptgrund für Frühverrentungen und ein großer Risikofaktor für Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Durch die steigende Anzahl der Diagnosen wird diese gesellschaftliche Herausforderung in meinen Augen noch relevanter werden. Gerade den Menschen, denen Medikamente und Therapien nicht helfen, wird häufig mit dem größten Unverständnis begegnet, hat man doch überall in den Medien ausschließlich von Personen gehört oder gelesen, bei denen diese Therapien scheinbar wunderbar angesprochen haben. Ich fände es mutig und hilfreich, sich einmal öffentlich mit dem Thema chronische psychische Erkrankungen auseinander zu setzen. So wird nur das in den Medien verbreitete ewig gleiche Mantra wiederholt, dass Depressionen zwar eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung, aber sehr gut heilbar sind.