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Doktorhut, Talar, Promotion, Mann, Abschluss [Quelle: unsplash.com, Autor: Muhammad Rizwan]

Quelle: unsplash.com, Muhammad Rizwan

Früher ebnete ein Doktortitel den Weg ins Top-Management. Damit ist es längst vorbei. Wer heute promoviert, braucht bessere Gründe als die Beförderung der eigenen Karriere.

Man kann der Menschheit auf viele Arten helfen. Patricia Haremski will ihren Teil dazu beitragen und eine Energiequelle der Zukunft verbessern. Als Doktorandin beim Maschinenbaukonzern Bosch arbeitet die 27-Jährige seit zwei Jahren daran, die Lebensdauer einer Hochtemperaturbrennstoffzelle zu verlängern. Ihr Doktorvater sitzt am Karlsruher Institut für Technologie, angestellt ist sie am Forschungscampus des Konzerns. "Mich motiviert es, an etwas zu forschen, das für uns alle nützlich sein kann", sagt Haremski.

Die Physikerin kann bei Bosch wissenschaftlich arbeiten und dabei Kontakte knüpfen in die Wirtschaft: zu den rund 300 Doktoranden, die hier ebenfalls promovieren, zu den Mitarbeitern ihrer Gruppe und in anderen Abteilungen. "Man wird hier schon früh auf die Zeit nach der Promotion vorbereitet", sagt Haremski: "Nicht, dass man nach drei Jahren dasteht und nicht weiß, was man jetzt machen will."

Falsch kalkuliert

Für Patricia Haremski hat sich die Promotion gelohnt. Doch für Doktoranden geht diese Rechnung immer seltener auf. Arbeitsmarkt- und Bildungsforscher, Personalverantwortliche und -berater sagen: Der Wert des Doktortitels im Berufsleben sinkt. Die Zeiten, in denen die beiden Buchstaben und der Punkt auf der Visitenkarte ein Türöffner waren, sind vorbei.

Das sind schlechte Nachrichten für die rund 200.000 Deutschen, die nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes derzeit ihre Doktorarbeit schreiben. Nur 22 Prozent wollen laut Promoviertenpanel des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in der Wissenschaft bleiben, mehr als die Hälfte strebt in die Wirtschaft. 71 Prozent gaben als eine Motivation an, ihre Berufschancen verbessern zu wollen. Der Doktortitel soll ein höheres Gehalt und einen schnelleren Aufstieg garantieren – aber er tut es nicht mehr.

Angekratztes Image

Das liegt auch daran, dass ein Titel an Prestige eingebüßt hat. Dass die Äußerlichkeit eines akademischen Namenszusatzes nicht mehr so viel zählt in einer Zeit, in der autodidaktische Softwareentwickler zu den gefragtesten Fachkräften und hierarchiefreie Unternehmen zu den beliebtesten Arbeitgebern zählen. Zum Imageverfall tragen auch Politiker bei, die mit ihren Dissertationen vor allem Karriereinteressen verfolgt haben: Der Titel sollte sie schmücken auf dem Weg in öffentliche Ämter. Manche Arbeit war bloß anstrengungsarm verfasst oder unsauber. Manche auch schludrig und in weiten Teilen abgekupfert. Zuletzt geriet nach den Exministern Anette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg auch Familienministerin Franziska Giffey dafür unter Beschuss. Ihre Arbeit liegt nun bei der Freien Universität Berlin zur Prüfung vor.

Für ernsthafte junge Menschen ist heute klar: Die Titeljagd aus Karrieregründen lohnt sich nicht, der Aufwand steht in einem schlechten Verhältnis zum Ertrag. Warum das so ist, kann Guido Bünstorf erklären. Der VWL-Professor untersucht an der Universität Kassel den Arbeitsmarkterfolg von Promovierten. Seit Jahren, so Bünstorf, nehme ihre Zahl in Deutschland zu, zwischen 1995 und 2015 um 44 Prozent. "Wenn das Angebot steigt, aber die Nachfrage gleich bleibt, dann sinkt der Preis, also der Ertrag der Promotion", sagt Bünstorf.

Diese Hypothese hat er in einem laufenden Forschungsprojekt getestet. Zur Grundlage nahm er einen Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, in der fast jede Dissertation, die in Deutschland verfasst wurde, veröffentlicht wird. Bünstorf verknüpfte die Namen der Verfasser mit deren Erwerbsbiografien, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sammelt.

Heraus kam ein umfassendes Bild der Karrieren deutscher Doktortitelträger. Sie sehen nicht sonderlich beeindruckend aus. "Die messbaren Indikatoren des Arbeitsmarkterfolgs Promovierter haben sich seit fast 20 Jahren kontinuierlich verschlechtert", sagt Bünstorf. Die Einkommen seien gesunken. Weniger Promovierte als früher arbeiteten in Vollzeit. "Und das in einer Zeit, in der sich der Arbeitsmarkt ansonsten gut entwickelt hat."

Vielleicht liegt es auch daran, dass ein immer größerer Teil der Promovierten an den Hochschulen bleibt. Man sei dort sozialisiert worden, die Arbeit mache Spaß – und wenn sich die Möglichkeit ergibt, bleibt man halt dort, so Bünstorf. Doch an den Universitäten herrschen oft "unsichere Arbeitsbedingungen, und für eine akademische Karriere reicht es bei den wenigsten". Bislang seien die meisten irgendwann doch noch im Privatsektor untergekommen. Aber Bünstorfs Daten deuten darauf hin, dass dieses Potenzial langsam ausgeschöpft ist: "Die Zahl der Promovierten ist so groß, dass der Markt sie nicht aufnehmen kann."

Schwaches Signal

Warum galt die Promotion so lange als ideales Karrieresprungbrett? Hier kommt etwas ins Spiel, was in der Ökonomie unter dem Begriff "Signalling" bekannt ist: Die allgemeine Eignung für eine Managementposition ist von Arbeitgebern nur schwer zu messen. Also verlassen sie sich auf Signale, die Bewerber senden, indem sie seltene oder aufwendige Abschlüsse erwerben.

"Viele haben in Deutschland den Doktortitel erworben, um zu signalisieren, dass sie für höhere Aufgaben geeignet sind", sagt Christian Opitz. Heute sei dieser Zusammenhang nicht mehr so eindeutig, sagt der Professor für Unternehmensführung und Personalmanagement an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Das jedenfalls zeigt seine Analyse der Vorstände der 100 marktkapitalstärksten Unternehmen Deutschlands, die der WirtschaftsWoche vorliegt. Demnach ist der Anteil promovierter Vorstände zwischen 2007 und 2017 von 58 auf 44 Prozent gesunken.

"Die Promotion wird für den Managementnachwuchs als Talentsignal zunehmend unattraktiv", schließt Opitz daraus. Ein Grund: Die Doktorandenausbildung hierzulande sei stärker forschungsorientiert und entsprechend zeit- und arbeitsintensiver als früher.

Und die Karrierebewussten weichen daher auf andere Signale aus. So zeigen Opitz’ Daten zum Beispiel, dass sich der Anteil an Vorständen, die einen Studienabschluss in mehreren Fächern vorweisen können, im untersuchten Zeitraum von 10,7 auf 19,5 Prozent fast verdoppelt hat. Auch Abschlüsse an privaten Universitäten haben zugenommen.

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