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Wirtschafts Wissenschaftler

Quelle: pixabay.com, Michal Jarmoluk

Sie sind ehrgeizig, intelligent und auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt. Doch wie binden Unternehmen gute Forscher an sich – mit Geld, guten Jobbedingungen oder spannenden Projekten? Drei Naturwissenschaftler erzählen, warum sie lieber im Unternehmen als an der Uni forschen.

Mit Zahlen fühlen sich Naturwissenschaftler für gewöhnlich wohl. Das gilt auch auf dem Arbeitsmarkt. Mit einer Arbeitslosenquote von etwa zweieinhalb Prozent herrscht unter den Akademikern Vollbeschäftigung. Einzig die Biologen zählen zu den Ausreißern – mit gerade einmal 4,2 Prozent Arbeitslosenquote. "Die Attraktivität von Naturwissenschaftlern auf dem Arbeitsmarkt ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie häufig flexibel in verschiedensten Berufsfeldern tätig sein können – auch außerhalb der Naturwissenschaften", sagt Claudia Suttner von der Bundesagentur für Arbeit (BA).

So macht nur ein knappes Viertel aller Naturwissenschaftler laut BA-Zahlen tatsächlich Karriere in der Wissenschaft (siehe Grafik). Der Großteil arbeitet in Unternehmen – teils als Mathematiker oder Chemiker, aber auch in Feldern wie der Informatik und der technischen Forschung und Entwicklung (F&E).

Naturwissenschaftler, Forschung, Tätigkeit

Der Schritt in die Privatwirtschaft lohnt sich gerade am Anfang auch finanziell für die Topkräfte. "An der Universität gibt es ein höheres Risiko bei gleichzeitig überschaubareren Karrieremöglichkeiten", erklärt Matthias Schwarzkopf, der Wissenschaftlern bei der Karriereplanung hilft. Während an der Universität beziehungsweise im öffentlichen Dienst die Gehaltsaussichten über die gängigen Tarifverträge gedeckelt sind, können Naturwissenschaftler in der freien Wirtschaft gleich von Beginn an ordentlich verdienen.

So werden Postdoktoranden, wenn sie an der Universität bleiben und dort arbeiten, anfangs oft nach der Entgeltgruppe 13 bezahlt – was im ersten Jahr ein Monatsbrutto von rund 3.800 Euro oder weniger als 50.000 Euro Jahresgehalt bedeutet, Sonderzahlungen eingerechnet. Zum Vergleich: Das Gehalt in einer F&E-Abteilung mittlerer Größe liegt laut Stepstone-Gehaltsreport bei rund 67.000 Euro im Jahr. Als Führungskraft sind gut 80.000 Euro drin. Vernünftige Gehälter, sicher. Aber nichts, womit sich Reichtümer aufbauen lassen. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass es noch andere Faktoren geben dürfte, die Naturwissenschaftler motivieren, ins Unternehmen statt an die Uni zu gehen. Nur welche? Das Handelsblatt hat drei Forscher in F&E-Abteilungen großer Konzerne befragt – nach ihrem Karriereweg, ihrer Arbeit und ihrer Motivation.

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Die Ergebnisorientierte

Heike Riel, 48

Neben ihrem Bett hat Heike Riel immer ein Notizbuch liegen. Schließlich könnte die nächste geniale Idee im Schlaf kommen. Oft liege sie mit offenen Augen auf ihrem Kissen und grüble, erzählt die 48-Jährige: "Ich muss meine Gedanken aufschreiben, sonst kann ich nicht mehr einschlafen."

Riel ist Physikerin und forscht seit rund 20 Jahren für den internationalen IT-Riesen IBM. Als Abteilungsleiterin im Bereich "Internet of Things" und "Artificial Intelligence" hat Riel auch Personalverantwortung. Sie selbst steht kaum noch im Labor. Die Experimente führten nun andere für sie durch, sagt sie. Zwar vermisst sie das Experimentieren, sie ist sich jedoch bewusst, dass es in ihrer Position nicht anders geht: "Würde ich alles selbst machen, könnte ich mein Wissen gar nicht entsprechend für die Firma einsetzen." Mit ihrem Rat steht sie ihren Kollegen jederzeit zur Verfügung.

Daran forscht Heike Riel: Eines der Themen, die Riel nachts beschäftigen, sind Quantencomputer. Diese völlig neue Generation von Computern ist sehr leistungsstark. Herkömmliche Computer können nicht jede Matheaufgabe lösen – oder brauchen dafür sehr lange. Oft spuckt die Maschine bei komplexen Operationen dann statt eines eindeutigen Ergebnisses Annäherungen aus, sogenannte Approximationen. Die Kreiszahl Pi ist so eine Annäherung. "Manche dieser Approximationen sind gut. Manche beeinträchtigen wiederum die Qualität des Ergebnisses", erklärt Riel das Problem. Das könne zum Beispiel dazu führen, dass Eigenschaften von Materialien nicht genau berechnet werden – ein großes Thema bei Unternehmen etwa in der Produktion.

Ein Quantencomputer dagegen berechne die Eigenschaften beispielsweise einer Legierung exakt – und kann damit viele Problem schneller lösen: "Wie beispielsweise kann ich Strom ohne Verluste transportieren? Das experimentell herauszufinden könnte viele Jahre dauern. Der Quantencomputer kürzt das ab", so Riel.

Quantencomputer sollen schneller und leistungsstärker sein als alles, was wir bislang als Computer kennen. Im Januar hat IBM den ersten kommerziellen Quantencomputer vorgestellt. Zwar steht er nicht zum Verkauf, kann aber weltweit über die Cloud benutzt werden. Es hätten sich bereits zahlreiche Interessenten aus Wirtschaft und Wissenschaft gemeldet, hatte IBM im Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas verkündet – darunter das europäische Zentrum für Elementarteilchenphysik.

Deshalb will Heike Riel nicht an die Uni: Die Physikerin arbeitet gern in der Industrie, weil sie dort die Ergebnisse ihrer Forschung auch angewandt sieht. Sie liebt die Grundlagenforschung und das Erfinden neuer Ideen. Doch sie will auch über diese Grenze hinauswachsen, sagt sie – einen Nutzen schaffen, nicht nur für wissenschaftliche Panels, sondern auch für Unternehmen, Institutionen und Menschen. So wie 2003, als sie mit ihrer Forschung dazu beitrug, dass Smartphone-Displays heute so dünn sind und farbintensiv leuchten.

In der Industrie hätten Wissenschaftler immer das Ergebnis in der Anwendung vor Augen, sagt Riel. Das sei an Universitäten anders: "Ich habe es oft erlebt, dass mich ein Student an der Uni verwirrt anschaute, wenn ich ihn nach dem Ziel seiner Arbeit gefragt habe."

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