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Das Geld, die Kartoffeln und ich

Kartoffeln, Gemüse, Essen, Nahrung [Quelle: unsplash.com, Autor: Nic D]

Quelle: unsplash.com, Nic D

Am Anfang des Studiums gab unsere Autorin viel zu viel aus. Was sie sich inzwischen spart, erfährst du hier.

Meine Mutter hält Salzkartoffeln für die beste Beilage überhaupt. Ihre Begeisterung für die angeblich so tolle Knolle konnte ich lange Zeit nicht nachvollziehen. Als ich für mein Philosophie- und Politikstudium nach Berlin zog, schwor ich mir sogar, nie wieder Kartoffeln zu kochen.

Doch dann saß ich in meinem WG-Zimmer und musste mit den 600 Euro im Monat auskommen, die mir meine Eltern überwiesen. Mehr als die Hälfte davon ging für die Miete drauf. Etwa 200 Euro blieben mir für das restliche Leben. Angesichts der unzähligen Falafelläden, Eckkneipen, Clubs, Theatervorführungen, Konzerte und Festivals in meiner neuen Heimatstadt war das viel zu wenig. Da Planung nie meine Stärke war, hatte ich das Geld nach zwei Wochen aufgebraucht. Schon nach kurzer Zeit kam mir mein altes Zuhause wie das ultimative Paradies vor: Der Kühlschrank war immer gut gefüllt, und meine Oma sprang großzügig ein, wenn mir das Taschengeld mal wieder ausging.

Mein Sessel von der Straße

Das erste Semester war besonders hart, weil Investitionen für die Uni und für mein Zimmer anfielen. Ich machte dabei den Fehler, mir all die Bücher, die uns die Professoren empfahlen, auch wirklich zu kaufen. Das Wörterbuch der philosophischen Begriffe? Nie reingeguckt. Steht eh alles im Internet. 15 Euro für nichts.

Mit der Zeit lernte ich dazu: Bücher, die ich wirklich lesen möchte, kann ich mir in der Universitätsbibliothek ausleihen oder im Gebrauchtbücherladen besorgen. Und was die Möbel angeht: Berliner Straßen sind eine Fundgrube. Was du nicht brauchst, stellst du an die Straße. Und was an der Straße steht, darfst du mitnehmen. Ein großartiges Prinzip, mit dessen Hilfe ich unter anderem einen wundervollen Achtziger-Jahre-DDR-Style-Sessel ergattert habe. Gut, er hat nur noch eine Armlehne. Ich habe ihn trotzdem lieb.

Als ich begann, mir meine Möbel Stück für Stück zusammenzusammeln oder über die eBay-Kleinanzeigen zu kaufen, habe ich viel Geld gespart und außerdem auch noch interessante Bekanntschaften gemacht. Einmal habe ich einem 70-jährigen Iraner für fünf Euro eine Teekanne abgekauft. Rausgegangen bin ich nicht nur mit der Kanne, sondern auch mit dem Wissen darüber, warum linke Iraner in den sechziger Jahren unter dem Schah aus dem Land flohen. Bis heute treffen wir uns hin und wieder zum Tee.

Man muss auch keinen großen Geldbeutel haben, um abends auszugehen. Hier in Berlin sind viele Kulturveranstaltungen kostenlos. Ich habe unendlich viele alternative Initiativen entdeckt, die kostenlos oder auf Spendenbasis Independent-Filmvorführungen oder Laientheaterstücke organisieren. Ich habe politische Diskussionsrunden mit Küfa-Abend (Küche für alle) besucht, an denen man für wenig Geld eine warme Mahlzeit bekommt. Auch staatliche Organisationen wie das Institut Français veranstalten gratis Kulturangebote. Häufig konnte ich sogar noch feine Häppchen abstauben.

Und ich lernte, Kartoffeln zu schätzen. Irgendwann hatte ich immer einen Sack vorrätig. Der kostet wenig, und man zehrt lange davon. Außerdem sind Kartoffeln wahnsinnig vielseitig. Während der letzten Jahre habe ich ein ganzes Sammelsurium kreativer Kartoffelrezepte entwickelt: Bratkartoffeln mit Dosenbohnen, Kartoffelpüree mit Dosenthunfisch, Pellkartoffeln mit den letzten Butterresten und Salz.

Schon im ersten Semester begann ich zu kellnern, um nicht allein von den Finanzspritzen meiner Eltern abhängig zu sein. In einem dunklen, auf bayerisch gemachten Wirtshaus. Inklusive Trinkgeld lag mein Stundenlohn bei etwa 16 Euro. Einen Teil gab ich allerdings in der gleichen Nacht wieder aus, weil ich mit meinen Kollegen um die Häuser zog... Am Tag danach war ich oft zu müde, um richtig für die Uni zu lernen.

Blasen an den Hacken

Der Nebenjob hat mich trotzdem bereichert. Mein Lohn machte mich unabhängiger. Außerdem war das Jobben ein guter Ausgleich zum Studium. Während man an der Uni hauptsächlich Denkarbeit leistet und mit Gleichaltrigen abhängt, die ähnliche Ansichten haben wie man selbst, kommt man in einer Kneipe mit Menschen verschiedenen Alters und aus verschiedenen Milieus in Berührung. Durch das Kellnern ist mir klargeworden, was für ein Privileg es ist, zu studieren und später eine Arbeit zu haben, bei der Blasen an den Hacken nicht zum Alltag gehören.

Meine Zeit an der Uni neigt sich mittlerweile dem Ende zu. Ich habe einen Job als studentische Aushilfe in einer Redaktion gefunden und komme gut über die Runden. Was ich aus der Anfangszeit meines Studiums gelernt habe: Ich brauche nicht viel. Es ist diese Einsicht, die mir wahnsinnig viele Zukunftsängste genommen hat. Selbst wenn ich nicht sofort den Job finde, den ich mir für mich wünsche, geht die Welt nicht unter. Zur Not lebe ich eben wieder von Kartoffeln.

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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