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Finanzkrise hautnah in New York

Freiheitsstatue, Quelle: sxc.hu, User: ilklim

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Karen Pelzer erlebt die Bankenkrise in Amerika täglich: Sie absolviert ein Secondment bei Davis Polk & Wardwell, einer Partner-Kanzlei von Hengeler Mueller. Dort durfte sie an einem Memorandum zum staatlichen Hilfsprogramm für die amerikanischen Banken mitschreiben. Und am Unabhängigkeitstag musste sie zwar ins Büro, aber dafür traf sie Donald Trump beim Abendessen.

Hengeler Mueller bietet im Laufe der Ausbildung innerhalb der Kanzlei nach etwa drei Jahren die Gelegenheit zu einem etwa einjährigen Aufenthalt in einem seiner Auslandsbüros, bei befreundeten ausländischen Kanzleien oder Mandanten. Ich bekam die Gelegenheit ein Jahr bei der amerikanischen Kanzlei Davis Polk & Wardwell zu verbringen. So fand ich mich Ende Mai in New York City wieder. Nach Wohnungsbesichtigungen und mehreren Aufenthalten bei Banken und Ämtern hatte ich mein Leben so weit organisiert, dass ich auf meinen ersten Arbeitstag vorbereitet war.
 
 Das Büro von Davis Polk & Wardwell in New York liegt in Midtown, 450 Lexington Avenue. Dort arbeiten mehr als 600 Juristen – Partner, Counsels, Associates und sonstige juristische Mitarbeiter. Die juristische Praxis ist in vier Departments eingeteilt: Corporate, Litigation, Tax und Trusts and Estates. Das Corporate Department, dem ich angehöre, ist wiederum in Capital Markets, Mergers & Acquisitions und Credit sowie einige Spezialbereiche(Intellectual Property, Real Estate, Benefits etc.) unterteilt. Mandate werden von Partnern angenommen. Associates werden den Mandaten durch die Partner und eine Assignment-Koordinatorin zugeteilt. Die Besetzung der Mandate erfolgt normalerweise so, dass neben dem jeweils zuständigen Partner ein Senior Associate und ein oder mehrere Junior Associates gemeinsam mit Associates aus den Spezialbereichen an einer Transaktion arbeiten.
 

Dienstag, 10. Juni
 Der Arbeitstag bei Davis Polk & Wardwell beginnt für die Anwälte in der Regel gegen neun Uhr morgens und kann – je nach Arbeitsbelastung – um halb sechs Uhr oder auch wesentlich später enden. Nach einer Woche Eingewöhnung und Computerschulungen bekam ich in der zweiten Woche mein erstes Mandat zugewiesen. Die Mandantin war eine deutsche Aktiengesellschaft, die in einem Auktionsverfahren ihre Anteile an drei amerikanischen Tochtergesellschaften (dem Target) verkaufen wollte. Als ich in das Mandat eingebunden wurde, verhandelten die Parteien bereits über die Anteilskaufverträge.
 
 Wie auch in Deutschland ist diese Phase einer Transaktion sehr arbeitsintensiv. Die Aufgaben reichen von der Organisation des Datenraums über die Erstellung von Disclosure Schedules bis hin zur Vertragsgestaltung. In dieser Phase werden zahlreiche Telefonate geführt und Mails geschrieben. Es finden viele Besprechungen mit allen Beteiligten statt, das heißt mit dem eigenen Mandanten, der Zielgesellschaft, den verschiedenen Bietern sowie deren Beratern. Zudem arbeite ich intensiv mit den Anwälten innerhalb der Kanzlei, wodurch ich viele der Anwälte hier kennen gelernt habe.
 

Freitag, 4. Juli
 Anfang Juli waren die Vertragsverhandlungen mit einem Bieter so weit fortgeschritten, dass sich die Unterzeichnung des Anteilskaufvertrages abzeichnete. Allerdings wies das Target auf weitere potenzielle Geschäftsrisiken hin, die sich im Rahmen der Due Diligence ergeben hatten. Diese waren sowohl in den Disclosure Schedules als auch im Anteilskaufvertrag zu berücksichtigen. Das machte zusätzliche Verhandlungen mit der Gegenseite nötig. Infolgedessen arbeitete das gesamte Team am 4. Juli - dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - um die Ergänzungen und Änderungen in den Verträgen vorzunehmen.
 
 Gegen acht Uhr wurde es dunkel. Ich war noch im Büro, und das große Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag ließ nicht lange auf sich warten. Eigentlich war ich auf eine Party eingeladen. Von der Dachterrasse dort sollte man einen Blick über die gesamte Stadt haben und das Feuerwerk beobachten können. Erfreulicherweise hatte der Partner dann ein Einsehen, half mir beim Verfassen einer Mail an die Gegenseite und entließ mich an diesem Abend mit einem "Enjoy" in den Feierabend. Ich habe es noch rechtzeitig zum Feuerwerk geschafft. Die Unterzeichnung des Anteilskaufvertrages, das Signing, ist dann Mitte Juli erfolgt.
 
 Im Juli führen die meisten großen Kanzleien in New York ein so genanntes "Summer Associate Program" durch. Summer Associates sind Studenten verschiedener Law Schools, die während des Sommers etwa sechs bis acht Wochen in den Kanzleien arbeiten. Im Rahmen des Summer-Associate-Programms wurden von Davis Polk & Wardwell viele Freizeitveranstaltungen angeboten. Dazu zählte in diesem Jahr ein Besuch im Apollo-Theater, Kajak-Fahren auf dem Hudson River, ein Abendessen mit den New York Mets - einem New Yorker Baseball-Team - und eine Shakespeare-Aufführung im Central Park. Als Foreign Associate konnte ich auch an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Das war eine interessante Abwechslung.
 

Dienstag, 19. August
 Der August ist auch hier ein Urlaubsmonat, in dem die meisten New Yorker frei nehmen und die Stadt verlassen. Morgens ist die U-Bahn dann nicht so voll, und gelegentlich gelingt es mir sogar, einen Sitzplatz zu bekommen. An "normalen" Arbeitstagen ist das unmöglich. Dann steht man mit allen anderen Berufstätigen, die morgens nach Midtown pendeln, dicht gedrängt in den Wagen.
 
 Im Büro folgten wir im August dem Grundsatz: Nach dem Signing ist vor dem Closing. Nach der Unterzeichnung des Anteilskaufvertrages im Juli ging es gleich damit weiter, die Übertragung der Anteile, also das Closing, vorzubereiten. Dazu mussten die Closing-Bedingungen herbeigeführt werden, die im Anteilskaufvertrag vorgesehen waren. Das sind beispielsweise kartellrechtliche Genehmigungen, gesellschaftsinterne Beschlüsse oder auch das Verhandeln und Unterzeichnen zusätzlicher Verträge. Das Closing der Transaktion fand dann im August statt. Zur Feier des Erfolgs wurden wir zum Abendessen eingeladen. In dem Restaurant saßen zufällig Donald Trump samt Ehefrau und Tochter am Nachbartisch.
 

Freitag, 3. Oktober
 Bereits im September wurde ich auf mehreren kleinen Assignments eingesetzt und hatte etwas mehr Gelegenheit, den Alltag in New York zu erleben. Insbesondere nach dem Abschluss der olympischen Spiele rückte der Präsidentschaftswahlkampf vollends in den Mittelpunkt der Medien. Gerade als davon auszugehen war, dass nun die Politik das Geschehen bis zur Wahl am 4. November bestimmen würde, erreichte die Kreditkrise ihren Höhepunkt. Innerhalb kürzester Zeit waren zahlreiche Banken in den USA auf die ein oder andere Art betroffen:

  • Die Bank of America erwarb Merrill Lynch,
  • die Lehman Brothers meldeten Insolvenz an,
  • Washington Mutual wurde an JP Morgan Chase verkauft,
  • die Citigroup und Wells Fargo stritten um die Übernahme von Wachovia,
  • Morgan Stanley und Goldman Sachs wurden in so genannte Holding Companies umgewandelt.

Der Gesetzgeber bereitete ein 700-Milliarden-Dollar-Hilfsprogramm (Troubled Asset Relief Program – TARP) mittels des Emergency Economic Stabilization Act of 2008 vor. Die Kanzlei erstellte ein Memorandum zu diesem Gesetz, und ich durfte dabei mithelfen. Das Memorandum wurde fortwährend an den aktuellen Gesetzesentwurf angepasst und sollte unmittelbar nach Verabschiedung des Gesetzes druckreif sein. Das House of Representatives lehnte den Gesetzesentwurf Ende September zunächst ab. Erst im zweiten Anlauf wurde das Gesetz am 3. Oktober verabschiedet. Einen Tag danach verschickten wir das Memorandum dann auch an die Mandanten.
 
 Die weitere Entwicklung hier bleibt abzuwarten – fest steht allerdings: Bisher ist erst ein Drittel meines Aufenthalts in New York vergangen, und ich bin mir sicher, dass ich mir kaum eine spannendere Zeit hier hätte aussuchen können.

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