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Selbstbewusstsein statt Sirenentöne

Roboter, Hand, Kollege, Technik, KI [Quelle: unsplash.com, Autor: Franck V.]

Quelle: unsplash.com, Franck V.

Wer sagt, Europa liege in Sachen künstliche Intelligenz zurück, argumentiert einseitig. Die europäische Industrie will nicht den Menschen modellieren, sondern reale Produkte verbessern. Und zeigt dabei Stärken, die andere nicht haben.

Wenn derzeit von Zukunftstechnologie in Europa die Rede ist, dann meist in alarmierendem Tonfall. Man beklagt die schwindende digitale Wettbewerbsfähigkeit und fragt besorgt nach der Rolle Europas in einer Weltwirtschaft, die zunehmend den Gesetzen der Plattformökonomie folgt, in der sich die USA und China einen atemberaubenden Wettlauf um die Schlüsselkompetenz der künstlichen Intelligenz (KI) liefern. In dieser Sichtweise ist der alte Kontinent vor allem technologisch ins Hintertreffen geraten, gerade im Basis-Know-how der IT-Welt abhängig von anderen.

Das alles ist nicht ganz falsch, und doch fordert es zum Widerspruch heraus. Denn in der Verbindung von "Internet der Dinge" und industriellen Prozessen, vor allem im Einsatz künstlicher Intelligenz in der Produktion, hat Europa Stärken, die andere nicht haben. Anlass genug für mehr europäisches Selbstbewusstsein – und eine gezielte Innovationspolitik, die unsere Stärken stärkt.

Gerade in Sachen künstliche Intelligenz scheint die Unterlegenheit Europas für viele Meinungsmacher schon festzustehen. Schlagzeilen wie "künstliche Insuffizienz" polemisieren etwa gegen die KI-Strategie der deutschen Bundesregierung. Es ist ja richtig: Mit den angekündigten Mitteln von drei Milliarden Euro läge die KI-Förderung in Deutschland international gerade mal im Mittelfeld – hier kann und muss zugelegt werden.

Und doch macht es sich die Kritik zu einfach, sie ist schlicht zu undifferenziert. Denn sie diskutiert künstliche Intelligenz vor allem aus Sicht der großen IT-Unternehmen aus den USA, die ihr Geld mit datenbasierten Services verdienen. Demgegenüber lohnt es sich, eine andere Perspektive einzubringen – die Perspektive industriell geprägter Wertschöpfungsketten, in denen Europa und nicht zuletzt Deutschland mit KI global führend sein können.

Im Wettbewerb mit China und den USA hat gerade die deutsche Wirtschaft eine Chance, wenn sie sich auf drei Stärken besinnt: erstens die Herstellung von komplexen physischen Produkten, zweitens die digitale Kombination von Maschinen und Produktdaten und drittens die Etablierung von Ökosystemen aus Wissenschaft und Start-ups, kleinen und mittleren Unternehmen sowie der Großindustrie. Nutzt die deutsche Wirtschaft dieses Potenzial, kann das Kompetenzfeld der industriellen KI ein wesentlicher Faktor für den künftigen wirtschaftlichen Erfolg und nicht zuletzt für die Lebensqualität in diesem Land sein.

Der europäische Ansatz unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Strategie der bestehenden IT-Giganten aus den USA und China. Denen dient künstliche Intelligenz in erster Linie dazu, Modelle des Menschen zu erstellen – es geht vor allem um Kaufpräferenzen. Europas Industrie zielt stattdessen auf die dingliche Welt. Sei es beim Notbremsassistenten im Auto, sei es bei der Klassifikation von Fehlteilen in der Produktion – die künstliche Intelligenz erklärt hier nicht der Maschine den Menschen, sondern der Maschine die physische Welt. Unsere neueste Kamera fürs automatisierte Fahren versteht mittels KI, was sie sieht – damit lässt sich zum Beispiel der Notbremsassistent verbessern. Unternehmen wie Bosch geht es mit künstlicher Intelligenz nicht darum, den Menschen zu modellieren, sondern Technik zu optimieren.

Aus diesem Ansatz folgen bereits sehr konkrete Anwendungen in der Produktion. Ein Beispiel ist ViPAS, ein KI-basiertes System zur visuellen Qualitätskontrolle. Dessen Bildverarbeitung muss nicht mehr aufwendig programmiert werden. Es hat neuronale Netze, die anhand von Mustern lernen, welche Teile defekt sind. Ausgestattet mit Greifarm, Kamera und Deep-Learning-Software, erkennt das System fehlerhafte Werkstücke verlässlich. Bei einem Pilotversuch in unserem Nürnberger Werk lag das System bei 12.000 Prüfvorgängen in 99,9 Prozent der Fälle richtig.

So muss künstliche Intelligenz sein: sicher, robust und nachvollziehbar – die menschliche Arbeitskraft von Routineaufgaben entlastend. Auch mit KI wird die Maschine den Menschen nicht einfach ersetzen, wohl aber kann sie Freiräume für seine einzigartige Kreativität schaffen – oder diese Kreativität zumindest ergänzen.

Wie aber die Spitze des KI-Fortschritts halten? Entscheidend ist die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Genauso wichtig wie die Forschung von Unternehmen zur künstlichen Intelligenz ist die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Vielversprechend ist etwa das "Cyber Valley" in Baden-Württemberg, wo Bosch in den Bau eines KI-Campus in der Universitätsstadt Tübingen investiert. Dort sollen künftig rund 700 Experten an Anwendungen der künstlichen Intelligenz arbeiten. Im Wettbewerb um die besten KI-Nachwuchskräfte hat die deutsche Industrie mit ihrer Praxisnähe einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Sie ist interessant für Fachkräfte, die reale Produkte verbessern wollen.

Vor diesem Hintergrund liegt die Bundesregierung mit ihrer KI-Strategie richtig, wenn sie den Aufbau von Forschungs- und Kompetenzzentren mit engem Anwendungsbezug forciert. Allerdings sollte sie darauf achten, dass sich die KI-Forschung nicht verästelt, sondern sich auf wenige, aber leistungsfähige Zentren konzentriert. Und was immer wir in Deutschland tun, wir müssen in europäischen Maßstäben denken. Potenzial steckt etwa im Zusammenspiel deutscher Ingenieurkunst und französischer Mathematik. Gemeinsam können wir KI made in Europe ganz nach vorne bringen.

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