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Bosch setzt auf die Brennstoffzelle

Wasserstoff bei Bosch [Quelle:

Foto: Bosch

Der weltgrößte Zulieferkonzern setzt nicht nur auf E-Mobilität: Anders als der VW-Konzern glauben die Schwaben auch an Wasserstoffantriebe im Lkw.

Künstliche Intelligenz, Elektromobilität und insbesondere die Brennstoffzelle sind die Favoriten von Volkmar Denner. Der Bosch-Chef ist so überzeugt von der Bedeutung dieser Zukunftsthemen, dass er im Sommer auch wieder den Posten des obersten Entwicklungschefs einnehmen will. Entsprechend robust fällt das Forschungsbudget aus: Im ersten Corona-Krisenjahr investierte der Stiftungskonzern bei einem Umsatzminus von 6,4 Prozent auf 71,5 Milliarden Euro mit 5,9 Milliarden Euro fast genauso viel in seine Zukunft wie im Jahr zuvor. Und auch 2021 will Bosch powern.

Allein in die Entwicklung der mobilen und stationären Brennstoffzelltechnologie, die Wasserstoff in Strom wandelt, wollen die Schwaben bis 2024 eine Milliarde Euro investieren. Das ist bemerkenswert, denn Bosch setzt sich mit seiner Vorliebe für den "kalten Verbrenner" klar vom VW-Konzern ab. Die Wolfsburger bevorzugen das batterieelektrische Fahren – vom Kleinwagen bis zum schweren Sattelschlepper von MAN. Dem promovierten Physiker Denner ist das zu eng. Er will "technologieoffen" bleiben und sich für Kunden jenseits des VW-Konzerns anbieten. Für ihn liegen die Vorteile der Brennstoffzelle auf der Hand, vor allem im Fernverkehr. Brennstoffzellen sind leichter, und Wasserstoff ist insbesondere bei schweren Fahrzeugen schneller nachzutanken, lautet seine Überzeugung.

Und es spricht aus Sicht von Bosch noch mehr für die Brennstoffzelle. Wenn der Wasserstoff nachhaltig hergestellt wird, ist ein Brennstoffzellfahrzeug emissionsfrei. Steigt der Dieselpreis über die CO2–Abgabe, dann verlieren die heute noch hohen Herstellungskosten des Wasserstoffs und der niedrige Wirkungsgrad der Motoren ihren Schrecken. Das gilt auch für die Anschaffungskosten: Bislang kostet ein Brennstoffzell-Aggregat das Dreifache eines Dieselmotors. Mit hohen Stückzahlen will Bosch das aber ändern.

Die Schwaben haben ihre eigene Rechnung: Die Gesamtbetriebskosten, Total Cost of Ownership (TCO), eines Wasserstofftrucks liegen für Unternehmen laut Berechnungen von McKinsey derzeit bei rund 1,90 Euro pro Kilometer, die eines Batterie-Lkws bei 1,70 Euro und jene eines Diesel-Sattelzugs bei 1,20 Euro. Doch bis spätestens 2030 soll sich das Verhältnis umkehren. Die Betriebskosten von Brennstoffzelltrucks dürften dann auf etwa einen Euro pro Kilometer sinken, während die von Diesel- und Akku-Lastwagen um jeweils rund 20 Cent darüber liegen dürften. Die China Society of Automotive Engineers rechnet für ihr Land ab 2030 mit der Zulassung von einer Million Brennstoffzellfahrzeuge. 600 Millionen Euro steckt Bosch deshalb in Brennstoffzellantriebe. "In allen Teilen der Triade sind wir bereits mit unserer Entwicklung für die mobile Brennstoffzelle unterwegs", betont Denner.

Auch Volvo und Daimler entwickeln Brennstoffzell-Trucks

Vergangene Woche ist Bosch ein Joint Venture mit der chinesischen Qingling Motor Group eingegangen. Noch in diesem Jahr soll eine Testflotte mit 70 Trucks über die Straße rollen. "Damit rücken wir sehr nah an eine Serienproduktion", sagt der Chef der größten Konzernsparte Mobility Solutions, Stefan Hartung. Der Marktstart ist für 2022/23 geplant. Die Fertigung von Komponenten hat in dem Werk Wuxi schon begonnen. Bosch schätzt den Markt bis Ende der Dekade auf ein Volumen von 18 Milliarden Euro. "Wir haben die Power, auf diesem Markt vorn zu sein", betont Denner.

Bosch ist zudem an dem US-Projekt Nikola mit 4,9 Prozent beteiligt und liefert die Brennstoffzelle. Zuletzt hatte auch Daimler bekanntgegeben, in Kooperation mit Volvo das Thema Brennstoffzelle anzugehen. Ob der schwäbische Nachbar auch zu den Boschkunden zählt, ließ Hartung offen. Gleichzeitig wird Bosch 400 Millionen Euro in Brennstoffzell-Kleinkraftwerke stecken. Die Technologie unterscheidet sich von der mobilen Brennstoffzelle. Schon in diesem Jahr sollen 100 dieser stationären Kraftwerke in Betrieb gehen, etwa um Rechenzentren, Industriebetriebe und Wohnquartiere mit Strom zu versorgen. In Bamberg versorgt seit einigen Wochen eine Bosch-Anlage 20 Haushalte im Realbetrieb.

Vor diesem Hintergrund plädiert Denner für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft und unterstützt die Vorstöße für grünen Wasserstoff. Das Marktvolumen für grünen Wasserstoff sieht er in der EU bis 2030 bei nahezu 40 Milliarden Euro – mit jährlichen Wachstumsraten um 65 Prozent. "Je schwerer die Fahrzeuge, das ist die Faustregel, desto mehr kommt es auf regenerative Kraftstoffe an", betont Denner. Und diese Kraftstoffe würden für Chemie- und Stahlwerke in Zukunft ohnehin gebraucht. Wer Klimaschutz wirklich wolle, dürfe Technologiepfade nicht gegeneinander ausspielen, sondern müsse sie kombinieren. "Ohne Wasserstoffwirtschaft jedenfalls wird Europa nicht klimaneutral", sagt Denner und hofft Förderung durch die EU.

Grafik HB Bosch mit Rückgängen im Corona-Jahr [Quelle: Handelsblatt, Autor: Unternehmen]

Das Geld für die Entwicklung hat Bosch jedenfalls. Der Konzern ist fulminant ins neue Jahr gestartet: Im ersten Quartal stieg der Umsatz der Bosch-Gruppe gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent. "Gegenwind wird zum Rückenwind, wenn man sich konsequent ausrichtet", sagt Denner, warnt aber vor einem weiteren Jahr mit vielen Unsicherheiten – auch wegen der Lieferengpässe bei Halbleitern. Die Umrüstung auf Komponenten für Elektroantriebe forciert der Stiftungskonzern nun gewaltig. Das Geschäft entwickelt sich laut Denner zum Kern der Antriebssparte. Insgesamt hat Bosch bis Ende 2020 bereits ein Auftragsvolumen von mehr als 20 Milliarden Euro akquiriert. Das sind sechs Milliarden Euro mehr, als der Widersacher ZF-Friedrichshafen zuletzt berichtete.

Derzeit wachse der Umsatz für elektrische Antriebskomponenten von Bosch mit nahezu 40 Prozent doppelt so stark wie der Markt. Bis 2025 soll sich der jährliche Umsatz in dem Bereich auf etwa fünf Milliarden Euro verfünffachen. "Die Gewinnschwelle wird ein Jahr zuvor erreicht", betonte Denner in einer Online-Pressekonferenz.

Die Elektromobilität sei längst keine Wette mehr auf die Zukunft: Bosch verdiene die Vorleistungen zurück. Die Investitionen waren enorm. Fünf Milliarden Euro haben die Schwaben in den vergangenen zehn Jahren in die Elektromobilität investiert. Allein 700 Millionen in diesem Jahr. 2021 gilt als das Schlüsseljahr. Die Autohersteller vergeben jetzt Aufträge für die Elektroautogeneration 2025. Weltmarktführer Bosch, der Branchenzweite Continental und die Nummer drei ZF werden sich einen heftigen Kampf liefern.

Konkurrenten können mit Boschs Finanzkraft nicht mithalten

Die hohen Investitionen in die Brennstoffzelle sollen Bosch einen Vorteil verschaffen, denn die Rivalen können mit der Finanzkraft der Schwaben nicht mithalten. Bosch kann dabei mit einem Free Cashflow in Rekordhöhe von 5,1 Milliarden Euro und einer Eigenkapitalquote von 44 Prozent das meiste finanzielle Gewicht in die Waagschale werfen. Continental ist finanziell mit einer Eigenkapitalquote von über 30 Prozent etwas schwächer gepolstert und gerade mit der Ausgliederung der Antriebssparte beschäftigt.

ZF ist nach den Übernahmen von TRW und Wabco technisch auf Augenhöhe gekommen, aber durch die Zukäufe mit knapp elf Milliarden Euro netto hoch verschuldet und hat so nur noch eine Eigenkapitalquote von zwölf Prozent. Sollte es in diesem Jahr Rückschläge durch die Lieferengpässe bei Chips oder durch die Auswirkungen der Pandemie geben, dürfte Bosch unter den Top drei den längsten Atem haben.

Auch für den Gesamtkonzern erwartet Finanzchef Stefan Asenkerschbaumer ein Plus von sechs Prozent. Angesichts des Wachstums im ersten Quartal in den anderen Unternehmensbereichen wie der Industrietechnik um 11,6 Prozent, der Hausgeräte- und Elektrowerkzeug-Sparte um 29,4 Prozent und der Gebäudetechnik um zehn Prozent erscheint die Prognose – wie für Bosch üblich – recht konservativ.

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