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Bosch investiert massiv in die Chipfertigung

Computer Chips, Technik, Hard Ware [Quelle: pexels.com, Autor: Pixabay]

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Die Chipwerke in Dresden und Reutlingen sollen erweitert werden. Halbleiter aus Siliziumcarbid sollen den Unterschied bei der Elektromobilität machen.

Bosch-Chef Volkmar Denner neigte in seiner zehnjährigen Amtszeit nie zu hektischen Reaktionen. Aber in der aktuellen Chipkrise ist Lieferfähigkeit zum absoluten Goldstandard in der Autoindustrie geworden. Der zum Jahresende scheidende Bosch-Chef zieht deshalb jetzt schnell Konsequenzen.

Das Stiftungsunternehmen forciert seine Halbleiterstrategie. "Wir werden im nächsten Jahr 400 Millionen Euro zusätzlich in die Chipfertigung investieren", kündigte Denner im Podcast "Handelsblatt Disrupt" mit Chefredakteur Sebastian Matthes an. Und das nur vier Monate, nachdem Bosch in Dresden zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die modernste Chipfabrik des Kontinents eröffnet hat. Mit über einer Milliarde Euro handelt es sich dabei um die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte – und nun legen die Schwaben noch einmal kräftig nach. "Wir investieren massiv in Halbleitertechnik, weil das aus unserer Sicht ein großes Gebiet mit großen Wachstumschancen bereits ist und künftig bleiben wird", sagte Denner.

Mit einem Großteil der Summe soll die 300-Millimeter-Fabrik in Dresden schneller ausgebaut werden. Sie liefert seit Juli – ein halbes Jahr früher als geplant – Chips für Elektrowerkzeuge und seit September auch für die Autoindustrie, ebenfalls deutlich früher als geplant. Für die Autobauer noch wichtiger: Im Chip-Stammwerk in Reutlingen sollen zusätzlich für 100 Millionen Euro bis Ende 2023 Reinraumflächen um 3000 Quadratmeter erweitert werden, nachdem sie bereits in diesem Jahr für 50 Millionen Euro um 1000 Quadratmeter erweitert worden sind. Der Großteil der Erweiterung in Reutlingen dient dem Ausbau der Fertigung von Leistungshalbleitern aus Siliziumcarbid. Diese Chips müssen praktisch nicht gekühlt werden, verbrauchen weniger Energie und ermöglichen bei Elektroautos einen schnelleren Ladevorgang.

Die Verkürzung der Ladezeit ist im Zeitalter der Elektromobilität eines der wichtigsten neuen Erfolgskriterien in der Autoindustrie. Der im Vergleich zum Verbrennungsmotor deutlich einfacher aufgebaute Elektroantrieb wird unter den Herstellern kaum noch als Differenzierungsmerkmal dienen. Zudem soll im malaysischen Penang ein neues Testzentrum für Halbleiter entstehen, um den asiatischen Markt besser bedienen zu können. Ab 2023 will Bosch dort fertige Halbleiterchips und Sensoren testen. "Gerade in der aktuellen Lage bauen wir die Fertigung von Halbleitern konsequent aus, um Kunden bestmöglich zu unterstützen", betonte Denner.

Bosch ist der einzige große Zulieferer, der Chips aus strategischen Gründen selbst baut. Die Schwaben versprechen sich durch integrierte Lösungen Wettbewerbsvorteile, mehr Sicherheit beim Schutz ihres Know-hows und eine gewisse Unabhängigkeit. Denner kündigte im Handelsblatt-Disrupt-Podcast an, dass die Investitionen in Chiptechnologie weiter hochgehalten werden. "Wir sind der weltgrößte Hersteller von mikroelektromechanischen Sensoren, sogenannten Mems-Sensoren, auf Siliziumbasis. Wir haben diese Technologie auch selbst entwickelt", erklärte Denner.

Die Sensoren werden in Fahrzeugen verbaut. Aber mit den Mems hat sich Bosch auch einen völlig neuen Markt erobert. Die Sensoren sind in mehr als jedem zweiten Smartphone auf der Welt verbaut. Boschs andere Spezialhalbleiter werden für selbst designte, integrierte Schaltkreise verwendet. "Da steckt eigenes Know-how drin, beispielsweise das Timing von Einspritzung, Ventilen oder Algorithmen der Künstlichen Intelligenz, die zum Beispiel Videosignale in der Kamera auswerten", erklärte Denner.

Ganz entziehen kann sich Bosch der aktuellen Chipkrise allerdings nicht. Der weltgrößte Autozulieferer wird auch weiterhin keine Speicherchips, Mikroprozessoren und Mikrocontroller bauen. Bei diesen Standardhalbleitern bleibt Bosch – wie alle anderen Autozulieferer auch – auf die Chipindustrie angewiesen. "Jeder zusätzliche Chip aus unserer Produktion hilft in der aktuellen Situation", sagte der für die Chips zuständige Geschäftsführer Harald Kröger. Der Markt ist gewaltig: 2020 wurden weltweit Halbleiter im Wert von rund 385 Milliarden Euro verkauft – ein Plus von rund sieben Prozent gegenüber 2019, wie aus den World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) hervorgeht.

Im Jahr 2021 soll der Markt laut WSTS um rund elf Prozent auf 427 Milliarden Euro anwachsen. Auf Europa entfallen dabei nur 33 Milliarden Euro und davon laut Branchenverband ZVEI 10,8 Milliarden Euro auf Deutschland. Auf Autos entfallen nur rund zehn Prozent des weltweiten Halbleitermarktes. Bosch bringt für den Markt genug Expertise mit: Seit 60 Jahren beschäftigt sich das Unternehmen bereits mit Halbleitern, seit 1970 werden die Chips in Reutlingen produziert. Aber Halbleiterkonzerne wie Infineon, die auch Halbleiter und Leistungshalbleiter für Autos herstellen, investieren deutlich mehr. Und verglichen mit den Chipgiganten Intel, Samsung oder TSMC mit Investitionsprogrammen jenseits der 100 Milliarden Dollar sind die Investitionen von Bosch eher klein.

Bosch müsste noch mehr in Halbleiter investieren Auch deshalb fragen sich manche in der Branche, ob Bosch auf Dauer mithalten kann. Eigentlich müsste Bosch mit seiner hohen Finanzkraft noch viel mehr investieren. Mit Diesel- und Benzintechnik wird sich langfristig nicht mehr viel verdienen lassen. 2018 hatte sich Bosch gegen die Fertigung von Batteriezellen entschieden. Autonomes Fahren und die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sorgen nach Einschätzung von Experten dafür, dass jenseits der aktuellen Lieferengpässe die bislang eher zyklische Halbleiterbranche vor einer dauerhaft stark ansteigenden Nachfrage steht.

Ein erster Schritt, in größeren Dimensionen zu denken, könnte das neue Testzentrum in Penang sein. Insgesamt stehen Bosch auf dem Festlandstreifen Penangs über 100.000 Quadratmeter Grundstücksfläche zur Verfügung – zehnmal mehr als in Reutlingen. Auch hier soll es einen schrittweisen Ausbau geben. Zunächst entsteht das Testzentrum mit einer Fläche von rund 14.000 Quadratmetern für bis zu 400 Mitarbeiter. Die zusätzlichen Kapazitäten in Penang sollen Freiräume schaffen, um in Reutlingen die Produktion von Siliziumcarbid-Halbleitern zu forcieren. In Denners Heimatstadt sollen 150 Arbeitsplätze in der Halbleiterentwicklung entstehen.

Der Konzern baut darüber hinaus Kapazitäten bei Software und Komponenten fürs autonome Fahren auf. Dagegen müssen auch bei Bosch im Zuge der Transformation zur Elektromobilität Tausende Beschäftigte in der Diesel- und Benzinertechnologie in den nächsten Jahren um ihren Job bangen.

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