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Amazon startet Frachtdienst

Containerschiffe, Hafen, Container, Kran [Quelle: pexels.com, Autor: Tom Fisk]

Quelle: pexels.com, Tom Fisk

Der US-Konzern bietet Firmenkunden den Warentransport aus Übersee an. Mit Niedrigpreisen macht "Amazon Global Logistics" Speditionen Konkurrenz.

Amazon macht deutschen Spediteuren das Geschäft streitig und startet überraschend einen preisaggressiven Frachtdienst aus Übersee. Die Deutschlandtochter von Amazon bestätigte auf Anfrage entsprechende Informationen des Handelsblatts aus Branchenkreisen. Demzufolge baut der weltgrößte Onlineversender derzeit unter dem Namen "Amazon Global Logistics" – kurz AGL – ein neues Geschäftsfeld auf.

Das Ziel: Amazon will für die unabhängigen Händler auf seinem Marktplatz zunehmend den weltweiten Transport der Waren übernehmen. Dazu nutzt der US-Konzern auf fremden Containerschiffen und in Frachtflugzeugen Kapazitäten, die er Importeuren zur Verfügung stellt. Bislang überließ Amazon die Warenbeförderung bis in die regionalen Verteilzentren nahezu komplett den Marktplatzhändlern und deren Spediteuren.

Als Einfallstor für das Neugeschäft nutzt Amazon ein Ärgernis, das vielen europäischen Importeuren zuletzt den Gewinn verhagelte: die seit Herbst 2020 erheblich gestiegenen Frachtraten für Container. "Die von den Speditionen aufgerufenen Preise unterbietet Amazon massiv", berichtet die Zollexpertin und Wirtschaftsjuristin Francine Dammholz aus Gesprächen mit Mandanten. Über Seehäfen wie das ostchinesische Ningbo verschiffe AGL seit Kurzem ganze Container Richtung Rotterdam, berichtet sie. Von dort aus gelange die Importware unmittelbar in die Warenverteilzentren von Amazon, wo der Konzern die komplette restliche Logistik übernimmt.

Günstige Preise machen AGL zu einem attraktiven Angebot, das kaum jemand ablehnen kann. Amazon hat sich bei großen Reedereien durch langfristige Kontrakte vergleichsweise günstige Frachtraten gesichert. Mit ihnen bindet Andy Jassy, der Konzerngründer Jeff Bezos vor einem halben Jahr im Amt des CEO folgte, nun deutsche Importeure an die Amazon-eigene Logistik- und Vertriebswelt. Und Jassy belässt es nicht beim Verschiffen von Containern aus den Exporthäfen. Der US-Riese bietet seinen Marktplatz-Händlern neuerdings auch an, die Ware direkt beim Hersteller in Übersee abzuholen – und das selbst aus entlegenen Regionen Chinas.

Amazon Global Logistics dringt damit tief in den Frachtmarkt vor. Bislang hatte sich der Konzern vorwiegend darauf beschränkt, kooperierenden Onlinehändlern die Zustellung auf der sogenannten letzten Meile bis zur Haustür abzunehmen. "Am Ende könnte dies zu einem Massensterben unter den Speditionen führen, die sich auf Amazon-Händler spezialisiert haben", glaubt Zollexpertin Dammholz. Die Verwerfungen wären enorm. Denn bis heute stehen Speditionen, so jedenfalls berichtet es Deutschlands größter Containerreeder Hapag-Lloyd, für etwas mehr als die Hälfte aller Seefrachtkunden.

AGL verändert das Geschäft

Zudem scheint Amazon nicht der einzige Onlineversender zu sein, der seine Logistik in Richtung der Hersteller ausbaut. "Auch bei Zalando verdichten sich die Anzeichen, dass weitere Dienstleistungen für Händler angeboten werden", berichtet Tim Arlt von der E-Commerce-Vereinigung Händlerbund. Der Kunde erwarte Schnelligkeit, weshalb eine Professionalisierung der sogenannten ersten Meile für den langfristigen Erfolg unbedingt dazugehöre. Bei Zalando heißt es dazu nur vage: "Wir überlegen derzeit, wie wir unsere Partner besser unterstützen können." Spruchreif sei noch nichts.

Auch bei Zalando verdichten sich die Anzeichen, dass weitere Dienstleistungen für Händler angeboten werden.

Tim Arlt - E-Commerce-Vereinigung Händlerbund

"In den jetzigen Zeiten von dramatisch gestiegenen Logistikpreisen hilft mir AGL, konkurrenzfähig zu bleiben oder sogar einen Vorteil herauszuholen", sagt Timo Feddersen. Der Hamburger Importeur von Toilettendeckeln, Duschvorhang-Stangen und Klobürsten fand durch den Vergleich der Tarife heraus: "Eine 40-Fuß-Box würde mich aktuell bei AGL 7500 Euro kosten, bei anderen Logistikern 15.000." Eine ähnliche Erfahrung machte Marc Scheurer, Inhaber der auf Gokarts spezialisierten Importfirma MS Commerce in Schwäbisch Hall. Für die Komplettlieferungen über den chinesischen Hafen Ningbo verlange sein bisheriger Spediteur inklusive Nachlauf aktuell 14.000 Euro pro Container. Im Vergleich dazu liege die Amazon-Offerte mit 6000 bis 7000 Euro nur knapp bei der Hälfte. "AGL ist wirklich ein Gamechanger für uns", zeigt sich Scheurer erstaunt.

Die Ursache der großen Preisunterschiede: Während sich Ikea, Lidl und andere Großkunden – ebenso wie mächtige Speditionskonzerne wie DHL oder Kühne + Nagel – ihre Frachtraten in langfristigen Rahmenverträgen sichern, spekulieren kleinere Importeure oft auf günstigere Transportpreise auf dem Spotmarkt. Doch ihr Kalkül ging seit Mitte 2020 nicht mehr auf. Weil coronabedingte Hafenschließungen in China und Port-Überlastungen vor allem in den USA freie Container zur Mangelware werden ließen, ging es mit den Transportpreisen auf dem Spotmarkt steil nach oben.

Wie sehr sich der Abstand der Preise zu den langfristigen Kontrakten vergrößert hat, beschreibt Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen. Im eigenen Unternehmen liege die durchschnittliche Frachtrate wegen der meist langfristig ausgehandelten Transportaufträge gerade einmal bei 2000 Dollar je Standardcontainer, erklärte der Hamburger Reeder. Auf dem Spotmarkt hingegen, so ist dem Shanghai Containerized Freight Index zu entnehmen, kostet ein 20-Fuß-Container in dieser Woche durchschnittlich 5010 Dollar.

Grafik Container-Frachtraten für Transporte von Asien nach Westeuropa in Dollar [Quelle: Handelsblatt]

Der Preisunterschied weckt Begehrlichkeiten. "Unter den neuen Amazon-Transportkunden befinden sich selbst große Importeure", berichtet Dammholz. "Niemand unserer Mandanten zeigt sich angesichts solcher Angebote bereit, üblichen Speditionen das Doppelte zu bezahlen." Diese zählen schon jetzt zu den Verlierern der Kapazitätsengpässe im Containermarkt. "Die ersten Reedereien lehnen bereits die Zusammenarbeit mit solchen Speditionen ab, die für kleine und mittelgroße Verlader mit vergleichsweise geringen Ladungsmengen Schiffskapazitäten buchen wollen", berichtet Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Spedition und Logistik (DSLV). "Ob es Amazon gelingen wird, von diesem Trend zu profitieren, bleibt abzuwarten", sagt er. Sicher aber werde das Marktumfeld für mittelständische Speditionen im Seefrachtgeschäft noch rauer.

Für die Onlinehändler auf dem Marktplatz von Amazon wird dagegen einiges leichter. Sie brauchen, wenn sie das komplette Angebot des US-Konzerns nutzen, künftig wohl nur noch einen PC-Anschluss. Wer als Händler einen Account bei AGL eröffnet, kann drei bis fünf Tage später loslegen. Mit einem Klick auf die Optionen "Lagerbestand senden/ergänzen" und "Transport buchen" setzt er die Warenbeschaffung aus Übersee in Gang, der Onlinebefehl "An Amazon senden" erspart ihm zudem ein eigenes Lager und den Einzelversand an den Endkunden.

Import ohne Einfuhrumsatzsteuer

Eine Speditionshaftung allerdings scheint es bei Amazon nicht zu geben. Stattdessen verweist der US-Konzern auf externe Finanzanbieter, die auf Wunsch eine Frachtversicherung übernehmen. Dafür gewinnen deutsche Importeure durch die Kooperation mit Amazon zusätzliche Liquidität, was sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Der Schlüssel dazu liegt im Importhafen Rotterdam. Dort kassieren die niederländischen Zollbehörden – anders als ihre deutschen Kollegen – an der Hafenkante keine Einfuhrumsatzsteuer. Möglich macht dies die sogenannte Fiskalverzollung, derer sich viele deutsche Unternehmen bedienen.

Das hat Konsequenzen fürs firmeneigene Finanzpolster, weil im Gegensatz dazu in Hamburg oder Bremerhaven sofort beim Entladen 19 Prozent auf den Einfuhrwert fällig werden. Den Betrag erhalten Onlinehändler zwar angerechnet, wenn sie später beim Weiterverkauf die Mehrwertsteuer ans Finanzamt entrichten. In dieser Zwischenzeit aber schmälert die gezahlte Vorsteuer die Liquidität.

Amazon selbst gelingt es offenbar ebenfalls, durch das Massengeschäft mit den Marktplatz-Händlern die Transportkosten zu drücken. "Die von Amazon aufgegebenen Container sind in der Regel bis zur Decke vollgepackt", beobachtet Zollberaterin Dammholz. "Einzelnen Importeuren gelingt so etwas nur selten." Mit welcher Macht Amazon die konzerneigene Logistik vorantreibt, mussten am anderen Ende der Lieferkette Paketdienste wie DHL, Hermes und DPD seit Oktober 2015 leidvoll erleben. Mit heute 140 Subunternehmern und mehr als 3500 Fahrern jagte ihnen der US-Konzern in Deutschland aus dem Stand einen Marktanteil von rund 25 Prozent ab. Nicht nur die mächtige Position im deutschen Onlinehandel – das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) errechnete für Amazon einen Marktanteil von 53 Prozent – führte zu dem ungewöhnlich raschen Aufstieg. Auch die Qualität der Amazon-Zusteller liegt laut Kundenbewertungen nur noch knapp hinter DHL auf Platz zwei.

Sogar eine 80 Maschinen umfassende Frachtfluglinie baute Amazon in den vergangenen sechs Jahren auf, die unter anderem am Flughafen Halle/ Leipzig landet. Die Flieger würden jedoch ausschließlich für die Paketverteilung vom Amazon-Lager zu den Endkunden genutzt, versicherte ein Amazon-Sprecher, nicht für die Warenbeschaffung etwa aus China. Für diesen Zweck werde man Kapazitäten bei Fremdfirmen chartern, sagte er. Zum Start gebe es zudem nur einen begrenzten Umfang. "Die nun erfolgte Lieferausweitung auf einen End-to-End-Service ist für Amazon ein logischer Schritt", urteilt Michael Lierow, Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman in München. Die Amerikaner bringe dies wieder in die Offensive.

Zuletzt hatten chinesische Wettbewerber wie der Alibaba-Ableger Ali Express und Wish App mit eigenen Warenangeboten aufgeholt, die sie zum Teil kurzfristig aus Polen und anderen grenznahen Gebieten nach Deutschland versenden. "Amazon muss daher versuchen, wieder mehr Produkte von Onlinehändlern auf den eigenen Marktplatz zu routen", sagt Lierow. 

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