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"Unser Job ist es nicht, Rekorde zu erzielen"

Amazon, Amazon-Shop, Apps, Smartphone-Bildschirm [Quelle: pexels.com, Autor: Sagar Soneji]

Quelle: pexels.com, Sagar Soneji

Für Amazon ist der Black Friday dieses Jahr eine besondere Herausforderung. Der Deutschland-Chef spricht über Probleme bei den Logistikketten, hohe Spritpreise und die Gewerkschaft Verdi.

Für Amazon wird es dieses Jahr kein Black Friday wie üblich. Auch auf der Plattform werden Produkte vergriffen sein. Davon ist zumindest Deutschlandchef Ralf Kleber überzeugt. Im Gespräch mit dem Handelsblatt spricht er über Probleme in den Logistikketten und den Umgang mit Retouren.

Herr Kleber, in der Vergangenheit haben Sie an jedem Black Friday neue Verkaufsrekorde verkündet. In diesem Jahr wird daraus angesichts der Lieferprobleme wohl nichts, oder?

Unser Job ist es nicht, Rekorde zu erzielen. Aber wir sind bestens gerüstet, dass auch an diesem Black Friday möglichst viele Kundinnen und Kunden einen guten Deal abschließen können. Wie erfolgreich das dann letzten Endes wird – das entscheidet der Kunde.

Aber es werden doch sicher auch bei Amazon einige Produkte vergriffen sein?

Ja, natürlich kann das mal sein. Dass logistische Ketten weltweit zurzeit nicht so gut dastehen wie in den vergangenen Jahren, das ist klar. Was uns aber zugutekommt: Black Friday und das Weihnachtsgeschäft sind für uns so wichtig, dass die Vorbereitung darauf immer schon am 1. Januar beginnt – mit Investitionen in Technologie, die bessere Vorhersagen über das Kaufverhalten ermöglicht, oder mit der Einstellung von weiteren Mitarbeitern. Deshalb sind wir auch dieses Jahr gut vorbereitet.

In welchen Produktkategorien erwarten Sie am ehesten Probleme?

Die Produkte, bei denen es am schwierigsten ist, werden zum Glück am wenigsten zu Weihnachten verschenkt. Engpässe gibt es beispielsweise bei Speicherkarten, aber die liegen selten unterm Weihnachtsbaum. Da nahezu zwei Drittel aller über Amazon verkauften Produkte von unabhängigen Verkaufspartnern kommen, können wir es ohnehin häufig gut ausgleichen, wenn ein von Amazon angebotener Artikel knapp wird.

Können Sie im Weihnachtsgeschäft überhaupt die gewohnten Lieferzeiten einhalten?

Das ist eine Spitzenleistung bei der Planung, die man da jedes Jahr vollbringen muss, da muss man rechtzeitig die Kapazitäten schaffen. Wir haben mittlerweile 17 Logistikzentren und über 60 Verteilzentren in Deutschland. Damit beschäftigen wir in der Logistik über 19.000 Festangestellte plus Saisonkräfte, die dafür sorgen sollen, dass wir pünktlich unter den Weihnachtsbaum liefern.

Umso schwieriger wird das, weil die Gewerkschaft Verdi jetzt wieder ihre Versandzentren bestreikt. Sie fordert einen Tarifvertrag. Warum sträuben Sie sich so dagegen?

Wir führen uns einfach die Fakten vor Augen: Wir haben Arbeit für 19.000 fest angestellte Menschen in der Logistik geschaffen. Wir achten darauf, dass alle Gesundheitsmaßnahmen eingehalten werden, wir haben Betriebsräte, mit denen wir bei Bedarf jeden einzelnen Schritt von der Pausenzeit bis zur Umkleidekabine absprechen. Wir haben dieses Jahr einen Einstiegslohn von 12 Euro plus Zusatzleistungen eingeführt, um auch da ein Zeichen zu setzen. Wir bieten Einstiegschancen und Karrieremöglichkeiten für jeden.

Trotzdem gibt es immer wieder Klagen über Arbeitsbedingungen in ihren Lagern.

Ich weiß, wie es in einem Logistikzentrum aussieht. Und ich weiß auch, dass es dort gute Jobs gibt, die gut bezahlt werden, und dass es dort ein kollegiales Umfeld gibt. Natürlich können wir uns immer noch verbessern, aber über 90 Prozent unserer Mitarbeiter bewerten uns als sehr guten Arbeitgeber.

Verdi beharrt aber auf der Forderung nach einem Tarifvertrag. Warum erzielen Sie nicht einfach eine Einigung?

Warum sollten wir? Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Mitarbeitern, wir tun alles, um der beste Arbeitgeber zu sein: vom Lohn bis zur Arbeitssicherheit. Dass eine Gewerkschaft ihrer Gewerkschaftsarbeit nachkommt, überrascht uns nicht.

Alle klagen über die hohen Benzinpreise. Wie stark belastet Sie das?

Klar, das spüren wir auch, wir tanken ja auch an Tankstellen, das sind außerordentliche Kosten. Aber es sind ja nicht nur die Spritpreise. Viele vergessen, was die Pandemie allein in der Logistik ausgelöst hat. Wir haben seit Beginn der Pandemie 15 Milliarden US-Dollar in die Hand genommen, damit wir sicher arbeiten können. Und diese Kosten sind weiterhin da.

Beschleunigen die hohen Spritpreise den Umstieg auf elektrische Lieferwagen?

Wir haben ein Versprechen abgegeben, bis 2040 klimaneutral zu operieren. Wir haben ja beim Start-up Rivian 100.000 Fahrzeuge bestellt. Europaweit haben wir 1.800 Fahrzeuge bei Mercedes-Benz bestellt und in Deutschland 800 auf die Straße gebracht.

Angesichts Ihrer riesigen Logistik ist das noch ein kleiner Anteil.

100.000 Fahrzeuge sind nicht wenig. Ein begrenzender Faktor können jedoch bisweilen auch die fehlenden Produktionskapazitäten sein. Da macht sich wieder der Chip-Engpass bemerkbar. Ich glaube, die Automobilhersteller würden gerne noch mehr E-Mobilitätsfahrzeuge herstellen.

Die Lieferkapazitäten im E-Commerce werden durch hohe Retourenquoten zusätzlich belastet. Was tun Sie dagegen?

Erst mal hat ja niemand ein Interesse an Retouren – weder der Kunde , noch die Umwelt und wir auch nicht. Deshalb tun wir viel, damit Kundinnen und Kunden direkt bekommen, was sie brauchen. Retouren gehören aber im Handel zum Geschäft und sind je nach Produkt sehr unterschiedlich. Wir versuchen natürlich, möglichst viel der retournierten Ware als Neuware wieder in den Verkauf zu bringen. Den Rest versuchen wir als B-Ware zu Schnäppchenpreisen anzubieten. Wir haben im vergangenen Jahr auch 1,5 Millionen Einzel- und Großpackungen allein an lokale Tafeln gespendet, die wir nicht mehr verkaufen konnten.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie vernichteten massenhaft Retouren. Hand aufs Herz: Wie viel wandert in den Schredder?

Bei der Ware, die uns gehört, liegt dieser Anteil im Promillebereich. Wir entsorgen im Prinzip nur Dinge, die aus Gründen der Hygiene oder der Produkthaftpflicht nicht mehr verkauft werden dürfen. Das Entsorgen von Ware bedeutet ja auch das Entsorgen von Geld – das können wir als Händler allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht wollen.

Wie kommt es dann immer wieder zu Videos aus Ihren Lägern mit Containern von Waren, die zur Vernichtung bestimmt sind?

Sie dürfen nicht vergessen, dass wir nicht Eigentümer von allen Waren sind, die in unseren Logistikzentren liegen. Wenn ein Verkaufspartner seine Ware entsorgen will, können wir ihn nicht daran hindern. Wir können ihm aber helfen, die Ware zu retten – und das tun wir. Aber eine ganz wichtige Möglichkeit bleibt uns dabei leider verschlossen.

Welche denn?

Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland schreiben immer noch vor, dass auf Produkte, die gespendet werden, die Umsatzsteuer gezahlt werden muss. Damit wird vielfach das Spenden teurer als die Entsorgung. Und viele kleine Händler können sich das schlicht nicht leisten. Das sind ja keine Großkonzerne. Das ist eine Situation, die auch sicher nicht im Sinne der Umwelt ist.

Das heißt, dass die Politik selbst für die Vernichtung von Waren eine Mitschuld trägt?

Seit Jahren machen wir das Bundesfinanzministerium darauf aufmerksam, diese Situation endlich zu ändern. In vielen anderen Ländern wie Frankreich, Belgien oder Großbritannien ist der Weg längst frei. Wir hoffen, dass die neue Regierung jetzt diesen Hemmschuh beseitigt. Nur um eine Größenordnung zu zeigen, was das bewirken könnte: In Großbritannien wurden in kurzer Zeit allein 70 Millionen an Retouren und unverkauften Produkten von Drittanbietern gespendet.

In den USA und Großbritannien hat Amazon auch eigene stationäre Läden. Wann sehen wir die auch in Deutschland?

Die Wann-Fragen sind immer die schwierigsten, die kann ich nicht kommentieren. Wir haben dazu bisher keine Pläne bekannt gegeben.

Warum zögern Sie in Deutschland so?

Wenn bestimmte Services in einem Land noch nicht verfügbar sind, würde ich das nicht unbedingt als zögern bezeichnen. Wir stecken sehr viel Geld in die unterschiedlichsten Innovationen und es war schon immer so, dass eine Innovation in einem Land schon verfügbar war und in einem anderen erst später.

Die meisten ihrer stationären Geschäfte sind Lebensmittelläden. Ist das Händlernetz in Deutschland schon so dicht, dass da für Sie kein Platz mehr ist?

Das hat auch damit zu tun, dass wir in Whole Foods in den USA einen optimalen Partner gefunden hatten, das war ja eine große Akquisition. Was Deutschland anbelangt, melden wir uns, wenn es etwas zu verkünden gibt.

Her Kleber, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Florian Kolf.

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