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Allianz zerschlägt die deutsche Tochter

Gebäudefassade Blau Logo Allianz [Quelle: Unsplash.com, Autor: Rio Lecatompessy]

Quelle: Unsplash.com, Rio Lecatompessy

Die mächtige Allianz Deutschland wird dichtgemacht, die drei Kernbereiche werden eigenständig. Mit dem Umbau kommt Konzernchef Bäte seinen Zielen deutlich näher.

Die Allianz stellt sich auf ihrem Heimatmarkt komplett neu auf. Die Allianz Deutschland, bislang die mächtigste Landesgesellschaft im Konzern, wird es in ihrer bisherigen Form künftig nicht mehr geben. Stattdessen werden die drei dortigen Teilbereiche aus Sach-, Lebens- und privater Krankenversicherung in Zukunft eigenständig agieren und mit wichtigen Zentralfunktionen gestärkt. Die bisherige Allianz Deutschland AG soll dann nur noch eine übergeordnete Finanzholding ohne Mitarbeiter sein. Das gab Europas größter Versicherer am Montagnachmittag bekannt.

Mit diesem Schritt erweitert sich die ohnehin schon große Macht von Konzernchef Oliver Bäte. Die deutsche Landesgesellschaft, die auf einem campusähnlichen Gelände im Münchener Vorort Unterföhring angesiedelt ist, und die ehrwürdige Konzernzentrale am Englischen Garten standen sich in der Vergangenheit oftmals in Abneigung gegenüber. Die erreichte ihren Höhepunkt vor rund vier Jahren, als dem damaligen Deutschlandchef Manfred Knof Ambitionen auf die Position von Bäte nachgesagt wurden. Am Ende siegte Bäte – Knof verließ nach vielen Jahren die Allianz und ist heute Vorstandschef der Commerzbank.

Mittlere Ebene ausgedünnt

Die Bedeutung der deutschen Tochter bestätigen auch die Zahlen. Im vergangenen Jahr kamen über 29 Prozent des Konzernumsatzes aus Deutschland. Hier wurden 40,86 Milliarden Euro von weltweit 140,46 Milliarden Euro erzielt. Beim operativen Ergebnis lag der Deutschlandanteil bei 24 Prozent (2,86 Milliarden Euro).

Mit der Neuaufstellung auf dem Heimatmarkt kommt Bäte nun seinem Ziel ein gutes Stück näher, die Allianz einfacher, intuitiver und vor allem kundenfreundlicher aufzustellen. Die Produktbereiche in der Sach-, Lebens- und der privaten Krankenversicherung agieren nun deutlich selbstständiger. Zentrale Verwaltungsfunktionen, die bisher bei der Allianz Deutschland angesiedelt waren, gehen zu ihnen über.

In früheren Überlegungen war zudem enthalten, die Sparten Sachversicherung und Vertrieb sowie Lebens- und Krankenversicherung zusammenzulegen. Wegen zu großer inhaltlicher Unterschiede sei man davon wieder abgekommen, heißt es aus dem Konzern. Doch auch mit der jetzt beschlossenen Konstruktion fällt eine Reihe von Managern aus der mittleren Ebene weg. Auch hier hatte Bäte in der Vergangenheit angekündigt, das Geflecht entzerren zu wollen.

Der neunköpfige Vorstand der Allianz Deutschland wird aufgelöst und bekommt andere Aufgaben im Konzern. Deutschlandchef Klaus-Peter Röhler, ein enger Vertrauter von Bäte, gehört bereits seit rund einem Jahr dem Konzernvorstand an und vertritt dort unter anderem das Geschäft in Deutschland und der Schweiz. Der bisherige Operationsvorstand Fabio de Ferrari wird das Unternehmen verlassen.

Damit sich der Konzern auch auf Produktseite nach Bätes Geschmack entwickelt, braucht es allerdings mehr als nur veränderte interne Strukturen. "Einfacher heißt effizienter und kundenfreundlicher zugleich", sagte er bei der Hauptversammlung im vergangenen Jahr. Dahinter steckt eine Entwicklung, die seit Jahren bereits in Asien zu beobachten ist und nun auch in Deutschland und Europa Einzug hält. Die Kunden erwarten, dass auch bei ihren Versicherern Information, Beratung, Vertragsabschluss und Schadenbearbeitung so einfach ablaufen wie in vielen anderen Lebensbereichen. Bäte nannte in der Vergangenheit Amazon und Netflix stets als Beispiele.

Mit der Neustrukturierung der Allianz Deutschland kommt auch den Produktentwicklern im Haus eine deutlich höhere Bedeutung zu. Renate Wagner, seit Anfang vergangenen Jahres Personalchefin und zuständig für Compliance und Akquisitionen, hat hierbei die Erfahrung aus vier Jahren in Asien mit nach München gebracht. Die 46-jährige studierte Mathematikerin orchestriert seit einigen Monaten den Umbau der noch immer mächtigen Landesgesellschaft. "Diese neuen, einfachen und intuitiven Produkte sollen künftig international genutzt werden, das verringert die Entwicklungskosten stark", sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Lösen muss sie dabei ein langjähriges Kernproblem der Allianz. Denn während in anderen Branchen Produkte in gleicher Weise und Bauart wie selbstverständlich weltweit vertrieben werden, waren Versicherungsbedingungen bisher in den meisten Ländern auf den jeweiligen Markt zugeschnitten. In Deutschland gab es somit Kfz-Policen für den heimischen Markt, in Italien für den dortigen, in Spanien wieder andere. Viele Landesgesellschaften werteten diese Eigenständigkeit lange als Bestandsgarantie und sahen darin einen Teil ihrer Daseinsberechtigung.

Abbau von Komplexität

Bäte hat diese Komplexität stets gestört. Schon 2016 – ein Jahr nach seinem Start als Vorstandschef – ließ er die Chefs von drei Landesgesellschaften testen, ob die Produkte in ihren Regionen vergleichbar sind. Einer davon soll Gerüchten zufolge Klaus-Peter Röhler gewesen sein, der damals das Italiengeschäft leitete. Das Resultat: Bei 85 Prozent der Produkte sei dies der Fall. "Unsere Aktuare kamen dagegen nur auf 50 Prozent", sagte Bäte vor drei Jahren im Handelsblatt-Interview.

Bei einer nochmaligen Überprüfung kam sogar heraus, dass in manchen Bereichen über 90 Prozent der Produkte vergleichbar sind. Aus diesem Grund hat Bäte ein einheitliches Produktdesign in Europa zuletzt intensiv forciert. Dafür sind nun endlich auch organisatorisch die Weichen gestellt.

In der neuen, internationalen Produktwelt der Allianz kommt gerade den deutschen Entwicklern eine besondere Rolle zu. So vertreibt die Allianz ein in Deutschland erfolgreiches Lebensversicherungsprodukt bereits in Italien. Bald soll es auch in Spanien angeboten werden. Auch länderübergreifende Entwicklungen sind in Sicht. So soll eine Kooperation eines italienischen und eines deutschen Teams die fondsgebundene Lebensversicherung gemeinsam weiterentwickeln. Lokale Teams in anderen Ländern werden das Produkt dann nur an die dortigen Gegebenheiten anpassen.

Einen Personalabbau oder gar Kündigungen soll der geplante Umbau nicht zur Folge haben, betont Personalchefin Wagner. Abgeschlossen sein soll die Neustrukturierung, von dem rund 13.000 Allianz-Mitarbeiter in Deutschland betroffen sind, bis zum Ende des Jahres.

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