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Gehen oder bleiben?

Frau, arbeiten, Laptop, erschöpft, unglücklich [Quelle: pexels.com, Autor: Anna Shvets]

Quelle: pexels.com, Anna Shvets

Während der Feiertage dürften dieses Jahr mehr Beschäftigte als sonst an der eigenen Karriere zweifeln. So erkennen Sie, dass nicht mehr viel geht – und steuern gegen.

Corona ist ein Kündigungskatalysator. Und wenn es jemanden gibt, der die Funktionsweise dieser Jobvernichtungsmaschine wirklich versteht, ist es Anthony Klotz. Klotz ist Managementdozent an der Texas A&M University und hat einen Begriff erfunden, der mittlerweile in den deutschen Arbeitsmarktjargon Einzug gefunden hat: "The Great Resignation", die große Kündigungswelle inmitten der Pandemie.

Die ist auch in Deutschland real, wie eine noch nicht veröffentlichte Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY unter 1500 Angestellten zeigt, die dem Handelsblatt vorliegt. Danach ist derzeit fast die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland auf dem Sprung. Vor allem junge Angestellte und Frauen sind laut der Befragung wechselwillig. Nur 22 Prozent fühlen sich ihrem Arbeitgeber "sehr verbunden" – ein Rekordtief.

US-Professor Klotz sieht vier Gründe für die aktuelle Kündigungswelle:

  • Erstens: Die Unsicherheit durch die Pandemie. "Viele Leute, die ihren Job während der ersten Krisenmonate gern hingeschmissen hätten, haben diese Entscheidung verschoben", erklärt Klotz dem Handelsblatt. Seit einiger Zeit sehen Unternehmen weltweit nun aber, dass Mitarbeiter diese aufgeschobenen Kündigungsvorhaben nachholen.
  • Zweitens: Die Pandemie hat viele Mitarbeiter müde gemacht. Laut dem jüngsten AOK-Fehlzeiten-Report ist die Zahl psychosomatischer Beschwerden in der Pandemie deutlich gestiegen, während andere Krankmeldungen zurückgingen. "Burn-out ist immer ein Vorbote von Fluktuation", bringt es Klotz auf den Punkt.
  • Drittens: Viele Angestellte stellen sich in der Pandemie die Sinnfrage. "Viele realisierten in der Krise, dass sie größere Veränderungen in ihrem Leben machen möchten", erklärt Klotz. Bei einigen Menschen sei es zu Aha-Momenten gekommen – auch was die eigene Karriere betrifft.
  • Viertens: Der Wunsch nach Flexibilität wächst. Hunderte Millionen Wissensarbeiter weltweit waren in der Pandemie gezwungen, von zu Hause aus zu arbeiten. "Während sich viele Leute freuen, bald wieder ins Büro zurückzukehren, wollen viele andere weiter vom Homeoffice aus arbeiten", stellt Klotz fest. Wer da ins Büro zurückbeordert werde, schaue sich nach anderen flexibleren Möglichkeiten um. Die Chancen dafür stehen jedenfalls gut. Der Jobmarkt brummt – auch trotz Corona.

Soweit die wissenschaftlichen Ableitungen. Doch was sind konkrete Anzeichen, dass man wirklich kündigen sollte? Und was lässt sich dagegen tun? Das Handelsblatt hat sich bei Personalern, Unternehmensberatern und Gründern umgehört – und diese sieben Anzeichen identifiziert.

1. Bei Ihnen herrscht jeden Tag Sonntagsblues

Sonntags irgendwann zwischen 15 und 17 Uhr setzt sich bei vielen Angestellten ein Gedankenkarussell in Gang: "Morgen klingelt schon wieder der Wecker. Dann heißt es: Zurück an die Arbeit. Und es gibt auch noch so viele Dinge, die ausgerechnet nächste Woche anstehen."

Das Phänomen Sonntagsblues kennt fast jeder. Zur Beruhigung: Es ist normal. "Wer aber jeden Abend in der Woche außer freitags im Bett liegt, seufzt und schwermütig denkt: 'Ich möchte nicht, dass der nächste Tag anfängt!', weil einem der Arbeitstag bevorsteht, sollte aktiv werden", rät Cawa Younosi, Personalchef von SAP Deutschland. Denn nicht selten seien das Vorboten eines Burn-outs, der in vielen Fällen nichts mit Stress zu tun habe.

Das kann helfen: Younosi rät in solchen Fällen: Reden – und zwar mit dem oder der Vorgesetzten. "Es gilt, im Gespräch mit der Führungskraft konkrete Lösungsvorschläge zu machen und klar zu kommunizieren, was man für eine Verbesserung der Situation benötigt." Dies sei die Basis für konstruktive Veränderung.

2. Sie haben das Gefühl, Sie verdienen zu wenig

Auch wenn es nur wenige offen zugeben: Die eigene Bezahlung ist noch immer einer der Hauptgründe, warum gute Mitarbeiter gehen. Laut der EY-Befragung würden 58 Prozent aller Beschäftigten den Job wegen einer besseren Bezahlung wechseln. Erst deutlich danach folgen Punkte, wie eine höhere Jobsicherheit oder eine bessere Unternehmenskultur.

Das kann helfen: Die Zeichen für eine Gehaltserhöhung standen lange nicht mehr so günstig wie derzeit, sagen Experten. Denn in der Krise hatten viele Arbeitnehmer auf Gehaltserhöhungen verzichtet. Diese Forderungen brechen sich nach Monaten des Verzichts bahn – auch wenn die Pandemie immer noch nicht vorbei ist.

"Gerade Leistungsträger haben gute Chancen mehr zu fordern, denn jedes Unternehmen hat in der aktuellen Lage ein großes Interesse, seine besten Leute zu halten", sagt Sebastian Pacher, Vergütungsspezialist bei der Unternehmensberatung Kienbaum. Laut EY würden Arbeitnehmer derzeit im Schnitt zehn Prozent mehr verlangen.

3. Ihr Chef spricht lieber über Zahlen als über Menschen

Die Nachricht machte Schlagzeilen – und sie war brutal: Wenige Wochen vor Weihnachten kündigte Vishal Garg, Chef und Gründer des Hypotheken-Maklers Better, 900 seiner Mitarbeiter per Videoanruf. "Es ist am Ende meine Entscheidung, ich will, dass Sie es von mir hören. Wir entlassen 15 Prozent der Belegschaft", begründete er die Massenentlassung. Um dann hinzuzufügen: "Wenn Sie in diesem Call sind, sind Sie Teil der unglücklichen Gruppe. Ihre Beschäftigung ist beendet."

Selten ist ein Fall so eindeutig, doch wenn Manager generell dazu tendieren, Zahlen in den Vordergrund zu stellen und nicht die Beschäftigten, sollten laut Debbie Lovich alle Alarmglocken schrillen: "Wenn Manager keinerlei Interesse oder Unterstützung für die Bedürfnisse ihrer Beschäftigten signalisieren, ist das ein klares Zeichen zu gehen", sagt die Senior Partnerin der Boston Consulting Group (BCG). Ein weiterer Kündigungsindikator sei, wenn sich Kolleginnen und Kollegen gegenseitig so gut wie nie beieinander bedanken oder gegenseitig Unterstützung anbieten.

Das kann helfen: In dieser Lage scheint Kündigen eine nahe liegende Option – und tatsächlich ist es in eindeutigen Fällen gesünder, Unternehmen mit einer vergifteten Kultur zu verlassen. Hat man jedoch das Gefühl, dass sich dieses Phänomen nur auf die eigene Abteilung oder das eigene Team beschränkt, kann ein interner Wechsel oder ein Gespräch mit einer Person einer höheren Hierarchieebene als der des eigenen Vorgesetzten Sinn ergeben.

Grafik Wechselbereitschaft Job Teil 1 [Quelle: Handelsblatt]
Grafik Wechselbereitschaft Job Teil 2 [Quelle: Handelsblatt]
Grafik Wechselbereitschaft Job Teil 3 [Quelle: Handelsblatt]

4. Ihre Karriere steckt in der Sackgasse

Nach einigen Jahren im Unternehmen haben Beschäftigte oft den Eindruck, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind und bei ihrem aktuellen Arbeitgeber ihre beruflichen Ziele nicht erreichen können. "In vielen Fällen ist dann tatsächlich der Zeitpunkt für einen externen Wechsel gekommen", sagt Unternehmerin und Outplacementexpertin Sophia von Rundstedt. Denn was hinter diesem diffusen Gefühl steckt, ist eine fehlende Weiterentwicklungsperspektive.

Das kann helfen: Von Rundstedts Empfehlung lautet: "Sprechen Sie Ihren Vorgesetzten an, auch wenn Sie sich bereits mit dem Gedanken an Kündigung beschäftigen. Schildern Sie Ihre Wünsche und seien Sie offen, für neue und andere Möglichkeiten, die sich gegebenenfalls gerade jetzt beim aktuellen Arbeitgeber ergeben." Das könne viel zum Besseren bewegen. In einer Mehrzahl der Unternehmen stünden in den nächsten Monaten – nicht nur pandemiebedingt – tiefgreifende Veränderungen an, durch die ganz neue Aufgaben entstehen. Vielleicht ergibt sich so ein spannender neuer Karriereweg.

5. Bei den Zielen Ihres Unternehmens schütteln Sie den Kopf

Viel war bereits vor der Pandemie die Rede von Purpose und Sinnsuche in Unternehmen. In der Krise kristallisiert sich nun jedoch heraus, wer es wirklich ernst meint, seine Mitarbeiter für eine gemeinsame Mission zu gewinnen.

"Man ist nur wirklich gut, wenn man sich mit dem Unternehmen identifiziert – mit dem Produkt, dem Service, der Haltung gegenüber Kunden und Mitarbeitenden", betont Sirka Laudon, Personalvorständin beim Versicherungskonzern Axa. "Weicht man davon allzu sehr ab, kostet es viel Energie, dies auszublenden und sich dennoch zu motivieren." SAP-Manager Younosi ergänzt: "Wenn das Gefühl überwiegt, dass der Einsatz der Lebenszeit sich nur auf die Gleichung 'Arbeit gegen Lohn' reduziert, dann sollte man über eine sinnvollere Tätigkeit nachdenken."

Das kann helfen: Axa-Vorständin Laudon schlägt vor, im Team einen Prozess anzustoßen, indem man sich intensiv zu Strategie- und Sinnthemen austauscht und eine − von allen geteilte Sichtweise – erarbeitet. Die Ergebnisse lassen sich dann auf einzelne Teilziele für jeden Unternehmensbereich herunterbrechen.

Dazu gehört für den Berliner Fintech-Gründer Sebastian Seifert vor allem, realistisch zu bleiben und auf die Umsetzbarkeit zu schauen: "Vollkommen überzogene Missionen frustrieren eher, als dass sie motivieren." Heißt: Große Visionen sind erlaubt, solange sie sich in kleinen Schritten umsetzen lassen.

6. Sie wittern überall Intrigen

1969 sang Elvis Presley: "We can’t go on together with suspicious minds". Damit hat der König des Rock 'n' Roll aus Sicht von SAP-Manager Younosi das ultimative Kündigungslied geschrieben: "Wenn es so weit gekommen ist, dass hinter jeder E-Mail ein fieser Trick des Arbeitgebers vermutet wird, jeder Anruf der Vorgesetzten als ein taktisches Manöver erscheint und sich die meisten Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen darum drehen, herauszufinden, ob da 'etwas im Busch' ist, sollte man über eine Trennung nachdenken."

Das kann helfen: Wenn das Vertrauen nachhaltig beschädigt ist, sind Änderungen schwierig. Auch für zukünftige Jobs hilft es aber, an der eigenen Perspektive zu arbeiten. "Versuchen Sie dabei nicht zu lange beim eigentlichen Problem zu verharren, sondern zeigen Sie auch mögliche Lösungen auf", sagt Laura Gaida, Coachin für mentale Gesundheit in Düsseldorf. Auch wenn diese Lösungen für den aktuellen Job nicht passen mögen, habe man so "jedoch zumindest deutlich an Klarheit gewonnen, was einem wichtig ist", meint die Expertin. Mit Blick auf das nächste Vorstellungsgespräch sicherlich nicht die schlechteste Voraussetzung.

7. Ihnen droht ohnehin die Kündigung

In vielen Branchen verändern sich gerade oder in den kommenden Monaten ganze Geschäftsmodelle. Das führt dazu, dass einige Unternehmen ihren Mitarbeitern Angebote machen, das Unternehmen freiwillig zu verlassen. Wer angesprochen wird – oder das vermutet – kann selbst aktiv werden, und oft mit einer Abfindung gehen.

Das kann helfen: Outplacementberaterin von Rundstedt sieht in solchen Situationen schon qua Funktion die Chance, sich proaktiv zu überlegen, wo die eigenen Stärken und Fähigkeiten besser eingesetzt wären. Oft bieten Arbeitgeber zusätzlich zur Abfindung auch Perspektiv- und Karriereberatungen an, um Beschäftigte schnell in andere Rollen zu bringen – intern wie extern.

"Wichtig ist, sich in einer solchen Situation klarzumachen, dass Brüche heute zum Erwerbsleben gehören und Arbeitsverhältnisse auf Zeit die Regel sind", sagt von Rundstedt. Oft liege es angesichts der enormen Geschwindigkeit, mit der sich manche Unternehmen drehen und wandeln müssen, nicht in der Hand des Einzelnen. "Eine Trennung vom Arbeitgeber", fasst die Unternehmerin zusammen, "ist kein Zeichen von Scheitern."

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