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Arbeiten, wenn andere kuscheln

Rosen auf dem Aktenkoffer

Quelle: freeimages.com, MeiTeng

Fernliebende wollen beides: einen guten Job und eine Beziehung. Und das ist auch gut so, denn eine Liebe auf Distanz kann ein echter Karrierebeschleuniger sein: Sie trainiert wichtige Eigenschaften, die jeder im Berufsleben braucht.

Eigentlich ist alles perfekt. Der Job. Und der Partner. Nur: Beide sind an völlig unterschiedlichen Orten. Was vor zwanzig Jahren noch die Ausnahme war, ist heute Normalität: Zehn bis zwölf Prozent aller deutschen Paare führen eine Fernbeziehung – Tendenz steigend. Und es sind vor allem junge, gut ausgebildete Menschen, die auf Distanz lieben: Jeder vierte Akademiker führt eine Fernbeziehung.

Freiräume nutzen der Beziehung – und der Karriere

Während ihres Biologiestudiums war Alumna Nina Bauer (siehe Kasten oben) ein Jahr im Ausland, an der Stony Brook University, USA. Sie perfektionierte ihr Englisch und knüpfte wichtige Kontakte. Ihr Freund, ebenfalls Biologe, blieb in Deutschland. Seit fast zehn Jahren sind die beiden ein Paar, seit zwei Jahren forscht er nun in San Diego, USA, Nina kam für ein Post-doc-Stipendium vorübergehend nach und geht jetzt für einen Job zurück nach Europa. "Wir räumen uns gegenseitig diese Freiräume ein. Nur so können wir unsere Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere wahren", sagt Nina. Ihre Fernbeziehung funktioniere, weil sie ständig in Kontakt blieben, viel telefonierten.

Fernliebende trainieren, was Personaler beeindruckt

Das ist ein Pluspunkt der Fernbeziehung: Man unterhält sich intensiver, weil man sich unterhalten muss. Das deutsche Durchschnittspaar spricht im Schnitt zwei Minuten pro Tag über persönliche Dinge. Die Hauptgesprächszeit entfällt auf die Alltagsorganisation, darauf, wer den Abwasch macht oder sich morgen um den Einkauf kümmert. Oder man schweigt. Sitzt auf dem Sofa, schaut fern. Fernliebende hingeben kommen meist auf eine Stunde Telefonieren täglich. Und lernen so ganz nebenbei, was Personaler beeindruckt: Kommunikationsfähigkeit.

Personaler suchen Mitarbeiter mit Soft Skills

Internationale Studien zeigen: Personalverantwortliche wollen Fifty-Fifty-Mitarbeiter, 50 Prozent Fachwissen, 50 Prozent Soft Skills. "Fernbeziehungspaare leben Kompetenzen, die für eine Karriere unablässig sind", sagt der Fernbeziehungsexperte Peter Wendl. Er hat bemerkt: Wer eine gute Fernbeziehung führt, verfügt über Konfliktbewältigungskompetenzen, kann sich gut mitteilen und auch zuhören. Eigenschaften, die auf der Führungsebene gefragt sind – und den Weg nach oben erleichtern.

Bei Fernliebenden wartet niemand zu Hause – gut so

Und noch etwas lernen Distanzliebende: Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Stipendiatin Laura (siehe Kasten oben) kommt mit ihrer Fernbeziehung im Studium gut zurecht. "Unter der Woche konzentriere ich mich ganz auf mein Informatikstudium, ich bin nicht abgelenkt und kann mich voll reinhängen", sagt sie. Eine Zeit lang hat sie mit ihrem Freund in einer gemeinsamen Wohnung in derselben Stadt gelebt. "Das war zwar schön, dem Studium aber hat es nicht gut getan", erinnert sich Laura. Gruppentreffen, bei denen wir zum Beispiel eine Software entwickeln sollten, gingen eben auch mal bis nach zehn Uhr. "Ich habe immer auf die Uhr geschaut und gedacht: Eigentlich wäre ich jetzt viel lieber bei ihm zu Hause."

Informelle Gespräche sind wichtig für die Karriere

"Gerade für Berufsanfänger ist es gut, wenn sie das Berufs- und Privatleben trennen können", sagt Wendl. Niemand meckert, wenn man länger arbeitet, niemand beschwert sich, wenn man spontan mit Kollegen auf ein Feierabendbier geht - informelle Gespräche können wichtig sein für den Sprung auf der Karriereleiter. Und man lernt, seine Zeit einzuteilen, unter der Woche hochkonzentriert zu arbeiten und am Wochenende zu entspannen.

Ohne gemeinsame Perspektive geht es nicht

Allerdings: Fernbeziehungen funktionieren meist nur eine gewisse Zeit. Dann stellt sich Unzufriedenheit ein. Das wiederum ist schlecht für den Job, weil man abgelenkt ist, an die Probleme zu Hause denkt. Oder sich so mit Arbeit zuschüttet, dass man davon krank an Leib oder Seele werden kann. "Eine gemeinsame mittelfristige Perspektive ist überlebensnotwendig", sagt Wendl. Am besten sei es, einen überschaubaren Zeitraum zu vereinbaren - ideal sind zwei Jahre – und dann gemeinsam neu zu überlegen.

Die Fernliebe mit dem Arbeitgeber verhandeln

Als sein Chef Alumnus Stefan Schweiger (28, Name geändert) zum Gespräch bat, hätte er nie mit diesem Angebot gerechnet: Seit einem Jahr arbeitete er als Ingenieur für einen Telekommunikationskonzern, angestellt war er jedoch bei einem Personaldienstleister. Nun bot sein Chef ihm einen festen Job. Als Projektleiter bei einem Tochterunternehmen - in Indien. "Natürlich habe ich mich gefreut", sagt Stefan, "erst mal zumindest." Dann kamen die Zweifel. Seit einem Jahr hatte er eine feste Beziehung – sollte er alles aufgeben? Andererseits: Würde er so eine Chance nochmals bekommen? Schnell war klar: Er würde den Job machen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Vergünstigungen sind Verhandlungssache

"Die wenigsten Firmen bieten ihren distanzliebenden Mitarbeitern generelle Lösungen an", sagt der Fernbeziehungsforscher Peter Wendl. "Die Vereinbarungsfrage ist fast immer Verhandlungssache." Dabei gelte der Grundsatz: Je unersetzlicher man ist, desto kulanter zeigen sich die Unternehmen. 

Eine feste Policy gibt es nur selten

Auch bei Stefan gab es keine feste Policy. Also begann er zu feilschen. Zwei Heimflüge pro Jahr wollte er, dazu ein paar Tage mehr Urlaub. Weil er aber bislang kein Mitarbeiter des Unternehmens war, wollte sich der Chef darauf nicht einlassen. "Mehr oder weniger unter der Hand haben wir uns dann auf einen Heimflug pro Jahr und drei Tage mehr Urlaub geeinigt", erzählt Stefan. Mit der Auflage, dass er seinen Kollegen nichts davon erzählt.

Die meisten Unternehmen bieten individuelle Lösungen

Ansprechen, nachfragen, Vorschläge machen – das lohnt sich. Denn die meisten Unternehmen haben inzwischen einen Personaler, der für die so genannte Work-Life-Balance und flexible Arbeitszeitmodelle zuständig ist. Und fast alle bieten individuelle Lösungen an. In speziellen (und sehr seltenen) Fällen sind das Heimflüge – im Regelfall werden die aber nur bezahlt, wenn der Mitarbeiter schon länger für ein Unternehmen arbeitet, eine Führungsposition inne hat oder für ein Projekt in eine andere Stadt oder ein anderes Land geschickt wird. Bei Berufsanfängern sind solche Sonderleistungen die absolute Ausnahme, sieht man einmal von Unternehmensberatungen ab. Dort gehören Heimfahrten vom Kunden zum Lebensort zum Standard.

Bei der Arbeitszeit verhandeln

"Berufsanfänger sollten bei der Arbeitszeit ansetzen", sagt Alumnus Martin Emrich (33), der Firmen bei der Personalauswahl berät und Mitarbeiter coacht (für den richtigen Zeitpunkt und die richtige Fragestrategie siehe das Interview mit Martin Emrich weiter unten). In Zeiten von Telearbeit und Blackberry sind der Fantasie dabei keine Grenzen gesetzt.

Flexible Arbeitszeiten, billigere Flüge

Das weiß Tobias Möller (siehe Kasten) aus Erfahrung. "Viele unserer Mitarbeiter führen Fernbeziehungen" - darauf sei Lufthansa eingestellt, "schließlich gehören Flexibilität und Mobilität zum Produkt des Unternehmens". Erstens gibt es deshalb flexible Arbeitszeiten - sich von zu Hause aus ins Firmennetz einzuloggen sei beispielsweise kein Problem. Zweitens werden regelmäßig die Mobilitätswünsche der ins Ausland entsandten Mitarbeiter abgefragt: Wann will der Ingenieur, der derzeit in Dubai arbeitet, wieder zurück nach Deutschland? Und drittens gibt es billige Flüge für die Mitarbeiter und ihre Familienangehörigen. "Damit bieten wir den Mitarbeitern Anreize, bei unserem Unternehmen zu bleiben - und gut und gern für uns zu arbeiten", sagt Möller.

Schwierigkeiten in der freien Forschung

Allerdings gibt es auch Berufszweige, die das anders sehen. Jobs als Wissenschaftler in der freien Forschung, an Universitäten oder Forschungsinstituten also, sind dünn gesät. "Ich bin froh, wenn ich einen passenden Job finde, an welchem Ort der ist, ist zweitrangig", sagt Alumna Nina Bauer (29). Sie ist wie ihr Freund Biologe (siehe oben). "Bei meinem letzten Vorstellungsgespräch, das zwischen Tür und Angel auf einer Tagung und im Beisein meiner damaligen Chefin stattfand, wies diese meinen potenziellen Chef darauf hin, dass er dann auch einen Job für meinen Freund bereitstellen müsse. Seine Antwort: I don't deal with boyfriends."

Tipps vom Karriere-Coach

Regel 1: Nicht im Trennungsschmerz versinken!

Sonntagabend, 19.21 Uhr, Hauptbahnhof, Gleis acht: Langsam schließen sich die Türen des Zuges. Ein kurzes Winken, dann ist sie da, die innere Leere, die einen zu verschlingen droht. Das Wochenende ist vorbei – und einer bleibt allein auf dem Bahngleis oder in der leeren Wohnung zurück, die eben noch die gemeinsame war. Jetzt hilft nur eins: Ablenkung. Wer allein bleibt, versinkt im Trennungsschmerz, kann nicht richtig abschalten und startet gestresst in die neue Woche. Also lieber mit der besten Freundin "Tatort" gucken oder mit ein paar Kumpels noch auf ein Bier in die Kneipe gehen. Das erleichtert den Übergang von der gemeinsamen Welt in die der Fernbeziehung.

Regel 2: Nicht zu viel erwarten!

Natürlich soll die gemeinsame Zeit perfekt sein: tiefgehende Gespräche und Zärtlichkeit, übersprudelnd vor guter Laune und Liebe. Unser Freuen auf den Anderen ist ein bisschen wie die kindliche Vorfreude aufs Christkind, weshalb der Fernbeziehungsforscher Peter Wendl (siehe oben) auch vom "Weihnachtseffekt" spricht. Das Problem: Wir erwarten viel zu viel – und können dann nur enttäuscht werden. Klar darf man sich vor-freuen – dabei sollte man aber auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Wenn man sich bewusst macht, dass jeder eine Woche mit vielen Eindrücken und auch harter Arbeit hinter sich hat, wenn man bedenkt, dass kleinere Streitereien normal sind – dann werden unsere Erwartungen nicht so leicht enttäuscht.

Regel 3: Nicht die wenige gemeinsame Zeit mit Arbeit zustopfen!

Manchmal lässt sich Wochenendarbeit nicht vermeiden: Wenn wichtige Prüfungen anstehen oder ein Projekt fertig werden muss. Wenn diese Arbeiten ab und an in die gemeinsame Zeit fallen, ist das normal und schlicht nicht zu ändern. Zur Regel aber sollte es nicht werden. Sonst nämlich fühlt sich der Partner schnell zurückgedrängt und hat das Gefühl, nicht wichtig zu sein. Fest vereinbarte gemeinsame Zeit sollte deshalb nicht leichtfertig und auf keinen Fall regelmäßig abgesagt oder mit Arbeit zugestopft werden. Anders sieht es aus, wenn Wochenendarbeit schlicht zum Job oder zum ausgehandelten Arbeitszeitmodell gehört (siehe dazu auch das Interview mit Alumnus Martin Emrich). In diesen Fällen sollte die Arbeit zu einer vorab festgelegten Zeit stattfinden – damit beide Partner sich darauf einstellen und danach die gemeinsame Wir-Zeit genießen können.

Regel 4: Nicht zu viel vornehmen!

Jede gemeinsame Minuten will genutzt sein: mit langen Spaziergängen, einem netten Kinoabend, Museen, einem lustigen Abend mit Freunden... Abwechslung ist gut für die Beziehung - wer sich allerdings zu viel vornimmt, schadet ihr eher. Denn nach einer anstrengenden Woche mit vielen Meetings hat man vielleicht gar keine Lust auf Trubel mit Freunden, nach ausdauerndem Lernen in der Bibliothek will man vielleicht gerade raus und andere Menschen treffen. Statt dann darauf zu hören, was einem selbst gut tut, macht man doch das, was vorab vereinbart wurde. Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl und schlechte Laune, die der Partner zu spüren bekommt. Die gemeinsame Zeit deshalb keinesfalls komplett durchplanen, sondern genug Raum für Spontanes lassen.

Regel 5: Nicht nur am Wochenende sehen!

Die Wochenendliebe ist der Klassiker aller Fernbeziehungen. Aber zwei Tage Zweisamkeit reichen auf Dauer nicht aus, um den Beziehungsakku aufzuladen. Natürlich gibt es noch den gemeinsamen Urlaub – besser aber ist es, wenn sich ein Fernbeziehungspaar etwa alle zwei Monate kleine Zeitinseln gönnt und ein verlängertes Wochenende zusammen verbringt – daheim. Dann stellt sich fast von allein ein gutes Alltagsgefühl ein. Sehr gut eignen sich dafür natürlich Brückentage.

Regel 6: Nicht schweigen!

Das große Problem aller Fernbeziehungen: Das Paar hat keinen gemeinsamen Alltag. Den muss es sich erarbeiten. Und das heißt: reden. Damit der andere Teil meines Alltags wird, muss ich ihm erzählen, welche kleinen Freuden oder auch Probleme ich heute erlebt habe, mit welchen Menschen ich meinen Tag verbracht habe und welche Gedanken mich beschäftigen. Wenn ich mir vorstellen kann, wie mein Partner seine Zeit verbringt, entsteht Nähe, mein Partner wird fast automatisch ein Teil meines Alltagslebens – obwohl uns vielleicht einige hundert Kilometer trennen. Wichtig sind deshalb regelmäßige Telefonate, bei denen über alles gesprochen wird, was mich bewegt; auch über Banales, Kleines, auf den ersten Blick Unwichtiges.

Wie eine Fernbeziehung gelingt

Herr Dr. Emrich, ist eine Fernbeziehung gut für die Karriere?

Grundsätzlich und vor allem kurzfristig: ja. Eine Fernbeziehung beschleunigt vor allem am Anfang die Karriere. Wenn beide Partner räumlich getrennt sind, können sie sich voll auf ihren Job konzentrieren, abends auch mal länger arbeiten – ohne schlechtes Gewissen.

Aber macht man das nicht auch in der Nahbeziehung? Dass es ohne Engagement nicht geht, weiß jeder, der nach oben will.

Stimmt. Allerdings hat jeder Mensch nur eine gewisse Menge an Energie pro Tag. Wenn ich weiß, zu Hause wartet niemand auf mich, ich werde heute Abend vielleicht noch ein Stündchen mit meiner Freundin oder meinem Freund telefonieren, aber sonst bin ich frei, dann kann ich meine ganze Energie in den Job stecken. Dann macht es mir nichts aus, ein bisschen länger zu bleiben. Ich stehe nicht permanent vor der Wahl, noch zu arbeiten oder etwas mit meinem Partner zu unternehmen. Das ist vor allem in der Anfangsphase wichtig. Denn da muss ich mich voll einbringen, mir meinen Job auch erkämpfen. Ich sage deshalb: Im Alter zwischen 25 und 35 ist eine Fernbeziehung ideal. Man darf gern einen Partner haben – aber bitte an einem anderen Ort.

Und dann?

Dann hat man im Idealfall die ersten Sprossen der Karriereleiter erklommen, hat sich etwas aufgebaut und muss nicht mehr täglich beweisen, dass man sehr gut ist. Eine Nahbeziehung bringt dann eine gewisse Ruhe ins Leben. 

Ich sitze im Vorstellungsgespräch. Wir kommen auf das Thema Partnerschaft, Familie. Soll ich sagen, dass ich eine Fernbeziehung führe?

Grundsätzlich gilt: Im Bewerbungsgespräch darf nicht nach dem Lebensmodell gefragt werden. Diese Frage ist ebenso unzulässig wie die Frage, ob mein Gegenüber schwanger ist. Ich darf also lügen.

Sollte ich lügen?

Nein. Denn mit einer Fernbeziehung kann ich wunderbar punkten. Wer eine Fernbeziehung führt, zeigt Mobilität, Flexibilität und Aufgeschlossenheit im Denken. Und signalisiert: Mein Beruf ist mir sehr wichtig. Ich bin sogar bereit, dafür privat zurückzustecken.

Wer eine Fernbeziehung führt, ist aber viel unterwegs.

Noch ein Pluspunkt! Man schafft es, Flüge zu buchen, Bahntickets zu bestellen, die Tasche für ein Wochenende zu packen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn es zeigt eine gewisse logistische Kompetenz. Letztlich ist es egal, ob ich meinen Partner oder einen Auftraggeber in einer anderen Stadt treffe. In beiden Fällen muss ich mich darauf vorbereiten, organisatorisch, aber auch emotional. Ein wunderbares Training für den Beruf. Denn ohne Geschäftsreisen geht zumindest in den höheren Etagen heute fast nichts mehr.

Doch Reisen ist auch anstrengend. Und es geht ins Geld. Wann frage ich am besten nach Sonderleistungen, einem vom Arbeitgeber bezahlten Heimflug etwa oder der Möglichkeit, am Freitag bereits um 15 Uhr gehen zu können?

Als Jobsucher wäre ich da sehr vorsichtig. Im Vorstellungs- gespräch sollte man sein Privatleben auf keinen Fall zum Problem des Arbeitgebers machen. Anders sieht es aus, wenn ein Unternehmen auf mich zukommt, mich unbedingt haben möchte. Oder meine Firma, für die ich schon längere Zeit arbeite, mir ein Projekt in einer anderen Stadt oder einem anderen Land anbietet. Dann kann ich Forderungen stellen und etwa über regelmäßige Heimflüge oder ein verlängertes Wochenende pro Monat verhandeln. Bin ich ein Bewerber unter vielen, muss ich meine Anfrage gut platzieren: Generell eher ein bisschen später im Auswahlverfahren, wenn der Arbeitgeber schon Blut geleckt hat und ich merke: Der will mich haben. Allerdings sollte ich sehr soft fragen, auf keinen Fall fordernd.

Wie könnte so eine Frage lauten?

Ein idealer Zeitpunkt ist, wenn der Arbeitgeber das Thema Work-Life-Balance anspricht. Seine Frage könnte lauten: "Wie haben Sie es bis jetzt geschafft, ein Gleichgewicht zwischen Privat- und Berufsleben hinzubekommen?" Personaler fragen normalerweise in der Vergangenheit, um daraus Schlüsse über das zu erwartende Verhalten zu ziehen. In so einem Moment kann man sehr gut einhaken und beispielsweise erzählen, dass man bei seinem früheren Arbeitgeber freitags immer um 15 Uhr gegangen ist, um mit dem Partner in der anderen Stadt gemeinsam ins Wochenende zu starten. Natürlich habe man die versäumten Stunden unter der Woche nachgearbeitet.

Und wenn es keinen geeigneten Moment gibt?

Dann sollte ich erst einmal anfangen zu arbeiten und die Probezeit abwarten. Die dauert normalerweise ein halbes Jahr. Das ist eine gute Zeit, um mir über mich selbst klar zu werden. Ich muss erst den Job kennen lernen, die Kollegen und meinen Chef, um zu wissen, welche Lösung ideal wäre. Und ich muss meine Beziehung testen. Was möchte ich, was möchte mein Partner? Vielleicht funktioniert die Fernbeziehung ganz wunderbar, vielleicht aber merke ich auch, dass es mir gut tun würde, erst montags zurück zu fahren.

Was nur geht, wenn ich später zur Arbeit komme.

Ja. Und deshalb heißt es: kreativ sein. Ich muss meinem Chef zeigen, dass ich nachgedacht habe, mir neue Ideen gekommen sind. Ich darf nicht als Bittsteller auftreten, sondern als jemand, der sich Gedanken gemacht hat und deutlich zeigt, dass es ihm mit seinem Vorschlag auch um einen Beitrag zur Wertschöpfung im Unternehmen geht.

Beim Montagsbeispiel ist das noch einfach: Die verlorene Zeit kann ich meist ohne Problem unter der Woche nacharbeiten. Was aber, wenn ich vielleicht den ganzen Freitag frei haben möchte, weil mein Partner sehr weit weg lebt?

Ich würde in so einem Fall über flexible Arbeitszeitmodelle nachdenken und beispielsweise anbieten, die verlorene Freitagszeit am Samstag mit Telearbeit nachzuarbeiten. Doch auch hier gilt: Das Unternehmen kommt an erster Stelle. Ich muss also plausibel erklären können, welche Vorteile meine Firma aus dem Arrangement zieht, dem Chef also beispielsweise verständlich machen, dass ich zu Hause effektiv und schnell arbeite, weil mich keine Anrufe stören und ich meine Arbeit nicht für Meetings unterbrechen muss. Und vielleicht anbieten, dass ich während dieser Zeit ganz bestimmte Aufgaben erledige, die nachvollziehbar und kontrollierbar sind.

Fernbeziehungen nehmen zu. Geht es für jemanden, der vorankommen will, überhaupt noch ohne?

Wenn ich in einer Partnerschaft lebe, ist die Bereitschaft, eine Fernbeziehung einzugehen, die Voraussetzung für eine Karriere. Die besten Jobs sind in den seltensten Fällen an dem Ort, an dem ich gerade lebe. Typisch für "Low Potentials" ist, dass sie sich ihren Job dort suchen, wo sie leben und ihre Beziehung pflegen. "High Potentials" fischen bei beiden Dingen überregional.

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