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Deutschlands Wirtschaftsanwälte verdienen blendend

Bürogebäude mit Glasfront

Quelle: freeimages.com, Mattox

Der deutsche Kanzleimarkt kennt keine Krise. Die Branche wächst das zehnte Jahr in Folge.

Schon seit Jahren fordern Rechtsanwälte vom Bundesjustizministerium eine Anpassung ihrer gesetzlichen Gebühren. Auf die Novelle ist die Gruppe der internationalen Großkanzleien und der mittelgroßen Sozietäten nicht angewiesen. Das zehnte Jahr in Folge eilt die Branche von einem Bestwert zum nächsten: Im Geschäftsjahr 2018/19, das in britischen Sozietäten traditionell am 30. April des aktuellen Kalenderjahres endet, haben die 100 umsatzstärksten Kanzleien nach Recherchen des Fachverlags "Juve" 6,8 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das sind 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein die zehn Kanzleien an der Marktspitze steuern mit rund 2,4 Milliarden Euro mehr als ein Drittel dazu bei.

Die Finanzkennzahlen verdeutlichen, wie sehr sich der Diesel-Betrug und die Compliance-Beratung mittlerweile als Sondereffekte auf die personellen Strukturen in den Kanzleien und die Arbeit der Anwälte auswirken. Nur dank abermals aufgestockter Teams, häufig durch befristet beschäftigte Projektjuristen, lassen sich die Vielzahl an Prozessen und internen Untersuchungen stemmen.

Prozesskosten für 1,7 Milliarden Euro

Welches Ausmaß die Mandate aus der Automobilbranche angenommen haben, machte ausgerechnet "Umsatztreiber" Volkswagen auf der diesjährigen Hauptversammlung publik: Die Kosten für die Beratung, Prozessvertretung und Litigation-PR bezifferte der Konzern Mitte Juni dieses Jahres auf mittlerweile 1,77 Milliarden Euro. Für die Rechtsstreitigkeiten in den Vereinigten Staaten vertraute man aus naheliegenden Gründen auf amerikanische Kanzleien.

Betrachtet man dagegen das diesjährige Spitzentableau für Deutschland ist es fast unmöglich, eine Kanzlei zu finden, die nicht vom Volkswagen-Konzern, einer seiner Tochtergesellschaften oder vom Zulieferer Bosch mandatiert worden ist. In dem jährlichen Umsatzranking trifft das vor allem auf Freshfields Bruckhaus Deringer zu (442 Millionen Euro). Mit einem Wachstum um 9 Prozent verteidigt die Kanzlei abermals ihren Spitzenplatz vor CMS Hasche Sigle (323 Millionen Euro) und Hengeler Mueller (249 Millionen Euro) – gerade wegen ihrer umfassenden Arbeit für VW im Abgasskandal.

Obwohl Freshfields im Vergleich zum Vorjahr mehr Junganwälte einstellte, ließen sich die nunmehr 65.000 Einzelklagen gegen Volkswagen und Vertragshändler gar nicht mehr bewältigen. Notwendig, und in Vergangenheit erprobt, koordiniert sie mehr als 20 Sozietäten, unter denen laut "Juve" KPMG Law (110 Millionen Euro), Buse Heberer Fromm (36.1 Millionen Euro) und die britische Sozietät Pinsent Masons (34,1 Millionen) am deutlichsten vom Sondereffekt "Diesel" profitieren.

Viele Kanzleien profitieren vom Sondereffekt

Bereits das zweite Jahr in Folge zehren im Spitzenfeld mit Luther (190 Millionen Euro) und Heuking Kühn Lüer Wojtek (177 Millionen Euro) zwei fachlich breit aufgestellte Einheiten von den Diesel-Prozessen: Mit 30,9 beziehungsweise 18,4 Prozent verzeichneten sie die sprunghaftesten Zuwächse. Allerdings zeigt ihr durchschnittlicher Umsatz je Berufsträger, der in beiden Fällen unter der Schwelle von 500.000 Euro liegt, dass dieses Wachstum durch den kurzfristigen Aufbau personeller Ressourcen bedingt ist und nicht durch eine Produktivität in der gesamten fachlichen Breite hinterlegt wird.

Den Gegenentwurf stellen Noerr (229 Millionen Euro) und Hogan Lovells (219 Millionen Euro) dar. Sie können die sonderkonjunkturelle Nachfrage dank ihrer renommierten Fachbereiche im Prozess- und Produkthaftungsrecht auffangen, und setzen dies auch positiv in die durchschnittlichen Werthaltigkeit der Mandate um. Hogan Lovells, auf die BMW in einer internen Untersuchung setzte, zieht sogar im Ranking an Linklaters vorbei.

Die britische Kanzlei (213 Millionen Euro) erreichte nur ein leichtes Wachstum. Dennoch zeigt sich das Management zufrieden. "Im vergangenen Jahr konnten wir beendete Mandate wie das Toll-Collect-Schiedsverfahren oder die Beratung der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein beim Verkauf der HSH Nordbank nahtlos mit neuen Projekten kompensieren", sagt Andreas Steck, Senior Partner von Linklaters in Deutschland. Seinen Worten nach ist die Sozietät damit nicht anfällig für Sondereffekte wie mancher Wettbewerber.

Unter weitsichtigen Managern ist von einem Klumpenrisiko die Rede. Zwar könnten sich die Verbraucher-und Aktionärsklagen in der Automobilbranche noch einige Jahre hinziehen. Sollte es im kommenden Jahr ein höchstrichterliches Urteil geben, könnte diese lukrative Einnahmequelle schnell versiegen. Dieses Ausfallrisiko wollen die Großkanzleien, insbesondere mit angloamerikanischen Hintergrund umgehen. Ein stärkeres Bekenntnis zur Digitalisierung ist für sie ein Mittel zum Zweck. Manche gründen eigene "Tech Labs", andere kooperieren mit Start-Ups.

Linklaters investiert nach Stecks Worten in ein Geschäftsfeld mit "eigentlich nicht anwaltlichen Tätigkeiten", das zu einem kleinen Teil zu den Umsätzen in Deutschland beiträgt. "Legal Operations ist noch ein junger, wachsender Bereich, in dem wir Projektjuristen und IT-Spezialisten zusammenbringen", berichtet der Anwalt. Perspektivisch steht Linklaters damit in bestimmten Feldern zusätzlich im Wettbewerb mit Beratungsgesellschaften wie Pwc und Boston Consulting Group. "Ich sehe uns schon jetzt in Konkurrenz zu den Professionell-Services-Firmen", betont Steck.

Aus seiner Sicht haben diese Spieler aufgrund ihrer Größe und Unternehmensstruktur Vorteile gegenüber den partnerschaftlich organisierten Wirtschaftskanzleien. "Sie haben ein deutlich größeres Investitionsvolumen, weshalb es für uns umso mehr darauf ankommt, aus der eigenen Beratungserfahrung effiziente Lösungen zu entwickeln."

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