Partner von:

Bloß kein Neid!

Business, Frau, Lächeln, Arbeit [Quelle: pixarbay.com, Autor: Nastya Gepp]

Quelle: pixarbay.com, Nastya Gepp

Viele Unternehmen belohnen innovative Mitarbeiter mit Traum-Bedingungen: hippe Büros, Freiraum, Start-up-Spirit. Sie müssen aber aufpassen, dass kein böses Blut entsteht.

Sebastian Koepl ist weder Unternehmer noch Vorstandschef. Trotzdem erinnern seine Arbeitsbedingungen an beides: "Ich kann mir zurzeit aussuchen, wann und wo ich arbeite und wie ich dabei im Detail vorgehe", sagt er. Dabei ist Koepl eigentlich bloß ein ganz normaler Angestellter des Telekommunikations-Riesen Vodafone. Auch Koepls Kollege Joscha Schulte weiß die Vorzüge an seinem aktuellen Arbeitsumfeld zu schätzen. Ähnlich wie Koepl, der nach seinem Studium in Leipzig vor vier Jahren ins Berufsleben wechselte, ist auch er nur sporadisch im Büro anzutreffen. Stattdessen tingelt er während der üblichen Arbeitszeit zu Beratern oder trifft erfahrene Start-up-Gründer, um Ideen zu entwickeln oder Konzepte auf Markttauglichkeit abzuklopfen.

Koepl und Schulte verdanken diese Arbeitsbedingungen einer Gründerinitiative, die Vodafone Deutschland jüngst aus der Taufe hob. Unter dem schmissigen Titel "Uplift Me" will die Tochtergesellschaft des britischen Mobilfunkers ihrer Belegschaft mehr Gründergeist einhauchen: Einige der 14.000 Mitarbeiter hierzulande dürfen sich im Rahmen dieses Projektes zeitweise als Jung-Unternehmer profilieren. Die Voraussetzung: eine zündende Idee. Die finanziellen Risiken des Engagements nimmt der Arbeitgeber in Düsseldorf seinen Mitarbeitern ab, indem er sie von ihren anderen Aufgaben zeitweise freistellt und ihnen Zugang zu den internen Ressourcen verschafft.

"Unsere Entrepreneure im Haus können für einen Zeitraum von sechs Monaten bei vollem Gehalt die Hälfte ihrer Arbeitszeit zum Tüfteln nutzen", verspricht Hannes Ametsreiter, Vorstandschef von Vodafone Deutschland. Gelingt es den Talenten, eine Fachjury von ihren Qualitäten zu überzeugen, können sie mit der Unterstützung von Marketing und Vertrieb rechnen, um ihre Ideen oder Produkte an die Kundschaft zu bringen. Laut Ametsreiter wurden Innovationen aus dem eigenen Hause lange sträflich unterschätzt und daher kaum gefördert. Doch den Luxus, die wertvollen Potentiale im Konzern nicht auszuschöpfen, werde sich kein Unternehmen mehr leisten können.

Zwei Geschwindigkeiten im Unternehmen

Mit seiner Sichtweise ist er nicht allein: In Deutschlands Personalabteilungen macht derzeit ein Wortungetüm die Runde: Ambidextrie. Übersetzt heißt das "Beidhändigkeit", sagt Josephine Hofmann, die den Bereich Zusammenarbeit und Führung im Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) leitet. "Unter Ambidextrie versteht man das Aushalten und gute Managen von unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten in einem Unternehmen", sagt sie.

Das ist mit der Digitalisierung nötiger geworden denn je: Hofmann zufolge verstärkt sich der Trend, dass sich Unternehmen neben ihrem etablierten Kerngeschäft, Innovationsteams oder ganze Innovationseinheiten schaffen, die nach anderen Regeln arbeiten und eine Art Start-up-Kultur leben. "Manche gehen mit solchen Innovationseinheiten gezielt ins hippe Berlin, manche stellen dafür extra neue und meist jüngere Leute ein. Viele verordnen sich auch andere Bürokonzepte oder eine neue Meeting-Kultur." Die Notwendigkeit, Innovationen zu fördern, habe es zwar immer schon gegeben, sagt Hofmann. Aber: "Es gibt eine neue Dringlichkeit, weil Unternehmen sonst drohen an den aktuellen Herausforderungen, besonders durch die Digitalisierung, zu scheitern." Aus dieser Dringlichkeit sei der Trend entstanden, dass Unternehmen Teams oder ganze Einheiten voranschicken, um zu innovieren.

So machte es auch Vodafone mit Sebastian Koepl und Joscha Schulte: Den Tüftlern, die normalerweise an der Verkaufsfront und in der Mitarbeiterschulung tätig sind, kam im Büro die Idee, eine neue App zu entwickeln, mit deren Hilfe selbst technische Laien einen Router fachgerecht installieren können. Über mehrere Wochenenden hinweg werkelten beide an einer Anwendung, die jeden marktüblichen Router mit der Handykamera scannt und auf dieses Live-Bild dann die wichtigsten Schritte zur Installation mit der Technik von Augmented Reality aufspielt.

Gründerflair für behäbige Unternehmen

Durch ihre zeitweise Freistellung von der Arbeitszeit konnten Koepl und Schulte ihr Produkt schließlich bis zur Marktreife weiterentwickeln; mittlerweile ist es fester Bestandteil des Angebots von Vodafone. Die Geschichte der beiden Innovatoren diente dem Konzern als Vorbild, um sein neues Gründerprogramm zu schaffen, das nun allen Mitarbeitern offensteht, deren Ideen die interne Jury überzeugen.

"Das Vorgehen ist bestens geeignet, um Mitarbeiter zu motivieren oder die Kultur im Unternehmen zu prägen", urteilt Stefan Groß-Selbeck. Er weiß, wovon er spricht. Denn seine Aufgabe ist es, behäbigen Unternehmen das nötige Gründerflair zu verpassen. Der ehemalige Deutschland-Statthalter von Ebay und Chef des Berufsnetzwerkes Xing ist bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) globaler Leiter des Bereichs "Digital Ventures". Dort sind 200 Mitarbeiter im Einsatz, um Kunden aus der Industrie zu beraten, ihre bestehenden Geschäftsmodelle aufzufrischen oder sogar selbst Geschäftsideen zu entwickeln. Nach Ansicht von Groß-Selbeck biete das Vodafone-Konzept durch den Umweg, die eigenen Mitarbeiter zu Gründern zu machen, einen einmaligen Vorteil: Jedes Aus für eine Geschäftsidee wird nicht automatisch zum Karrierekiller für ihren Schöpfer: "Wir brauchen heute eine Kultur in Unternehmen, in der das Scheitern von Projekten ausdrücklich akzeptiert und nicht bestraft wird", fordert der BCG-Mann.

Große Herausforderungen für Chefs

Wer innovativen Mitarbeitern eine solche Sonderbehandlung zukommen lässt wie Vodafone, läuft allerdings Fachleuten zufolge auch Gefahr, dass bei den übrigen Kollegen Zwist aufkommt. Ametsreiter wiegelt ab: "Wir haben unsere Organisation bereits 2012 umgebaut, um für flache Hierarchien zu sorgen und Präsenzpflicht abzuschaffen", sagt er. Ob das reicht? Neue Untersuchungen zur Ambidextrie, also zu den unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten in Unternehmen, zeigen jedenfalls, dass riesige Führungsherausforderungen damit einhergehen.

Eine Befragung der Personalvermittlung Hays, die 218 Führungskräfte aus großen Unternehmen mit speziellen Innovationsteams interviewt hat, förderte zutage: Fast zwei Drittel der Befragten beklagten Differenzen zwischen den normalen Mitarbeitern und innovativen Projektteams aufgrund "kultureller Konflikte wegen unterschiedlicher Wertekanons". Fast genauso viele berichteten von "Wertschätzungskonflikten".

nach oben

Wer weiß, was seine Qualifikationen wert ist, hat beim Gehaltspoker bessere Karten. In unserer großen Gehaltsdatenbank kannst du nachsehen, was andere e-fellows in deiner Position verdienen.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren