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"An diesem Abend leerte ich eine ganze Flasche Wodka"

Vodka, Flasche, Alkohol [Quelle: unsplash.com, Autor: Jacalyn Beales]

Quelle: unsplash.com, Jacalyn Beales

Gescheiterte Gründer, Chefs und Angestellte erzählen bei den Fuckup-Nights von ihren größten Pleiten. Zwei Geschichten von Vollkatastrophen im Job.

Des einen Scheitern ist des anderen Erfolgskonzept. Vor sechs Jahren kamen fünf Freunde aus Mexiko-Stadt auf die Idee, Geschichten von Pleiten und beruflichem Versagen als ein Event zu inszenieren. Bei den Fuckup-Nights stellen sich Menschen auf die Bühne und erzählen, wie sie ihren Job verloren haben, insolvent gegangen sind oder ihr Unternehmen an die Wand gefahren haben. Einige halten sogar eine Power-Point-Präsentation über ihr Versagen. Und das Publikum beklatscht sie wie Rockstars.

Das Konzept war so erfolgreich, dass die offizielle Seite der Fuckup-Nights inzwischen Ableger in 252 Städten weltweit listet. Allein in Deutschland gibt es über ein Dutzend Fuckup-Nights, in Großstädten wie Berlin und Leipzig, aber auch in Gütersloh. Der prominenteste Sprecher dürfte Christian Lindner gewesen sein. 2016 erzählte er bei einer Frankfurter Fuckup-Night über das Scheitern seines Start-ups, das er im Jahr 2000, während seines Studiums, mit drei Freunden gegründet hatte. Dass das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit zwei Millionen Euro verbrannt hat, und wie es überhaupt hieß – Moomax GmbH –, erwähnte er lieber nicht. Aber zumindest machte er Witze darüber, dass er als Schüler einen Porsche fuhr.

"Auf der Bühne die Hose runterlassen – das ist extrem wertvoll", sagt Marco Weicholdt, 31. "Jeder Lebenslauf erzählt nur das Schönste. Dabei ist Ehrlichkeit sehr befreiend." Zusammen mit Freunden veranstaltet er etwa sechsmal im Jahr die Leipziger Fuckup-Nights, zu denen bis zu 500 Leute kommen. Warum geben die Menschen Geld dafür aus, einen Verlierer zu sehen, anstatt ins Kino zu gehen?

"Ich glaube, der Erfolg der Fuckup-Nights liegt darin, dass wir in Deutschland gesellschaftlich noch nicht so weit sind, offen übers Scheitern zu sprechen", sagt Weicholdt. Das Interesse der Zuschauer liege auch ein bisschen an Voyeurismus und Schadenfreude, "aber vor allem geht es ihnen darum, zu sehen: Jeder hat Krisen und man kommt wieder auf die Beine". 

Doch was ist mit den Menschen, die sich nicht von ihrem Scheitern erholt haben? "Die, die nicht wieder aufgestanden sind, stellen sich nicht auf die Bühne", sagt Weicholdt. Und somit kranken die Fuckup-Nights genau daran, woran auch die "Kultur des Scheiterns" mit ihren Nachrufen auf pleitegegangene Start-ups schwächelt: Über das Versagen sprechen nur die, die es letztendlich in Erfolg münzen konnten. Trotzdem: Dass Menschen auf der Bühne ehrlich über ihr Versagen sprechen, ist zumindest ein Anfang. Und macht Mut. Deswegen veröffentlichen wir zwei Geschichten das Scheitern im Beruf, die auf den Bühnen der Fuckup-Nights erzählt wurden. 

"Das war der GAU"

Lydia Krüger, 45, verriet als Pressesprecherin einem Journalisten versehentlich ein Geheimnis. Am nächsten Tag standen in 400 Medien die schlechten Nachrichten, die ihr Arbeitgeber auf keinen Fall in der Öffentlichkeit sehen wollte.

Ich war eine erfahrene PR-Beraterin, hatte schon vier Jahre als Pressesprecherin einer großen Krankenversicherung gearbeitet und dabei schon einige Krisen gemeistert. Ich war also nicht komplett unfähig, das ist mir wichtig zu erwähnen. Dann kam der Zusatzbeitrag. Dieser Beitrag wurde 2010 gesetzlich eingeführt und war eigentlich eine ziemliche Gemeinheit des Gesetzgebers: Krankenkassen, die mit ihrem Geld nicht auskamen, mussten zusätzlich acht bis zehn Euro im Monat einziehen – heute würde man sagen, ein Netflix-Beitrag. Die Versicherten wurden jeden Monat aufs Neue per Kontoauszug daran erinnert, was für eine unfähige Krankenkasse sie hatten. In Wirklichkeit war natürlich alles viel komplizierter: Stichwort "Gesundheitsfonds" und "Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich". Aber das interessierte niemanden – für die Öffentlichkeit gibt es nur einfache Wahrheiten.

Wir hatten also wahnsinnige Angst vor dem Zusatzbeitrag. Als Versicherung lebt man ja von den Beiträgen der Mitglieder – es tut weh, wenn sie gehen. Wie würden sie reagieren? Standen gar unsere Arbeitsplätze auf dem Spiel? Die Situation war äußerst angespannt. Meine Krankenkasse wusste, dass wir zu den ersten gehören würden, die den Zusatzbeitrag einführen müssen. Und es war klar, dass die Presse nur darauf wartete, wer zuerst die schlechten Nachrichten verkündete. Es war ein bisschen wie Krankenkassenmikado: Wer zuerst zuckt, verliert.

Deshalb beschloss mein Unternehmen, dass wir uns mit anderen Krankenversicherungen zusammentun und gemeinsam vor die Presse treten. Indem wir uns gemeinsam zum ungeliebten Zusatzbeitrag bekannten und den Einführungstermin verkündeten, stünde keine Krankenkasse allein als Buhmann im Rampenlicht. Wenn es eine heftige Reaktion der Öffentlichkeit geben sollte – und davon gingen wir aus – träfe sie uns alle gleichzeitig. Wir organisierten also mit ungefähr zehn weiteren Krankenkassen eine gemeinsame Pressekonferenz, stimmten das Pressematerial ab und schickten die Einladungen an die Journalisten raus.

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