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Arbeit wurde nicht erfunden, um uns glücklich zu machen

Müde, träge, unmotiviert, Müdigkeit, Trägheit [Quelle: unsplash.com, Autor: Berwin Coroza]

Quelle: unsplash.com, Berwin Coroza

Moderne Ratgeber sind sich einig: Wer ohne Leidenschaft arbeitet, muss etwas ändern. Ein Buch rät aber, nicht zu sehr für seinen Job zu brennen. Ein Treffen mit dem Autor.

Jobanzeigen sind ein bisschen wie Instagram: Zuerst schüttle ich den Kopf ob des menschlichen Bedürfnisses, banale Aktivitäten wie frühstücken als Hochglanzfotostrecke zu inszenieren. Aber dann wurmt es mich doch ein bisschen: Warum haben alle anderen schönere Möbel, schönere Sonnenuntergänge, schönere Müslis? Mit Stelleninseraten ist es ähnlich. Da wird Verstärkung für ein "junges, engagiertes, gut gelauntes Team" gesucht oder "erfüllende wie herausfordernde Arbeit" angeboten. Dass die Jobbeschreibung wohl genauso viel mit der Realität zu tun hat wie ein Instagram-Leben mit dem echten, ist mir schon klar: Bei dem ersten zitierten Angebot handelt es sich um einen Job im Tierheim, bei dem zweiten um ein Gesuch für eine Haushaltshilfe im Kindergarten. Trotzdem bleibt am Ende ein Nachgeschmack: Haben alle anderen mehr Erfüllung, weniger Routine, stehen sie morgens besser gelaunt auf als ich?

Nein, ich suche nicht nach einem neuen Job. Ich finde meinen ziemlich gut. Aber als ich noch auf der Suche war, war ich baff, wie viele aufregende Aufgabenfelder und persönliche Wachstumsmöglichkeiten draußen auf mich warteten. Und auch wenn man diesen Jobanzeigen-Sprech durchschaut, bleibt das Gefühl: Wer seinen Job nicht spannend findet, macht etwas falsch. Ich kenne Freunde, die ihre Traumstelle bekamen und nach ein paar Monaten wieder nach einer neuen Ausschau hielten. Nicht weil die Arbeit schrecklich war. Sondern weil der Montag sich immer noch wie ein Montag anfühlte. Und die "erfüllende Tätigkeit" ihnen gelegentlich trotzdem zum Hals raushing. Wenn ich morgens im Regen seit 35 Minuten auf den verspäteten M29-Bus in Berlin-Kreuzberg warte und es mittags in der Kantine auch noch Sauerkrautauflauf gibt, frage ich mich gelegentlich auch, ob es einen Job gibt, für den ich so viel Leidenschaft spüre, dass ich trotz allem auf dem Weg zur Arbeit strahle.

Überhaupt scheinen Menschen in Deutschland nicht besonders glücklich am Arbeitsplatz zu sein, wenn man der Umfrage  der Jobbörse Stepstone unter 14.800 europäischen Arbeitnehmern und -gebern glaubt. Auf einer Skala von eins ("sehr unglücklich") bis zehn ("sehr glücklich") bewerteten Deutsche ihre Zufriedenheit am Arbeitsplatz mit weniger als fünf Punkten. Aber auch die anderen Europäer waren im Schnitt nicht viel glücklicher: 5,5 Punkte gaben sie ihrem Glück am Arbeitsplatz. Und in einer Umfrage des Bundesarbeitsministeriums zeigte sich: Nur ein Fünftel der Befragten fühlte sich dem persönlichen Idealbild von Arbeit bereits nah.

Das Glücksversprechen macht uns bei der Arbeit unglücklich

Was läuft da falsch? Glaubt man den meisten Ratgebern, ist das Problem stets: Die Menschen haben den falschen Job. Oder: Sie haben die falsche Einstellung. Und dann gibt es seit einem Jahr dieses Buch auf dem Markt, das das Gegenteil behauptet. "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss" von dem Autor Volker Kitz. Er fragt sich darin: Wurde Arbeit wirklich erfunden, damit Feuerwehrleute Spaß beim Einsatz haben und Ärzte einen Lebenssinn finden? Oder ist sie eher dazu da, damit Brände gelöscht und Patienten gerettet werden? Seine These: Es ist genau dieses Glücksversprechen, das uns bei der Arbeit so unglücklich macht. Sein Vorschlag: Statt den Fehler bei uns selbst oder in der Arbeit zu suchen, sollten wir die Arbeit wieder nüchterner betrachten. Als eine Tätigkeit, welche die Gesellschaft braucht – und die Lebenshaltungskosten des Arbeiters bezahlt.

So weit, so erfrischend. Nur: Volker Kitz hat selbst eine sichere Berufslaufbahn aufgegeben, um Autor zu werden. Er ist promovierter Jurist, arbeitete als Rechtsanwalt, dann in der Rechtsabteilung eines Verbandes – und verzichtete dann auf diese Karriere, um Bücher zu schreiben. Und ausgerechnet er schreibt ein Plädoyer darüber, dass Leidenschaft für den Job nicht so wichtig sein soll? Ich verabrede mich mit Kitz auf ein Bier an einem Freitag nach der Arbeit, um mit ihm über diesen Widerspruch zu sprechen. Aber erst mal: Prost! Wir stoßen auf den Feierabend an und Kitz erzählt, dass die Idee für das Buch ihm genau so gekommen sei – bei einem Feierabendbier. Offensichtlich bin ich längst nicht die Einzige mit den hadernden Freunden.

"Nach zwei Bier fangen viele an, sich zu beschweren. Meistens geht es um zwei Themen: Partnerschaft und Arbeit. Viele sind zum Beispiel unzufrieden damit, dass ihre Arbeit nicht so aufregend ist, wie sie dachten. Oder dass sie sich in ihrem Job nicht hundertprozentig entfalten können", erzählt er. "Und alle glauben, ihre Probleme seien ganz individuell. Dabei geht es den meisten ähnlich. Ich glaube, viele Menschen haben nicht so sehr ein Problem mit Arbeit an sich, sondern mit den Erwartungen, mit denen sie heute überladen ist."

Trotzdem: Ist eine Vorstellung von Arbeit als bloßer Tausch von Lebenszeit gegen Geld nicht auch ganz schön traurig? Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2016 haben 15 Prozent der befragten Mitarbeiter innerlich gekündigt, 70 Prozent aller Deutschen machen nur Dienst nach Vorschrift. "Dienst nach Vorschrift hat keinen guten Ruf. Aber was sollen die Menschen denn machen? Dienst gegen Vorschrift?", sagt Kitz. "Neulich beschwerte sich bei mir ein Chef: 'Ich habe eine Mitarbeiterin, die immer pünktlich nach Hause geht. Was soll ich da machen?' Ich habe ihn gefragt, ob diese Mitarbeiterin schlechte Arbeit leistet. 'Nein, nein, sie macht alles super', sagte er. Und genau das ist die Einstellung, die ich falsch finde: Befördert wird nur, wer gestresst wirkt. Dabei sind nicht nur Menschen, die Überstunden machen, gute Mitarbeiter. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Wenn jemand nach Feierabend Aufgaben erledigt, heißt das zunächst, dass er sie tagsüber nicht erledigt hat."

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