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Unser flottes Büro

Coworking-Space Zusammenarbeiten-Raum Büro [Quelle: unsplash.com, Autor: Helena Lopes]

Quelle: unsplash.com, Helena Lopes

Bunte Sofas, grelle Hocker – wer kreativ sein will, muss sich verändern. Deshalb hat die F.A.Z.-Redaktion mal kräftig umgebaut.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, auch einem höhenverstellbaren Konferenztisch. Unzählige Male wurde er in den vergangenen Tagen schon hoch- und wieder heruntergefahren, seitdem er im Konferenzraum steht. Inzwischen wurde schon jede Höhe durchgespielt, selbst die Zwischengrößen. Noch immer ertönt dann ein vielstimmiges "Ah" und "Oh", als hätte man es nicht mit einem funktionalen Möbelstück, sondern mit einer ungewöhnlichen Kunstinstallation zu tun.

Noch ungestümer geht es zu, wenn der neue Loungebereich besichtigt wird, dabei liegt er in einer bisher eher toten Zone; in einem voll belegten Bürogebäude findet sich kein besseres Plätzchen. Dort steht nun eine strahlend grüne Sofa-Box, auf der reihum Probe gesessen wird. Es ist eindeutig das gemütlichste Stück im ganzen Haus. Für Ausrufe wahlweise des Entzückens oder der Verwunderung sorgen bunte Plastiksitze in Rot, Grün und Grau, auf denen sich reiten lässt wie auf einem Pferd. Nicht wenige Kollegen versuchen genau das. Sie beginnen schon damit, als die Handwerker noch dabei sind, die neue Arbeitswelt aufzubauen. Noch während sich die Pappkartons und Verpackungsfolien stapeln, schlittern die Hocker schon über den Teppichboden.

Das ganze Tohuwabohu haben wir "Designfunktion" zu verdanken, einem Beratungsunternehmen für Bürogestaltung. Dort kam man nach einem Interview für unsere Serie "Anders arbeiten" auf die Idee, testweise unsere Arbeitsräume umzugestalten. Schließlich ist die deutsche Wirtschaft gerade dem "Mock-up-Rausch" verfallen. In den vergangenen Jahren sind etliche Unternehmen umgezogen oder haben sich grundsaniert und in Vorbereitung darauf solche temporären Pilot-Flächen eingerichtet. Etliche andere (auch diese Zeitung) haben es noch vor.

Eine wahre Managerkarawane zog in den vergangenen Jahren ins Silicon Valley auf der Suche nach der neuen Unternehmenskultur, doch das ist längst nicht alles. Inzwischen pilgern die Teams aus den Personalabteilungen dieser Republik hinterher, fahren nach Dublin in die Firmenzentralen von Google oder Airbnb, zu Bloomberg nach London, zu Merck nach Darmstadt oder zu Fraport in Frankfurt oder mieten sich in neue Coworking-Spaces ein, um sich an der neuen Bürokultur zu ergötzen. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat einen Innovationsverbund "Office 21" ins Leben gerufen, und Arbeitsforscher und Architekten predigen eisern, der Mensch sei flexibler als gedacht. Letztlich schöpft er aus dem Neuen Kraft, schließlich ändere sich auch in der Natur ständig etwas, wechselten die Jahreszeiten, die Temperatur, die Lichtverhältnisse und die Gerüche. Deshalb sei in Wahrheit auch die stetige Veränderung willkommen.

Hält das auch länger als ein paar Tage?

Nicht wenige Personalverantwortliche kommen von diesen Büro-Touren völlig berauscht wieder, bereit, sofort das eigene Büro umzukrempeln, hippe Großraumflächen mit Rutschen und Bällebädern einzurichten, während die Daheimgebliebenen um ihre Einzelbüros mit Yucca-Palme bangen. Und so ganz unrecht haben sie nicht, geht es doch letztlich bei der Umgestaltung auch allzu oft darum, den Drang zur Platz- und Kostenersparnis durch bunte Möbel zu vertuschen. Da stellt sich automatisch die Frage: Ist dieser Rausch gesund? Und vor allem: Hält er auch tatsächlich länger als ein paar Tage?

Das wollen wir wissen, deshalb kommen eines Tages voller Elan zwei Berater vorbei, eine Dame und ein Herr, um die Örtlichkeiten zu begutachten. Beide sind sehr höfliche Menschen, deshalb war ihnen erst einmal nichts anzusehen, als sie unseren Konferenzraum betraten. Die Dame, zuständig für Konzeption und Planung, ist die Erste, die mit der Sprache herausrückt. "Nun ja, das Ganze wirkt etwas eingefahren", druckste sie herum. Ein alter Beratertrick? Jedenfalls zeigt er Wirkung. Automatisch geht man auf Distanz zu diesem Raum, den man doch bis dato ganz annehmbar fand: Ein großer Konferenztisch aus Holz, durchaus edel, aber unaufgeregt, dunkle Stühle, noch ganz neu, ansonsten aber zwei Arbeitsplätze im Design der guten alten achtziger Jahre. Außerdem ein überdimensionierter Drucker und kahle Wände, weil sich irgendwie nichts massentaugliches finden ließ. "Ich weiß, es ist etwas schlicht", sage ich. "Nein, das ist es nicht", sagen die Berater freundlich. "Schlicht kann ja sehr schön sein."

Da kommt das Gefühl auf, beim Psychiater auf der Couch zu liegen – zusammen mit dem restlichen Team. Das ist für heutige Zeiten nichts Ungewöhnliches, in denen Büros keine schlichten Arbeitsstätten, sondern gleich ganze Lebenswelten darstellen sollen. Aber es weckt das Bedürfnis, beim Gespräch die Tür zu schließen. Dann hagelt es Fragen: Wie alt sei die Mannschaft, wie technikaffin und wie offen für Neuerungen? Wann und wie lange werde getagt, und wer nehme daran teil? Wie sind unsere Tagesabläufe sonst so? Und wie gelingt der Austausch mit dem Rest des Hauses? Dabei machen sich die Berater Notizen, nicken wissend und lächeln freundlich. Die beiden, so scheint es, haben in ihrem Leben schon viel ausgelatschte Auslegware dezent zur Kenntnis genommen.

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