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Weniger ist mehr

Wecker, Uhr, Schreibtisch, Zeit [Quelle: unsplash.com, Autor: freestocks]

Quelle: unsplash.com, freestocks

Ein Bielefelder Unternehmer schickt seine Mitarbeiter um 13 Uhr nach Hause. Jeden Tag, bei vollem Gehalt. Kann das funktionieren?

Luca Anzaldo will heute pünktlich Feierabend machen. Nicht weil er es besonders eilig hat oder weil er später noch verabredet ist und sich nicht verspäten will. Sondern weil Arbeit, wie er sagt, längst nicht alles im Leben ist. Es ist 11 Uhr. Seit 8 Uhr ist er im Büro. Noch zwei Stunden, dann packt er seine Sachen zusammen, fährt den Computer herunter, zieht die Jacke an und geht los. Um 13 Uhr ist für ihn Schluss. Genauso wie für alle seine Kollegen. Und das jeden Tag.

Hier, im sechsten Stock eines Bürogebäudes in der Innenstadt von Bielefeld, startete vor gut zwei Jahren ein Experiment, das es so in Deutschland noch nie zuvor gegeben hat. Lasse Rheingans, Geschäftsführer der IT-Agentur "Digital Enabler", ist der erste Unternehmer in Deutschland, der seine Mitarbeiter nach fünf Stunden Arbeit in den Feierabend entlässt – und das bei vollem Gehalt.

Neben Anzaldo hat Rheingans 15 weitere Angestellte, die nach 13 Uhr die Arbeit ruhen lassen. Nachmittags gearbeitet wird nur in Ausnahmefällen. Der Chef besteht darauf, dass alle möglichst pünktlich gehen. Warum? "Weil Menschen nicht acht Stunden am Tag konzentriert arbeiten können." Auf die Mittagspause folge ein "Produktivitätstief". Die Stunden danach könne man sich auch sparen.

Die Idee, weniger zu arbeiten, entspricht der Sehnsucht vieler Arbeitnehmer. Galt es früher als Statussymbol, als Letzter im Büro das Licht auszumachen, wünschen sich viele heute eine Vier-Tage-Woche oder wenigstens einen frühen Feierabend. Die Work-Life-Balance ist kein Hirngespinst der jungen Leute. Umfragen bei der Bahn und der größten deutschen Gewerkschaft IG Metall zeigen, dass der Wunsch generationenübergreifend ist: Die Mehrheit der Deutschen will lieber mehr Freizeit als mehr Geld.

Auch in der Politik werden immer häufiger Forderungen laut, mit der Arbeitszeit zu experimentieren. 2018 etwa setzte die IG Metall in ihren Tarifverhandlungen durch, dass Arbeiter für zwei Jahre ihre Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden verkürzen dürfen. Unterstützung bekamen sie auch von den Grünen. Linken-Politikerinnen wie Katja Kipping und Sahra Wagenknecht gehen gedanklich noch weiter und sprechen sich mittelfristig für eine 20-Stunden-Woche mit auskömmlichen Löhnen aus. Und in Großbritannien versprach die oppositionelle Labour Party, im Falle eines Wahlsiegs die Wochenarbeitszeit im Land auf 32 Stunden zu senken – bei vollem Lohnausgleich.

Ständig gestresst

Das Bielefelder Pilotprojekt will für mehr stehen als nur für ein paar Stunden weniger Arbeit. Rheingans stellt die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten wollen. So wie bisher, findet er, gehe es jedenfalls nicht weiter. Die Forschung gibt ihm recht: Studie um Studie zeigt, was das viele Arbeiten mit den Menschen anrichtet. Sie stehen unter Strom, werden häufiger körperlich und psychisch krank. Es tut demnach nicht gut, 40 Stunden oder mehr zu arbeiten. Nach einer Auswertung der Techniker Krankenkasse fühlen sich 80 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland ständig gestresst.

Auch eine ganze Reihe von Arbeitsforschern argumentiert mittlerweile gegen die 40-Stunden-Woche. Einer davon ist Morten Hansen. Fünf Jahre lang hat der Management-Professor der Universität Berkeley die Arbeitsweise von 5.000 Managern und Arbeitnehmern untersucht. Sein 2018 erschienenes Buch "Great at Work" liest sich wie eine Abrechnung: "Wir haben viele Leute, die sich ein massives Pensum aufhalsen und sich damit brüsten, wie beschäftigt sie sind", bemängelt der Forscher. Ein Zeichen für Erfolg sei das nicht: "Smarte Arbeitnehmer arbeiten weniger, dafür konzentrierter und selektiver."

Eiserne Disziplin nötig

Wer in Deutschland eine Vollzeitstelle besitzt, verbringt laut Statistischem Bundesamt im Schnitt rund 41 Stunden in der Woche im Job. Zwar wird unter dem Stichwort "New Work" mittlerweile so ziemlich alles ausprobiert, was die Strukturen der Arbeitswelt irgendwie aufbrechen könnte: Feste Büroarbeitsplätze werden abgeschafft, das Home Office eingeführt, Teilzeitkräfte zu zweit auf eine Führungsposition gesetzt. An die Arbeitszeit aber wagt sich kaum ein Firmenchef ran. Im Gegenteil: Vor allem junge Menschen mit Karrierehoffnungen dehnen ihre Arbeitszeit oft wie selbstverständlich nach hinten aus. Auch aus Perspektive der Arbeitgeber sei das zu kurz gedacht, ist Unternehmer Rheingans überzeugt: "Die machen das ein paar Jahre, dann können sie irgendwann nicht mehr."

Er selbst wählte deshalb einen anderen Weg. Seit beinahe zwanzig Jahren arbeitet der 38-Jährige in der Digitalbranche. Jahrelang machte er Überstunden, war ständig erreichbar. Dann wurde er Vater und begann sich zu fragen, wie viel Zeit er im Büro und wie viel Zeit er mit seiner Familie verbringen wollte. Er entschied sich, zwei Tage in der Woche weniger zu arbeiten und bemerkte, dass es auch anders geht. "Ich habe so viel geschafft wie vorher, aber weniger Gehalt bekommen", erzählt er heute. Er blieb noch zwei Jahre bei seinem letzten Arbeitgeber. Dann stieg er aus. Als er vor rund zwei Jahren die IT-Agentur übernahm, stellte er seine Mitarbeiter vor die Wahl: Fünf Stunden konzentriertes Arbeiten ohne Pause oder acht Stunden mit Mittagspause? Man wollte es versuchen. Ihr Stundenlohn stieg von einem Tag auf den anderen um 40 Prozent.

Damit das Modell funktioniert, herrscht in der Bielefelder Agentur eiserne Disziplin. Es gibt keine Konferenzmarathons, keine Pläuschchen unter Kollegen. Raucherpausen sind okay, wenn die Mitarbeiter die Zeit vor der Tür für berufliche Absprachen nutzen. Die Handys bleiben verstaut. Es wird nicht gesurft. Und in der Tat ist es an diesem Vormittag in Bielefeld im Großraumbüro erstaunlich still. Nicht immer kämen Mitarbeiter um Punkt 13 Uhr nach Hause, räumt der Unternehmer ein. Denn bei einer 25-Stunden-Woche fehle der Puffer, um Auftragsausfälle oder Erkrankungen von Mitarbeitern auszugleichen. "Der Prozess ist wahrscheinlich nie abgeschlossen." Rheingans' Fazit fällt trotzdem überaus positiv aus. Der Unternehmer möchte in seiner Agentur nicht mehr zu einem Acht-Stunden-Tag zurück.

Und die Mitarbeiter? Luca Anzaldo zumindest scheint ganz froh um den erhöhten Druck, den die kürzere Arbeitszeit ihm und seinen Kollegen beschert hat. Früher habe er acht Stunden lang an einem Problem gesessen, dazwischen gab es Kaffeepausen, erzählt der 27 Jahre alte Informatiker. Heute trinkt er zwar weniger Kaffee, die Probleme lösen sich dafür aber schneller. Durch den 5-Stunden-Tag arbeite er konzentrierter. Die Teamarbeit habe darunter nicht gelitten. Statt zum Pläuschchen mit den Kollegen treffe sich das Team nun zum gemeinsamen Mittagessen. Und zwar nach der Arbeitszeit.

In Schweden gescheitert

Nur: Ist ein Fünf-Stunden-Tag, wie er in der Bielefelder Agentur vorgelebt wird, überhaupt auf andere Unternehmen übertragbar? Der Kölner Arbeitsmarktexperte Alexander Spermann sieht das skeptisch. "Ein Fünfoder Sechs-Stunden-Tag für alle bei gleichbleibendem Gehalt erfordert gewaltige Steigerungen der Arbeitsproduktivität", sagt Spermann. Denn nur eine verbesserte Produktivität könne einen höheren Stundenlohn rechtfertigen. "Stattdessen gehen in Deutschland die Zuwächse bei der Arbeitsproduktivität seit einigen Jahren zurück."

Kritiker der Arbeitszeitverkürzung sagen deshalb: Der Fünf-Stunden-Tag ist nicht ökonomisch. Wer seine Mitarbeiter kürzer arbeiten lässt, braucht mehr Leute. Was einerseits kostet, andererseits den Arbeitskräftebedarf auf einem ohnehin leergefegten Arbeitsmarkt erhöht. Ein Pilotprojekt in Schweden scheiterte unter anderem aus diesem Grund: Zwei Jahre lang hatten Pflegeassistenten in einem Altenheim in Göteborg bei voller Bezahlung zwei Stunden weniger am Tag gearbeitet. Die Mitarbeiter freuten sich über die geschenkte Zeit, fühlten sich fitter, aufmerksamer und gelassener. Allerdings hatte man auch 17 neue Leute einstellen müssen, um die Lücken im Schichtplan zu stopfen, die der kürzere Arbeitstag riss. Umgerechnet eine Million Euro zusätzlich hätten die 18 Testmonate gekostet, hieß es. Das war zu viel. Ende 2016 lief das Experiment aus.

Für Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, ist das kein Grund, den Schritt in Richtung weniger Arbeit nicht trotzdem zu wagen. Die Soziologin ist überzeugt, dass mit einer 32-Stunden-Woche Deutschland kein Arbeitsvolumen verloren gehen würde. "Wir haben hohe Potentiale ungenutzter Arbeitszeit und hohe ungenutzte Leistungspotentiale", sagt sie.

Ein Blick in die Statistik gibt der Soziologin recht. Schon seit Jahren geht die Zeit, die ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland im Job verbringt, zurück (siehe Grafik). Und das, obwohl die Vollzeitbeschäftigten hierzulande im internationalen Vergleich auf überdurchschnittlich viele Wochenstunden kommen. Das heißt: Schon heute arbeiten die wenigsten Deutschen ihr gesamtes Berufsleben in Vollzeit.

Und das aus unterschiedlichen Gründen. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit, wenn sie kleine Kinder haben oder Eltern, die sie pflegen müssen. Einige scheiden vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus. Außerdem gibt es schon heute viele Menschen, die weit weniger als 40 Wochenstunden arbeiten. Bei Frauen liegt die wöchentliche Arbeitszeit im Schnitt zum Beispiel bei 30 Stunden. Und das schließt die 30 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter, die keiner bezahlten Arbeit nachgehen, nicht einmal ein. Was die Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten angeht, ist also noch viel Luft nach unten - zumal die Statistiken auch vor Augen führen, dass viel Arbeit nicht zwangsläufig zu größerem wirtschaftlichen Erfolg führt. In keinem anderen europäischen Land arbeiten die Menschen so viele Stunden wie in Griechenland.

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