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Joggen gehen sie alle

Es ist der 15. September 2015, Harald Krüger betritt die Bühne in Frankfurt. Es soll sein erster großer Auftritt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung als Chef von BMW sein. Er hatte gerade die Präsentation der neuen Modelle begonnen, da taumelte er, muss von Sicherheitskräften gestützt von der Bühne geführt werden. Eine Kreislaufschwäche hatte ihn kollabieren lassen. Erst mit deutlichem Abstand wurde verlautbart, auch Nervosität habe eine Rolle gespielt. Seitdem schauen Öffentlichkeit und Konkurrenz genau hin, wenn Krüger einen großen Auftritt hat. Wird er wieder wanken? "Er hatte einen Kreislaufkollaps, aber alle schreiben danach, dass er introvertiert ist und nicht gern vor Menschen redet", beklagt der Psychosomatiker Christian Dogs. Als wäre das ein Makel, etwas, für das er sich rechtfertigen muss. Später erzählt Krüger, wie er Strategien gegen den Stress entwickelt hat, wie er regelmäßig joggt – sehr beliebt bei Managern, denn auch da zählt die Leistung. Oder wie er mit der Familie in die Berge fährt. Wie er im Dienstwagen Entspannungsmusik hört oder das Meditieren gelernt hat. Entscheidend ist für Dogs aber etwas anderes – nämlich die Selbsterkenntnis: "In dem Moment, in dem ich zugestehe, dass ich nicht so perfekt bin, wie ich gerne wäre, habe ich den Mut, das nach außen zu transportieren." Viel wichtiger als Joggen und Meditieren ist denn auch, was Krüger noch sagt: Er will sich nicht mehr verstellen, mehr er selbst sein. Ähnlich äußert sich René Obermann, sieben Jahre lang Chef der Deutschen Telekom, heute Partner beim amerikanischen Private-Equity-Unternehmen Warburg Pincus und designierter Verwaltungsratschef von Airbus: "Als hilfreich empfinde ich, dass es mir nicht schwerfällt, mein Herz auch auf der Zunge zu tragen und mich nicht zu verstellen".

Wer bei sich selbst ist, ist weniger gestresst. Das belegt auch die Forschung. Authentizität ist das große Stichwort. "Das Spiel, das die meisten Führungskräfte nach außen spielen, ist, Stärke zu zeigen", sagt Experte Dogs. "Das kostet Kraft. Viele sagen: ,Privat bin ich ganz anders.‘ Viele sind gar nicht so, wie sie nach außen tun." Wenn man ständig versucht, etwas zu überspielen, kleinzureden oder zu verdrängen, ist das auf Dauer einfach nur anstrengend. Und führt letztlich in die chronische Erschöpfung, neudeutsch Burnout genannt. "Stehe zu dem, was du kannst – und zu dem, was du nicht kannst!" So sollte das Mantra der Manager heute lauten. Psychosomatiker Dogs: "Die Manager reden alle vom Joggen, von guten Gesprächen am Kamin, nur keiner weiß, zu welcher Zeit sie das tun. Sie sagen alle, sie kommen mit sechs Stunden Schlaf aus, aber da sind so viele Lügen drin, denn das Hirn kommt nicht mit sechs Stunden Schlaf aus."

Was in den Köpfen ankommen muss: Vermeiden lässt sich der Stress nicht. Er gehört zum Leben dazu. In den Führungsetagen wie in den Ebenen darunter. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Stress in Maßen sogar wichtig ist, damit unser Körper aktiviert wird. Was sich aber vermeiden lässt, ist, dass der Stress zum Problem wird. Wir müssen lernen, unseren Stress zu managen.

Im Luxusambiente gegen den Stress

Die Max-Grundig-Klinik im badischen Bühl wirkt fast wie ein kleines Schloss mit ihren Türmchen und Gauben und der eleganten, cremefarbenen Fassade. Der weitläufige Garten umschließt das Gebäude entlang der Schwarzwaldhochstraße, von wo aus sich ein traumhafter Blick über das Rheintal bietet. Es wird schnell klar, dass es sich um keine gewöhnliche Klinik handelt. Mit der Anmutung eines Fünf-Sterne-Hotels wird den Patienten der Gang in die Krankheitsbewältigung erleichtert. Die Zimmer sind ausgestattet mit zarten Gemälden und schwerem Teppich, ein lichtdurchflutetes Atrium mit dicken Polstern und einem schwarzen Flügel, Handtücher mit eingewebtem Wappen der Bühler Höhe auf der Toilette. Auf dem mittäglichen Speiseplan steht an diesem Tag die Menüfolge aus Kalbsconsommé, Hirschrückensteak mit Rosenkohlterrine und Pistazienbrownie mit Himbeersorbet. Wer sich hier behandeln lässt, ist entweder privat krankenversichert – oder solvent genug, den Aufenthalt selber zu zahlen. Die Klinik hat sich auf Manager spezialisiert. Das teuerste Zimmer, die große Suite, kostet 1.600 Euro pro Nacht, bietet dann aber auch Annehmlichkeiten wie ein voll ausgestattetes Arbeits- und ein Konferenzzimmer, golddurchwirkte Bademäntel und Duschgel von Roberto Cavalli. Wer sich hier behandeln lässt, möchte vor allem eins: anonym bleiben. Ein Manager, der den täglichen Druck nicht mehr ausgehalten hat? In der deutschen Wirtschaft immer noch ein Tabu. Wer nicht funktioniert, ist raus aus dem System. Je höher die Hierarchieebene, desto schneller.

"Unser System ist immer noch so aufgebaut, dass du, wenn du Gefühle zeigst, als schwach giltst", sagt Christian Dogs, der die Psychosomatik der Max-Grundig-Klinik leitet. "Dabei sind eigentlich die Menschen, die Gefühle zulassen, die, die uns sympathisch sind. Wir sind ja keine funktionalen Roboter." Kai Paulus, der nicht wirklich so heißt, sitzt in einer Dachkammer im vierten Stock der Klinik vor einem riesigen Bogen Papier. Doch sein Kopf ist heute zu voll, er weiß nicht so recht, was er malen soll. Sabine Krannich schlägt ihm ein Stimmungsbild vor: "Einfach loslassen, rauslassen, malen Sie mit Farbe drauflos, was sie beschäftigt." Es bringt nichts. Paulus möchte sich lieber zurückziehen, möchte nichts malen. Und erst recht nichts besprechen mit der Kunsttherapeutin. "Ich habe heute schon genug geredet", sagt er. Paulus ist Chef eines Familienunternehmens in der Baubranche. Es ist nicht leicht für ihn, seine Firma und vor allem die zwei Kinder zurückzulassen. Doch die Geschäfte müssen erst einmal ruhen, für ihn zumindest. In seinem Kalender stehen nun Termine wie Selbsterfahrungsgruppe, therapeutisches Gespräch, Körperkontrolltraining, Achtsamkeit, Musiktherapie, Kunstgruppe. In der vergangenen Woche hat Paulus einen Baum gemalt. Der hatte eine große Krone, aber keine Wurzeln. "So werden Dinge auf dem Papier verarbeitet", sagt Therapeutin Krannich. "Erst wird gemalt, dann reflektiert." Bei Paulus war das Bild eindeutig: Wer nicht von Wurzeln gehalten wird, dem wankt beim kleinsten Wind die Krone. Seit knapp zwei Wochen ist Paulus in der Klinik. Auch seine Diagnose: Angststörung. Doch bis zu dieser Diagnose dauert es meist eine Weile. Kaum ein Manager reist mit dem Bewusstsein nach Bühl, dass er psychische Probleme hat. Die meisten kommen, um einen medizinischen Check-up machen zu lassen. Zumindest vordergründig. "Die meisten wollen, dass ich etwas finde", sagt Curt Diehm, ärztlicher Direktor der Klinik. Und bei vielen findet er auch etwas. Dann bittet er einen Kollegen aus der psychosomatischen Abteilung dazu. Auf ihrem Behandlungsstuhl sitzen sie alle: der Investmentbanker und der Schlagerstar, der Topmanager und der Verfassungsrichter. Einer von ihnen war so verzweifelt, weil er abends nicht mehr schlafen konnte, dass er alles ausprobiert hat, um in den Schlaf zu finden. In einem Magazin hatte er gelesen, man solle zur Ablenkung malen. Also stand er nachts um zwei auf und fing an, ein Bild auszumalen. Geschlafen hat er dadurch nicht. Irgendwann saß er doch bei Diehm.

Auch Rüdiger Striemer hat eine Weile gebraucht, um sich seine ernsthaften Probleme einzugestehen. Erst hat der damalige Adesso-Chef ein bisschen weniger gearbeitet, hat Beruhigungspillen genommen oder auch mal das ein oder andere Glas Wein am Abend getrunken, um runterzukommen. Schwindel, Konzentrationsschwäche und die Angst blieben. "Da musste der radikale Schritt her", sagt er. Dennoch kehrte er – nach zwei Monaten in der Klinik – zunächst wieder auf seinen Posten zurück, verarbeitete seine Erfahrungen sogar in einem Buch: "Raus! Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück". Doch allmählich reifte die Erkenntnis: Es hatte sich zu viel verändert – er hatte sich verändert. "Drei Jahre habe ich den Job noch gemacht, dann habe ich überlegt, ob ich ihn überhaupt noch machen will", sagt Striemer. Er ist ein paar Tage an die Ostsee gefahren, ganz allein, hat aufs Wasser geschaut und nachgedacht, ob das noch zusammenpasst: der Job, wie er sich in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat, und wie Striemer sich als Mensch in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. "Und die Frage musste ich dann mit Nein beantworten."

Es war eine bewusste Entscheidung gegen den Chefposten, nicht aber gegen Verantwortung. Und nicht gegen Adesso. Noch heute arbeitet Striemer dort. Seine Vorstandskollegen und der Aufsichtsrat haben ihn dabei unterstützt: "Wir waren froh, dass Rüdiger nach seinem Klinikaufenthalt in seine Rolle als Co-Vorstandsvorsitzender zurückgekehrt ist. Das war aus unserer Sicht wichtig und ohne Einschränkung gewünscht", sagt Volker Gruhn, Aufsichtsratschef von Adesso heute. "Als er dann entschieden hat, sich neu zu fokussieren und aus dem Vorstand auszutreten, haben wir das natürlich respektiert." Ein Manager ist Striemer noch immer. Heute leitet er das Auslandsgeschäft und das Marketing von Adesso. Und sagt: "Ich glaube, dass ich heute einen genauso wichtigen Beitrag für das Unternehmen leiste, wie ich das damals getan habe." So wie ihn jeder andere Mitarbeiter leiste, der Verantwortung übernimmt. "Wichtig ist, zu wissen, wo das eigene und das Anforderungsprofil des Jobs am besten zusammenpassen. Und das ist nicht immer zwingend oben auf der obersten Position." Das ist sie, die neue Ehrlichkeit.

Doch sich so etwas einzugestehen, den Chefposten freiwillig zu räumen, das trauen sich nicht viele Manager. Dafür braucht es den Mut, seine Grenzen ehrlich zu benennen. Hartmut Ostrowski hat es getan. Er gab den Vorstandsvorsitz bei Bertelsmann ab, als ihm der Stress zu sehr zusetzte, sich schon körperlich bemerkbar machte. Oder René Obermann, als er Ende 2013 die Telekom verließ. "Es war nach fast 16 Jahren einfach der richtige Zeitpunkt für mich und auch für die Firma", sagt er. Mit Stress oder Arbeitsbelastung habe das aber nichts zu tun gehabt, er habe einfach eine neue Erfahrung machen wollen.

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