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Wissen mit Löffeln fressen

Zeitung, Brille und Kaffeetasse

Quelle: freeimages.com, Pulpdtp

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Daten aller Art nehmen eine zentrale Rolle in unserem Leben ein. Die Sonntagsausgabe der New York Times enthält mehr Informationen, als ein Mensch des siebzehnten Jahrhunderts in seinem ganzen Leben aufnehmen konnte, heißt es. Und dabei gilt mehr denn je: Wissen ist Macht.

Information eintrichtern?

Die Menge an Daten, die uns zur Verfügung stehen, wächst ständig. Doch unsere Fähigkeit, sie aufzunehmen, hat sich nicht verändert. Wir lesen heute noch genauso wie vor 300 Jahren. Die Folge: Immer mehr wichtige Informationen gehen an uns vorbei.

Schon im Mittelalter gab es den Traum des "Nürnberger Trichters". Dieses wundersame Gerät hättest du dir einfach in den Mund gesteckt und oben all die Bücher hineingeschüttet, die du lesen wolltest. Und im Handumdrehen hättest du das Wissen geschluckt und verdaut. So eine Hilfe könnten Studenten auch heute noch brauchen. Kaum ein Teilnehmer an einem geisteswissenschaftlichen Seminar kann wirklich all die Bücher lesen, die auf seiner Literaturliste stehen. Und nicht nur Studenten haben dieses Problem.

Schon in den sechziger Jahren wurde ermittelt, dass ein Manager nur ein Hundertstel bis ein Tausendstel der für seine Entscheidungen relevanten Informationen aufnehmen kann. Natürlich benötigt er auch nicht all dieses Wissen. Aber er kann nie sicher sein, ob er nicht etwas Bedeutendes verpasst. 

Wissen wie mit Löffeln fressen

Doch leider ist der Nürnberger Tricher immer noch nicht erfunden worden. Oder vielleicht doch? Verschiedene Autoren behaupten, Methoden gefunden zu haben, die das Lesen radikal beschleunigen. Eine Verdopplung der Lesegeschwindigkeit ist dabei das Mindeste. Andere versprechen dir, dass du ganze Bücher in wenigen Minuten lesen kannst. Und das ohne Informationsverlust. Da könntest du den Trichter getrost zum Alteisen werfen.

 Die meisten berufen sich auf die Amerikanerin Evelyn Wood, die schon 1959 eine Methode zum Schnellesen entwickelt hat und so illustre Schüler wie John F. Kennedy hatte. Sie haben die Methode aber weiterentwickelt und verbessert. Sagen sie zumindest. Leider ist es schwer festzustellen, ob die Methoden wirklich funktionieren. Jeder Ratgeber hat Schüler vorzuweisen, die Stein und Bein schwören, dass seine Technik wirkt. Letztlich musst du selbst entscheiden, wem du glaubst und wem nicht.

Die Wunderwelt der Lesetechniken

Wie lesen wir eigentlich?

Im Gegensatz zur üblichen Vorstellung, nehmen wir Wörter normalerweise nicht Buchstabe für Buchstabe auf. Dann würden unsere Augen wie ein Scanner gleichmäßig über die Zeilen gleiten. Stattdessen zeigt sich, wenn man Pupillenbewegungen beim Lesen verfolgt, dass der Blick ständig in kurzen Sprüngen vorwärts geht. Der Blick springt zu einem Wort, nimmt es wie ein Foto auf, und springt weiter. Lange Wörter können mehrere Blicke benötigen. Andererseits nehmen wir mit einem Blick auch zwei oder drei kurze Wörter auf einmal auf. Das gelesene Wort wird wie ein Bild mit bekannten Wörtern verglichen. Wenn es erkannt wird, dann sprichst du es dir innerlich vor: Du "subvokalisierst". Daraus konstruierst du Schritt für Schritt den Satz. Nur wenn dir das Wortbild unbekannt ist, liest du die Buchstaben.

Da die Augen nur eine bestimmte Fläche auf einmal scharf sehen können und jeder Blick eine fünftel bis halbe Sekunde dauert, ist die Lesegeschwindigkeit bei den meisten Menschen ziemlich gleich. Sie beträgt etwa 200 bis 300 Wörter pro Minute. Bei nicht-fachlichem Lesestoff ist sie höher, da hier viele Formulierungen erraten werden können, bevor sie zu Ende gelesen werden.

Ein alter Traum

Der Regisseur John Badham bannte in den Achzigern einen Traum auf Zelluloid. Sein Roboter "Nummer 5" brauchte nur ein Buch in die Hand zu nehmen und es durchzublättern. Schon hatte er den Inhalt gespeichert und konnte sich umsehen nach "mehr Input". Wie haben ihn die Kinobesucher damals beneidet, wenn sie an ihre Bücherstapel und Zeitschriften daheim dachten. Einfach durchblättern, abspeichern, fertig.

Lesen wie ein Roboter

Der Traum von damals nehmen Lese-Experten heute wieder auf. Mit speziellen Techniken soll es möglich sein, ganze Bücher in wenigen Minuten zu verschlingen. Unter Namen wie "Highspeed-" oder "Photoreading", "Turbo-" oder "Flächenlesen" stehen eine Vielzahl von Systemen bereit, die die Aufnahmegeschwindigkeit beim Lesen steigern sollen. Die jeweiligen Wege sind dabei sehr unterschiedlich.

Gut nachzuvollziehen ist die Technik, die Ernst Ott in seinem Buch "Optimales lesen" vertritt. Wenn du mehr Worte mit einem Blick aufnehmen kannst, liest du schneller. Die Lösung ist also, die "Blickspanne" zu erweitern und dich zu trainieren, quasi größere Fotos mit deinen Blicken zu schießen. Dann kann die Lesegeschwindigkeit so groß werden, dass du mit dem inneren Mitsprechen schon nicht mehr hinterherkommst. Der nächste Schritt also: Das Subvokalisieren abschalten. Mit dieser Technik sollst du die Lesegeschwindigkeit zumindest verdoppeln können. Die Erweiterung der Blickspanne halten Rotraut und Walter Uwe Michelmann von der "Deutschen Gesellschaft für berufliches Lesen e.V." allerdings für völlig unmöglich. Sie sei durch die Zellverteilung auf der Netzhaut festgelegt. Das Abschalten der Subvokalisierung sei sogar gefährlich und könne Lesestörungen hervorrufen.
 
Aber mit solchen Kleinigkeiten wie verdoppelter Lesegeschwindigkeit halten sich die meisten Experten für Lesetechniken sowieso nicht auf. Sie versprechen gleich zehnfache bis hundertfache Geschwindigkeiten. Wobei lesen hier vielleicht nicht der richtige Begriff ist. Bei diesen Methoden, die zum Beispiel Paul R. Scheele in seinem Buch "PhotoReading" und Frank W. Demann in "Highspeed Reading" vertritt, werden ganze Seiten auf einmal mit der peripheren Wahrnehmung aufgenommen. Dafür ist ein bestimmter Geisteszustand nötig, der "Alpha-Zustand" beziehungsweise "Zaubertechnik" genannt wird. Dann wird das Buch mit einer Geschwindigkeit von einer Seite pro Sekunde gescannt. Die nun unbewusst aufgenommenen Informationen sollen schließlich "aktiviert", also bewusst gemacht werden. Dazu werden die Seiten nochmals überflogen und einzelne Stellen, die intuitiv interessant scheinen, liest du nochmal normal durch.

Das kommt jetzt manchem schon etwas esoterisch vor. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier nur ein Bruchteil der Informationen des Buches aufgenommen werden. Die Beispiele, die im Buch PhotoReading genannt werden, handeln auch fast ausschließlich von Fällen, bei denen in einer großen Menge Material ein einzelner Absatz gesucht wurde. Zum Beispiel ein einzelner Paragraph in einem Gesetzbuch. Trotzdem behaupten die Anbieter dieser Methoden, die Technik sei genauso gut wie normales Lesen.

Was auf jeden Fall klappt

Hast du keine Zeit oder Lust, dir eine besondere Lesetechnik anzueignen? Vielleicht kannst deine Lesegewohnheiten trotzdem verbessern. Denn wenn du an den Rahmenbedingungen etwas feilst, kommst du auch mit dem ganz normalen Lesen besser voran.

Verschiedene Faktoren haben Einfluss auf unsere Lesegeschwindigkeit und insbesondere auf unsere Leseausdauer. Wenn das Umfeld stimmt, dann kannst du zumindest länger lesen und ermüdest nicht so schnell. Auch das kann deine Produktivität erhöhen. 

Es werde Licht

Als ideal gilt eine gleichmäßige Beleuchtung von 1.000 Lux, das entspricht etwa Tageslicht bei bedecktem Himmel. Lichtreflexe oder Gegensätze von hellen und dunklen Zonen im Sichtfeld solltest du vermeiden. Eine einsame Schreibtischlampe wie im Bild rechts ist also keineswegs die ideale Beleuchtung. 

Haltung bitte

Lesen sollte nicht anstrengen. Der Körper sollte sich in einer Haltung befinden, die spannungsfrei und locker ist. Wenn du ein Buch auf deinen Schreibtisch legst und dich darüber beugst, dann ist das keine entspannte Haltung. Deine Schultern und dein Nacken sind gebeugt und werden sich früher oder später verspannen. Leg dein Buch besser gegen einen Stapel, so dass du beim Lesen gerade sitzt. Deine Ausdauer ist dann höher. Im Stehen zu lesen strengt sogar noch weniger an als das Sitzen. Ein Stehpult ist also durchaus eine Alternative. Liegen strengt zwar auch nicht an, der Körper schaltet aber gerne auf Ruhemodus um. Konzentrierte Arbeit ist so nur für eine begrenzte Zeit möglich. 

Ruhe bewahren

Wenn du dich auf ein Buch konzentrieren willst, dann solltest du möglichst alle Ablenkungen vermeiden. Das gilt besonders für optische Reize. Unsere Augen nehmen Bewegungen besonders stark wahr. Der laufende Zeiger an deiner Armbanduhr oder der blinkende Bildschirmschoner auf deinem Rechner lenken deine Augen ab, wenn du sie im peripheren Sichtbereich erkennen kannst.
 Dasselbe gilt für Geräusche. Ob entspannende Musik hilft oder stört ist ein alter Streit. Aber tickende Uhren und Gebrabbel im Radio solltest du abschaffen. 

Lesensfreude

Wenn du motiviert und interessiert bist, dann nimmst du viel mehr Informationen auf. Wenn du keine Lust hast, dann kommst du auch nicht voran. Darum, auch wenn es manchmal schwer fällt: Motiviere dich. Du musst ein langweiliges Buch lesen? Versprich dir selbst eine Belohnung, wenn du es geschafft hast. Wenn du einen Trick findest, um dich trotzdem zu motivieren, dann erhöhst du damit sogar deine Lesegeschwindigkeit. 

Effektives Lesen

Deine tatsächliche Lesegeschwindigkeit hängt auch davon ab, wie oft du einen Abschnitt lesen musst. Es bringt wenig, durch den Text zu hetzen, aber den Inhalt gleich wieder zu vergessen.
 Damit dein Leseaufwand nicht umsonst ist, solltest du gleich mit einem guten System heran gehen. Ein solches System ist die SQ3R-Methode. SQ3R ist eine Abkürzung für "Survey", Question", Read", "Recite", "Review". Das Prinzip ist recht einfach. 

  • "Survey" - Fang nicht sofort mit dem Lesen an, sondern verschaff dir zunächst einen Eindruck. Autor, Verlag, Klappentext, Literatur- und Schlagwortverzeichnis zeigen dir, was dich erwartet. Schau dir die Gliederung an und blättere durch das Buch. Vielleicht sind bestimmte Kapitel für dich uninteressant?
  • "Question" - Mach dir klar, welche Fragen du an den Text stellen willst. Möchtest du nur einzelne Fragen beantworten oder den ganzen Inhalt lernen? Wie stehst du zu dem Thema? Wie geht der Autor an das Thema heran? Du willst hier noch keine abschließenden Antworten finden, sondern dein eigenes Interesse an der Materie steigern und deinen Fokus beim Lesen festlegen.
  • "Read and Recite" - Jetzt nimmst du dir das Buch vor und liest es exakt. Lege regelmäßig Pausen ein, um dir das Gelesene nochmal zu vergegenwärtigen, und mach dir Notizen. Analysiere die Aussagen des Autors.
  • "Review" - Wenn du das Buch gelesen hast, stelle es noch nicht gleich weg. Blättere es nochmals durch und überfliege die Überschriften. Formuliere noch einmal die Aussagen dahinter. Damit vernetzt du das Gelesene in deinem Kopf, so dass es eine Einheit bildet.

Auf diese Weise ziehst du den maximalen Nutzen aus den aufgenommenen Informationen, sparst wichtige Zeit und musst nicht immer wieder dasselbe Buch lesen.

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