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Hilfe, ich bin ein Laptop-Messie!

Chaos, Unordnung, Schreibtisch [Quelle: unsplash.com, Autor: Ferenc Horvath]

Quelle: unsplash.com, Ferenc Horvath

Digitales Chaos kostet Zeit. Deshalb wollte ZEIT-Autorin Wlada ihren Laptop professionell aufräumen lassen. Doch die Beratung hat statt des Computers ihr Leben umgekrempelt.

Wäre der Desktop meines Laptops eine reale Schreibtischoberfläche, würde sie sich für die RTL2-Entrümpelungsshow qualifizieren – Das Messie-Team: Start in ein neues Leben. Ich schäme mich dafür. Sehr. Ich bin ein PC-Schmutzfink der üblen Sorte. Ordner, Textdokumente und Fotos, Screenshots sind auf meinem Desktop durcheinander, übereinander abgespeichert. Um eine Datei zu finden, sagen wir mal diesen Text, muss ich die Suchfunktion benutzen. Und selbst dann wird es kompliziert, weil bei der Suchanfrage fünf Dokumente erscheinen: Kolumne6_endversion, Kolumne6endversion1, Kolumne6endversion1_2, Kolumne6endversion_jetztwirklich, Kolumne6endversion_jetztwirklich1. In meinem Postfach habe ich mehrere Tausend E-Mails. (Es ist mir zu peinlich zu verraten, wie viele genau.)

Die wenigen Menschen, denen ich gestehe, ein Laptop-Messie zu sein, reagieren darauf auf zwei verschiedene Arten und Weisen. Die mit den leeren Inboxen und sortierten Dateien sagen entsetzt: Wie kann man bloß etwas auf dem Desktop speichern? (Und meinen damit wahrscheinlich: Wie hat so ein Chaot wie ich jemals eine Anstellung bekommen?) Die meisten mir bekannten Menschen nicken allerdings verständnisvoll. Sie werden genauso nervös wie ich, wenn jemand auf ihren Desktop schielt. Sie kennen dieses Bermudadreieck links unten auf dem Desktop, in dem sich Dateien, die man aus dem Internet gezogen hat, mehrfach aufeinanderschichten.

Wer ständig Dokumente sucht, verliert Zeit

Das Problem: Chaos kostet (Arbeits-)Zeit. Eine Studie aus den USA hat ausgerechnet, dass Angestellte pro Jahr etwa eine Woche damit verbringen, verlegte Unterlagen im Büro zu suchen. Ich habe keine konkreten Zahlen dafür gefunden, wie viel Zeit digitale Unordnung kostet. Aber etwas sagt mir: viel. Zum einen verbringen Menschen heute eher mehr Zeit mit digitalen Ordnern als mit solchen aus echtem Papier. Laut einer Forsa-Umfrage sitzt ein Fünftel aller Deutschen mehr als sechs Stunden am Tag vor dem Computer (und hat somit sechs Stunden Zeit, dort Unordnung zu machen). Außerdem verlieren Menschen, die an Computern arbeiten, allein durch E-Mails unfassbar viel Zeit: 28 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringen sogenannte Wissensarbeiter damit, E-Mails zu schreiben und zu beantworten. Wer mit seinen E-Mails effizienter umzugehen lernt, kann seine Produktivität um ein Drittel steigern. Das hat eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey herausgefunden.

Als jemand, der gut drei Viertel seiner Arbeitszeit vor dem Rechner verbringt, könnte ich also unglaublich viel Zeit sparen, wenn ich digital ausmisten würde. Ich habe schon mehrmals mittels Workshops und YouTube-Tutorials versucht zu lernen, wie man Dateien in ausgeklügelten Systeme von Ordnern und Unterordnern abspeichert und E-Mails mit unterschiedlich farbigen Labels sortiert. Gehalten hat der gute Vorsatz höchstens zwei Wochen. Dann war alles wieder beim Alten. Meine letzte Hoffnung ist ein hauptberuflicher Organisationsprofi, der mir persönliche Nachhilfe gibt.

Wir werden nicht darum herumkommen, ein paar grundsätzliche Strategien zu lernen, wie Sie Ihr Leben ordnen.

Sabri Eryiğit, Organisationscoach

"Unordnung auf dem Computer spricht meistens für ein tieferes Problem", sagt der Organisationscoach Sabri Eryiğit, als ich ihn anrufe. "Wir werden nicht darum herumkommen, ein paar grundsätzliche Strategien zu lernen, wie Sie Ihr Leben ordnen." Eryiğit arbeitet nach der Getting-Things-Done-Methode – einer Selbstmanagement-Strategie des US-Amerikaners David Allen. Seit dem Erscheinen im Jahr 2001 hat sich Allens Buch "Wie ich Dinge geregelt kriege" weltweit über zwei Millionen Mal verkauft. Das Vorwort des Buches behauptet, dass 40 Prozent der 500 umsatzstärksten Unternehmen Allens Methode anwenden. Aber ich bin skeptisch. Generell misstraue ich solchen Versprechen, wie das Buch sie zusichert: "Effizient arbeiten und die Freude am Leben zurückgewinnen." Ich habe sehr viel Spaß am Leben und will einfach einen ordentlichen Computer. Außerdem kostet ein Tag Privatberatung 3.000 Euro. Dafür könnte ich mir drei neue Laptops kaufen, die ich zumüllen kann.

Letztendlich einigen Eryiğit und ich uns darauf, dass ich mit meinem Laptop zu einer Miniberatung komme. Doch ausgerechnet am Tag des Termins geht alles schief: Als ich zur Arbeit losgehe, denke ich nicht an das Ladegerät meines Laptops, das ich für die Beratung brauche. Also muss ich vor dem Termin zurück nach Hause radeln und lasse dabei mein Handy dort liegen, verfahre mich ohne Google Maps und kann nicht einmal mehr Bescheid geben, dass ich zu spät bin. Als ich dann vor Eryiğit stehe, mit zersausten Haaren und eine halbe Stunde zu spät, muss ich selbst lachen. "Also gut, her mit Ihren Grundsätzen", sage ich. Den Laptop schalten wir erst mal nicht ein, sondern lernen uns kennen. Das sei wichtig, erzählt Eryiğit, damit er wisse, was für ein Ordnungstyp ich sei. Bei der eintägigen Beratung hätte er mit mir einen ausführlichen Persönlichkeitstest gemacht.

Manchmal schreibe ich mir eine To-do-Liste. Aber ich erledige sie nicht, weil ich den Zettel verloren habe.

Wlada Kolosowa

Eryiğit ist ein charismatischer Mann, bei dem man sich nur schwer vorstellen kann, dass er jemals müde wird. Er spricht schnell, blättert in meinem Terminplaner, den ich für die "Anamnese" mitgebracht habe. Innerhalb weniger Minuten hat er mich so becharmt, dass ich ihm Dinge über meine Selbstorganisation gestehe, die mir eigentlich sehr peinlich sind. Dass ich manchmal eine Woche lang meinen Kaffee schwarz trinke, weil ich jeden Tag aufs Neue vergesse, Milch zu kaufen. Dass ich mir To-do-Listen schreibe und sie dann nicht erledige, weil ich den Zettel verloren habe.

"Lustig", sagt Eryiğit. "Ich sehe viele Parallelen zu mir. Ich bin zwar ein Organisationscoach, aber ich bin nicht unbedingt ein ordentlicher Typ." Bevor der anfing Unternehmen und Menschen zu beraten, arbeitete er acht Jahre bei einem DAX-Unternehmen – mit Dutzenden Terminen, Hunderten Aufgaben und einer Sekretärin, die regelmäßig an seiner Unordnung verzweifelte. Deshalb ließ sich Eryiğit bei David Allen ausbilden. Nach seiner Elternzeit wollte er nicht mehr Manager sein und machte sich als Coach für Selbstmanagement selbstständig. Heute ist er 47 Jahre alt und berät Menschen und Organisationen, wie sie effizienter werden.

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