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Labor Gefäße Glaskolben Chemie Biochemie (Quelle: freeimages.com, thier)

Quelle: freeimages.com, thier

Louise Atzbach hat Wirtschaftschemie studiert, doch eine Karriere in der Forschung konnte sie sich nicht vorstellen. Anstatt zu experimentieren, wollte sie lieber wissen, wie angewandte Chemie den Menschen nutzen kann. Ihren Traumjob hat sie im IT-Consulting gefunden. Ein ungewöhnlicher Weg? Im Gegenteil! Ihr Arbeitgeber ist auf die Life-Science-Branche spezialisiert, dafür bildet ihr naturwissenschaftliches Studium die perfekte Grundlage. Hier schildert sie ihren Werdegang und gibt Tipps für Gleichgesinnte.

Wenn ich heute mit Freund:innen darüber spreche, dass ich im IT-Consulting arbeite, kommen erst mal Einwürfe, wie "Du hast aber doch was mit Chemie studiert?" oder "Kannst du denn überhaupt programmieren?". Dabei ist mein Berufsfeld für Naturwissenschaftler:innen gar nicht so ungewöhnlich. Denn programmieren muss man nicht unbedingt können, um als Unternehmensberater:in in der IT erfolgreich zu sein. Und wenn ich meinen bisherigen beruflichen Werdegang und meine Stärken betrachte, passt alles ziemlich gut zusammen. Aber von vorne …

Chemie studieren, ohne im Labor arbeiten zu wollen – geht das denn?

Schon als Schülerin habe ich mich nicht nur für die Chemie als Grundbedingung aller Lebensformen interessiert, sondern auch für das, was man aus Chemie machen kann, wie Chemie wirkt und wie sie uns Menschen nutzt. Mir war allerdings früh klar, dass eine Karriere im Labor für mich keine Option wäre. Während alle Mitschüler:innen in meinem Chemie-Leistungskurs möglichst oft experimentieren wollten, war ich immer froh, wenn wir über die Hintergründe des Versuchs sprachen. Darüber hinaus wollte ich auch verstehen, wie der nächste Schritt aussieht: von der Forschung zum vermarktungsfähigen Produkt. Aus diesen Gründen war Wirtschaftschemie das ideale Studienfach für mich. Denn als Wirtschaftschemiker:in bringt man das Wissen aus der Chemie mit und weiß, wie man es für die betriebswirtschaftlichen Belange eines Unternehmens in der Life Science nutzen kann.

Am Anfang meines Bachelor-Studiums an der Hochschule Fresenius musste ich dennoch erst einmal ins Labor. Denn auch Wirtschaftschemiker:innen werden die Grundlagen der Chemie vermittelt und dazu gehörte eben auch das Durchführen, Analysieren und genaue Protokollieren von Versuchen. Wie mir dieser Teil meines Studiums sowie die Fähigkeit, analytisch zu denken, irgendwann in meinem zukünftigen Berufsleben helfen würden, war mir zu diesem Zeitpunkt noch unklar.

Und plötzlich war es IT: mein Praktikum bei Boehringer Ingelheim

Im sechsten Semester erhielt ich die Möglichkeit, meine Bachelor-Arbeit bei Boehringer Ingelheim zu schreiben. Zum ersten Mal konnte ich mein Wissen aus Chemie und Betriebswirtschaftslehre in der Praxis zusammenführen: Meine Aufgabe war es, eine Datenbank für Scientific Advices zu entwickeln, die im Zulassungsprozess für (neue) Medikamente anfallen. Diese Datenbank sollte eine Möglichkeit schaffen, die Mitarbeiter:innen im Arbeitsalltag zu entlasten. Um diese Entlastung gewährleisten zu können, habe ich die Anforderungen der Mitarbeiter:innen an die Datenbank aufgenommen: Sie sollte leicht zu verstehen und flexibel in der Handhabung sein sowie die Arbeitsprozesse beschleunigen. Am Ende konnte ich eine Datenbank übergeben, mit der es möglich, war die Daten abzufragen und damit verbundene Aufgaben nachzuverfolgen. In verschiedenen Tests konnte ich nachweisen, dass die Mitarbeiter:innen die Datenbank theoretisch selbst ohne Training nutzen könnten.

Meine Bachelor-Arbeit hat mir damit den Grundstein für meinen weiteren Berufsweg gelegt, denn nach meinem Master-Abschluss wollte ich unbedingt im IT-Consulting arbeiten. Zu meinem Bewerbungsgespräch habe ich meine Bachelor-Arbeit eingepackt, um meine bisherige Erfahrung als Schnittstelle zwischen Business und IT zu demonstrieren. Zusätzlich dazu wollte ich auch mein Verständnis für IT an sich zeigen, denn immerhin hatte ich auch meinen Master in Wirtschaftschemie gemacht. Einen Exot:innenstatus hatte ich dennoch nicht, denn meine Kolleg:innen waren fast ausschließlich Naturwissenschaftler:innen. Das war wohl auch dadurch bedingt, dass mein erster Arbeitgeber mit seinem Beratungsangebot ausschließlichen auf die Life-Science-Branche fokussiert war.

Beide Seiten verstehen: als Schnittstelle von Business und IT

Das im Studium erlernte analytische Denken sowie die Fähigkeit, komplexe Prozesse zu durchdringen, hilft mir dabei, sowohl Business- als auch IT-Abteilungen verstehen zu können. Gerade im regulierten Bereich gibt es viele Vorgaben von Behörden, die eingehalten werden müssen, sowie komplexe Prozesse, in die die verschiedensten Abteilungen eingebunden sind. Die Anforderungen an IT-Systeme sind folglich hoch.

Wenn z. B. ein Kunde einen Prozess nicht mehr auf Papier durchführen möchte, nehme ich die Anforderungen an das IT-System auf und bespreche mit der IT, wie diese technisch umsetzbar sind. Die technischen Expert:innen kümmern sich dann um die konkrete Umsetzung. Mein Wissen über die jeweiligen Prozesse und Systeme erwerbe ich meistens auf den entsprechenden Projekten.

Dadurch, dass wir uns in der Life Science fast immer im regulierten Bereich bewegen, müssen Computersysteme geprüft werden, bevor sie zum Einsatz kommen dürfen. Damit soll sichergestellt werden, dass ein Computersystem genau das macht, wofür es entwickelt wurde. Im regulierten Bereich nennt sich das Computersystemvalidierung. Hierfür werden die Anforderungen an das System in Dokumenten spezifiziert und die technische Umsetzung beschrieben. Das, was spezifiziert wurde, wird abschließend getestet. Erst, wenn alle Tests erfolgreich durchgeführt werden konnten, darf der Kunde mit dem System arbeiten.

Und hier zeigt sich, dass ich nicht so weit von der Arbeit im Labor weg bin, wie ich eigentlich dachte: Die Versuchsvorschrift wird genommen (Spezifikation des Systems), um einen Stoff zu synthetisieren (Implementation des Systems), und am Schluss wird analysiert, ob auch der gewünschte Stoff dabei herausgekommen ist (Testen des Systems).

Beruflich hat es mich mittlerweile  in die Schweiz gezogen. Bei der adesso Schweiz AG bin ich meinem Beruf als IT-Consultant treu geblieben. Natürlich ist die Arbeit als Consultant auch herausfordernd, und kurz vor wichtigen Meilensteinen in Projekten können meine Arbeitstage auch mal länger als acht Stunden sein. Aber die Möglichkeit, immer wieder neue Kunden, neue Systeme und neue Prozesse kennenzulernen, reizt mich noch immer.

Hätte es mein Praktikum bei Boehringer Ingelheim nicht gegeben, wäre ich jetzt wahrscheinlich Produktmanagerin oder würde direkt im Vertrieb im Umfeld von Chemie und Pharmaindustrie arbeiten. Deshalb mein Tipp: Nutzt ein Praktikum dafür, auch in Bereiche hineinzuschauen, die ihr bisher noch nicht für euch identifiziert hattet. Frauen müssen sich vor einem Einstieg in die IT nicht scheuen, im Gegenteil: Viele Unternehmen fördern – wie auch mein Arbeitgeber – ganz gezielt Frauen in der IT.

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