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Sind alle ITler:innen hochbegabte Kellerkinder?

Stereotype, Klischees, Vorurteile [Quelle: pixabay.com]

Quelle: pixabay.com

Janine Kerner hat sich nach dem Abitur erst einmal für das scheinbar Naheliegende entschieden: ein geisteswissenschaftliches Studium. Vor einem IT-Studienfach schreckte sie wegen der Klischees vom menschenscheuen IT-Nerd zurück, der alleine vor sich hintüftelt und sich von Mate und Pizza ernähert. Über Umwege hat sie dennoch den Weg in die Wirtschaftsinformatik gefunden – und festgestellt, dass an den Vorurteilen kaum etwas dran ist. Lediglich ein Klischee hat sich in ihrem Fall bestätigt ...

Beim Gedanken an IT sind meist die Stereotype nicht weit: Hochbegabte Vollblut-Nerds mit Brille und Fleece-Pulli entwickeln im Keller hochkomplexe Programme. Dabei unterhalten sie sich ausschließlich in Binärsprache und ernähren sich von Pizza und Club-Mate.

Neben diesen offensichtlichen Klischees gibt es jedoch auch andere hartnäckige Vorurteile. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen: Wie habe ich vier der gängigsten Vorurteile im Rahmen meiner bisherigen IT-Karriere erlebt? Wie viel Wahrheit steckt dahinter? Wo haben sie mir geholfen, und wo haben sie mich abgeschreckt?

Vorurteil 1: ITler:innen haben schon als Kinder Programme geschrieben.

Zugegeben, ich habe schon mit fünf Jahren an Papas PC gesessen und abwechselnd "Prince of Persia" und "Schreiben" gespielt. Aber vom Programmieren war ich da noch meilenweit entfernt. Das erste Mal habe ich Quellcode gesehen, als ich mit 15 Jahren anfing, mich für Webseiten zu interessieren. Für die ersten selbst geschriebenen Programme hat es aber dann noch bis zum Informatikunterricht in der Oberstufe gedauert.

Das waren dann auch fürs Erste meine Berührungspunkte mit der IT. Ich dachte nämlich, dass die paar Zeilen Code aus dem Unterricht niemals für ein Informatikstudium ausreichen würden. Deswegen habe ich dann erst einmal etwas anderes gemacht. Passte auch viel besser, als Frau "etwas mit Kommunikation" (Linguistik) und "etwas mit Kindern" (Erziehungswissenschaften) zu machen. Immerhin hatten meine (ausschließlich) männlichen Mitschüler mich schon im Informatikunterricht regelmäßig gefragt, warum ich dort sei und nicht in der Küche.

Allerdings bin über einen Umweg dann doch noch zur IT gekommen: über die Computerlinguistik. Das war letztendlich der Grund, warum ich mich im Anschluss an meinen ersten Abschluss direkt wieder einschrieb. Diesmal für ein duales Studium in Wirtschaftsinformatik.

Vorurteil 2: IT besteht nur aus Programmieren und Drucker-Einrichten.

Trotz meiner Studienfachwahl wusste ich: Ich möchte keine Programmiererin werden. Zum Glück hatte ich im dualen Studium die Chance, viele verschiedene IT-Bereiche abseits der Programmierung kennenzulernen. In den Theoriephasen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg standen nämlich neben Softwareentwicklung, Datenbanken und Verteilte Systeme auch Marketing, Servicemanagement und Kommunikation auf dem Stundenplan. Auch die Praxisphasen bei IBM waren ähnlich abwechslungsreich: Vertrieb von Beratungsleistungen und Software, technischer Vertrieb von künstlicher Intelligenz und Beratung im Bereich Kultur- und Change-Management.

Einmal hat es mich doch in die Softwareentwicklung verschlagen. Dort hat sich bestätigt, dass mir Programmieren zwar Spaß macht, meine Stärken aber an der Schnittstelle zwischen Anwender:in und Technik liegen. Diese Erkenntnis hat mich darin bestärkt, nach dem Studium als Consultant bei CGI einzusteigen.

Vorurteil 3: IT ist total unkreativ.

Dort war ich an besagter Schnittstelle tätig. Als Product Owner, Projektmanagerin und Business Analyst habe ich zwischen Anwender:innen und IT übersetzt, Lösungen konzipiert und die Umsetzung koordiniert. Insbesondere die Entwicklung von Lösungen bietet viel Raum, um kreativ zu werden und neue Ideen zu verwirklichen. So konnte ich z. B. für ein Tourismusunternehmen gestalten, welchen Kund:innen zusätzliche Produkte angeboten werden, und so die Buchungsprozesse personalisieren.

Außerdem stellte mich der Projektalltag immer wieder vor kleinere Herausforderungen, für die es Lösungen zu finden galt: Ist diese Funktionalität im Auftrag enthalten? Wie können wir die Priorisierung der User Stories optimieren und unsere Anwender:innen dabei mehr einbeziehen? In welchem System soll eine bestimmte Funktionalität umgesetzt werden? Wie dokumentieren wir Anforderungen und Ergebnisse? So kam bei mir so gut wie nie Langeweile auf.

Trotzdem reizten mich auch zunehmend strategische Fragestellungen, insbesondere die Verbindung von IT und Unternehmensstrategie. Aus diesem Grund entschloss ich mich nach etwa zwei Jahren zu einem Wechsel zu BCG Platinion.

Vorurteil 4: ITler:innen arbeiten immer allein im Keller.

In der neuen Rolle änderte sich dann nicht nur der Inhalt der Arbeit, sondern auch der Arbeitsmodus. Bedingt durch die umfassenden Auswirkungen von strategischen Entscheidungen, waren meist viele verschiedene Stakeholder in die Projekte involviert. Deswegen stand neben der inhaltlichen Arbeit nun auch vermehrt die Vermittlung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Zielen und IT-Vorkenntnissen auf der Agenda. Also so ziemlich das Gegenteil vom einsamen Nerd, der für sich im stillen Kämmerlein eine Lösung austüftelt.

Trotz der vielen Erfahrungen und Einblicke in verschiedene Unternehmen befand ich Anfang des Jahres, dass es erneut Zeit für eine Veränderung sei. Ich kündigte mit der vagen Idee im Hinterkopf, IT-Wissen abseits der Programmierung leichter zugänglich zu machen. Nach verschiedenen Projekten in dem Kontext startete ich im Mai als Customer-Experience-Managerin für das Fernstudium bei der IU (International University). Auch dort spielen IT und digitale Technologien weiterhin eine zentrale Rolle.

Ich bin der IT also trotz Vorurteilen treu geblieben. Und ich kann aus erster Hand bestätigen, dass viele der Vorurteile gegenüber IT genau das sind – reine Vorurteile. Nur eines von ihnen hat sich tatsächlich bewahrheitet: Während des Wirtschaftsinformatik-Studiums habe ich angefangen, Mate zu trinken und es bis heute beibehalten.

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