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Wie man in Deutschland ein Start-up gründet

Ein Studienaufenthalt in Istanbul veränderte alles: Ursprünglich hatte Robert Heinecke eine Karriere in der Strategieberatung geplant. Doch der Smog in der türkischen Großstadt beschäftigte ihn nachhaltig: Weshalb gab es kaum Messdaten zur Luftverschmutzung in der Stadt? Als er nach Deutschland zurückkehrte, hatte er nicht nur einen Master-Abschluss, sondern auch eine Geschäftsidee im Gepäck. Wenige Monate später gründete Robert ein Start-up, das mit kleinen Sensoren Luftdaten misst. Inzwischen ist Breeze Technologies international bekannt und erfolgreich. Ein Blick hinter die Kulissen.

Echten Smog habe ich zum ersten Mal 2014 in Istanbul erlebt, wo ich meine Master-Arbeit schrieb. Die andere Straßenseite konnte ich nicht mehr sehen. Ich versuchte, über das Internet Daten über die Luftverschmutzung an meiner Wohnung und auf meinem Arbeitsweg zu erhalten, fand allerdings kaum Informationen. Istanbul verfügte damals nur über eine Handvoll Luftmessstationen, die alle weit weg von den genannten Orten lagen. Wenn es keine Daten gibt, fragte ich mich, wie will man fundierte Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung treffen? Das Thema ließ mich nicht mehr los.

Dass ich einige Monate später ein Start-up gründen würde, um dieses Problem zu lösen, war mir damals nicht klar. Auf einer "Hamburg meets Silicon Valley"-Veranstaltung im amerikanischen Konsulat erzählte mir ein Vertreter der Europäischen Kommission von einem Förderprogramm für Gründungsideen im Bereich Smart Cities. Gefördert wurden Firmen, die IT-Systeme einsetzten, um die Lebensqualität der Bürger:innen zu erhöhen. So kam eins zum anderen: Mit zwei Arbeitskollegen, die ebenfalls am Ende ihres Studiums standen, entwickelte ich ein Konzept und schrieb ein entsprechendes Ideenpapier, das wir bei dem Förderprogramm einreichten.

Statt großer, teurer und wartungsaufwendiger Messgeräte wollten wir mit kleinen, kostengünstigen Sensoren lokale Luftdaten erfassen, die die Stadtverwaltung in ihre Luftreinhaltemaßnahmen integrieren kann. Wir bekamen den Zuschlag. So begann die Geschichte von Breeze Technologies, das damals noch unter einem anderen Namen geführt wurde.

Wir haben schnell festgestellt: Der Einsatz von Sensoren im Außenbereich ist ein schwieriges Unterfangen. Man muss die Technik robust genug machen, damit sie Unwettern und anderen externen Einflüssen standhält. Deshalb begannen wir zunächst mit der Luftqualitätsmessung und -datenauswertung in Büroumgebungen, einem deutlich beherrschbareren Mikroklima.

Schnell waren die ersten Kunden gewonnen, denn es ist wissenschaftlich belegt: Bessere Luftqualität führt zu höherer kognitiver Leistungsfähigkeit von Beschäftigten und zu einem niedrigeren Krankenstand. Die ersten Kunden waren selbst Unternehmer, die uns neben Referenzen auch viele Tipps und Feedback gaben. Über verschiedene Start-up-Programme bekamen wir Coachings und Mentorings in Bereichen, in denen wir uns weniger gut auskannten. Wir stellten erste Mitarbeiter:innen ein. Auf Basis des Kundenfeedbacks entwickelten wir neue Features für unsere Analysesoftware und machten unsere Technik bereit für den Einsatz im städtischen Kontext.

2017 war unsere Technik dann so weit. Wir starteten unser erstes Smart-City-Projekt in Hamburg, das von einem europäischen Google-Fonds finanziert wurde. Über ein Portal informierten wir die Bevölkerung über die aktuelle Luftqualität, die von mehreren Sensoren im Bezirk in Echtzeit gesammelt wurde. Dann ging es ganz schnell – das Projekt erregte national und international Aufmerksamkeit, wir gewannen unter anderem den Hamburger Gründerpreis, wurden im Europäischen Parlament geehrt und bei den "30 unter 30" des Forbes-Magazins gelistet.

Heute werden unsere Lösungen nicht nur von großen Unternehmen eingesetzt, sondern auch zunehmend in Städten. Breeze Technologies arbeitet seit Anfang 2018 profitabel und ist mittlerweile auch international bekannt.

Mein Arbeitsalltag – alles außer Routine

Eine meiner Hauptaufgaben ist das sogenannte Pitchen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens einmal erkläre, was wir machen. Besonders wichtig ist dabei, sich auf das Gegenüber einzustellen, die Geschichte nachvollziehbar aufzubauen und ein echtes Problem für die Zielgruppe zu lösen. Von den Reaktionen des Publikums versuche ich immer zu lernen, um beim nächsten Mal noch überzeugender zu sein. Das gilt auch für den Rest des Unternehmer:innendaseins: Einen Fehler zu machen ist nicht schlimm, solange man daraus lernt.

Daneben treibe ich unser Produkt konzeptionell voran; zum Beispiel plane ich zusammen mit unseren Entwicklern neue Features oder skizziere Designänderungen. Ich erledige teilweise auch andere gerade anliegende Aufgaben; dazu gehören zum Beispiel das Erstellen von Marketingmaterial, die Pflege der Social-Media-Kanäle und die Beantwortung von Anfragen.

Als CEO von Breeze muss ich über alles Bescheid wissen und mich auf sehr unterschiedliche Kommunikationspartner:innen einstellen: Potenziellen Kunden muss ich das Produkt ansprechend verkaufen. Journalist:innen interessieren sich für die Vision, Investor:innen muss ich den Markt und aktuelle Entwicklungen erklären. Partner:innen stellen Fragen zu unserer technischen Architektur und möglichen Schnittstellen, um ihre eigenen Lösungen anzubinden. Und auch Wissenschaftler:innen und Fachleuten in den Bereichen Luftqualität oder Smart Cities muss ich auf Augenhöhe begegnen können.

Wenn ich mich mit anderen Gründer:innen mit nicht-technischen Hintergründen unterhalte, merke ich oft, dass mir mein Informatikstudium und meine Entwicklererfahrung einen Vorsprung verschaffen. In viele andere Themen konnte ich mich einlesen, um einen generellen Überblick zu bekommen. Dass ich heute technische Möglichkeiten und Implementierungshorizonte schnell einschätzen und mit unserem Chief Technical Officer auf Augenhöhe diskutieren kann, verdanke ich aber meiner eigenen Erfahrung auf diesem Gebiet.

Die Entscheidung: Gründung oder Anstellung?

Von all dem wusste ich natürlich Anfang 2015, als wir Breeze Technologies gründeten, noch nichts. Ich musste zwischen einer Beraterlaufbahn, einem Posten in einem CTO-Vorstandsstab in einem US-Konzern und der Ungewissheit der Start-up-Gründung abwägen. Eine schwierige Entscheidung!

Doch für mich war schnell klar: Als CEO wäre ich für alle Bereiche des Unternehmens mitverantwortlich, ich bekäme überall Einblick. Produktentwicklung, Forschung, PR und Marketing, HR oder der Finanzbereich – alles musste neu aufgebaut werden. Diese Herausforderung hat mich extrem gereizt. Was mich letztendlich überzeugt hat, war die Sinnhaftigkeit meines Schaffens. Luftverschmutzung ist, nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO, die größte Umweltgefahr unserer Zeit. Über verschiedene Faktoren beeinflusst Luftverschmutzung auch den Klimawandel. Wenn ich etwas dazu beitragen kann, diese Probleme zu lösen, will ich das auf jeden Fall tun!

Ich glaube heute, dass jeder einmal in einem (Technologie-)Start-up gearbeitet haben sollte. Egal, in welcher Rolle man dort tätig ist: Durch die Zusammenarbeit im Team lernt man viel aus fachfremden Bereichen. Man kann sich an neuen Fragestellungen ausprobieren und eigene Projekte anstoßen. Vor allem übernimmt man aber von Anfang an Verantwortung in seinem Bereich. Alle tragen direkt zur Wertschöpfung bei. Deshalb laufen Entscheidungsprozesse, die in Konzernen Monate dauern, bei uns binnen Minuten ab.

Tipps für die eigene Gründung

Wer selbst ein Unternehmen gründen möchte, sollte sich im Vorfeld intensiv mit anderen austauschen. Es hilft sehr, von erfahreneren Unternehmer:innen zu lernen. Es lohnt sich, mit Menschen zu sprechen, die den Gründungsprozess schon hinter sich haben, und um Rat zu fragen.

Auch die Teilnahme an lokalen Start-up-Veranstaltungen ist sinnvoll, denn dort kann man sich über die eigenen Ideen austauschen und nach Feedback fragen. Eine Idee kann man nicht klauen, sie allein ist nämlich nichts wert. Viel wichtiger ist es, Mitstreiter:innen zu finden, Tipps zu erhalten und Kontakte zu knüpfen. Ich erlebe immer wieder eine unglaubliche Offenheit und Hilfsbereitschaft in der Community.

Auch folgende Tipps können bei der Gründung helfen:

  • In einem Team lässt es sich leichter gründen: Die ideale Größe für ein Gründerteam liegt bei zwei bis drei Personen. Werkstudent:innen und Praktikant:innen können schnell eingestellt werden; sie ergänzen ein Expert:innenteam wunderbar.
  • Man muss nicht alles selbst machen. Stattdessen sollte man diejenigen Aufgaben delegieren, die andere besser und effizienter machen können.
  • Man sollte frühzeitig einen Plan haben, wie sich die jeweilige Idee monetarisieren lässt. Ich bin kein Fan davon, sich für das Überleben des Unternehmens vollständig von Investor:innen abhängig zu machen.
  • Es lohnt sich, passende Start-up-Programme ausfindig zu machen. Das können Corporate Accelerators sein, aber auch unabhängige Formate, bei denen die Unternehmensentwicklung im Vordergrund steht.
  • Gründungszentren in Universitäten können bei der Anschubfinanzierung helfen. In Deutschland gibt es mit dem EXIST-Programm und verschiedenen anderen Förderinstrumenten viele Möglichkeiten für Ausgründungen aus der Forschung.

Deutschland ist kein Land, in dem einem die Gründung und das Führen eines Unternehmens besonders leicht gemacht werden. Als Unternehmer:in – und rechtlich gesehen entsteht ein Unternehmen in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) automatisch, wenn man zusammen an einer Idee arbeitet – ist man dafür verantwortlich, alle geltenden Regeln einzuhalten. Und davon gibt es eine ganze Menge.

Auf jeden Fall sollte man frühzeitig mit dem Gründerteam über Anteile, Rechte und Verpflichtungen der einzelnen Teammitglieder sprechen und das vertraglich festhalten. Für solche Verträge gibt es viele Muster im Internet. Dort (zum Beispiel auf den Websites der Handelskammern) findet man auch Gründerchecklisten mit Dingen, die man beachten sollte: Dazu zählen zum Beispiel die Anmeldung beim Finanzamt, bei der Handelskammer, den Berufsgenossenschaften etc. – ein ganz schöner Berg Arbeit!

Trotz des Verwaltungsaufwands und der Hindernisse: Nur wer bereit ist, Risiken einzugehen, kann wirklich etwas verändern, etwas Eigenes aufbauen. Am Ende bereuen wir, glaube ich, nur die Risiken, die wir nicht eingegangen sind. Und nur wer Verantwortung übernimmt, kann auch selbstbestimmt leben.

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